Die Menschen unserer Zeit bewegen sich immer schneller von A nach B. Laut einer Studie der Universität Hertfordshire in England benötigen Fußgänger in Singapur heute 10,6 Sekunden, um eine Strecke von 18 Metern zurückzulegen. Damit haben sie ihr durchschnittliches Tempo seit Anfang der 1990er Jahre um ein Drittel gesteigert. Und nicht nur Fußgänger laufen immer zügiger durch die Innenstädte: Autofahrer fahren immer schnellere Fahrzeuge, und auch die Diskussionen um Tempolimits, noch schnellere ICE-Strecken und die unendliche Geschichte des Transrapids erhitzen die Gemüter. Wie George Orwell ("1984") schon zu Lebzeiten (also vor 1950) festgestellt hat, vergeht die Zeit jedoch nicht schneller als früher, wir laufen nur immer eiliger an ihr vorbei. Warum? Nicht selten wird der gemeine Zeitgenosse auch auf diese Frage "Ich habe keine Zeit" antworten. Mit diesem Satz entschuldigen sich viele Menschen als Opfer des Zeitdrucks. So manch' einer meint mit einer solchen Antwort auch gezielt seine "Wichtigkeit" oder "Unersetzbarkeit" zu untermauern. Keine Zeit zu haben, gehört heutzutage zum guten Ton. Wohl die wenigsten Angestellten oder gar Manager würden bekennen, dass sich mancher Tag "wenig herausfordernd" gestaltet und sie die Zeit jedoch kreativ totzuschlagen wissen. Im eigentlichen Sinne jedoch meinen viele Menschen "ich habe keine Zeit mehr", wobei die Betonung auf dem Wörtchen "mehr" liegt sowie auf der scheinbaren Tatsache, dass für Aktivitäten wie "von A nach B laufen" keine Zeit mehr vorhanden ist, weil sie (scheinbar) keinen Wertzuwachs im Leben bringen und dadurch verlorene Zeit darstellen. Die Beschleunigung hat Einzug in alle Lebensbereiche gehalten und mit ihr kamen Zeitdruck und Zeitnot.
War das früher anders? Hatten wir, als wir noch im Sandkasten oder Verstecken mit Freunden spielten, mehr Zeit? Damals gab es keine E-Mails, von denen heute an manchen Tagen derart viele kommen, dass sie den elektronischen Postkasten verstopfen (vor allem von den Kontakten, die das E-Mailen als Instant Messaging verstehen). Damals gab es keine Geschäftstermine, die sich über die ganze Welt verteilten. Es gab nur uns und unsere kindliche, naive Welt. Später erlebten wir sehr emotionale Momente wie den ersten Kuss, die erste Liebe, die ersten Beziehungsprobleme mit einer anschließenden Versöhnung oder auch einem Nimmerwiedersehen. Wie aufregend war der erste Computer. Im alten Griechenland gab es zwei Worte für Zeit: "Chronos" [1], die gleichförmig ablaufende äußere Zeit, die sich z.B. in Uhren und Kalendern manifestiert und Kairos [2], die ungleichmäßig ablaufende innere Zeit, die den Gefühlen zugänglich ist: der "günstige Augenblick" oder der "perfekte Moment".
Augenblick, verweile doch, du bist so schön! (J. W. von Goethe)
In perfekten Momenten scheint die Zeit geradezu still zu stehen. Das kann passieren, wenn ein Referent zum ersten Mal vor einem begeisterten, frenetisch jubelnden Publikum steht. Das kann sein, wenn jemand nichtsahnend und in ehrbarer Absicht durch die Flure seiner Firma läuft und flüchtig irgendwem begegnet, dessen Schönheit ihn beim ersten Blick umwirft. Einen perfekten Moment kann es geben, wenn man sich bewusst wird, dass man mit jemandem im Charakter, in der Moral, in den Ansichten derart übereinstimmt, dass man plötzlich "in dieser verrückt gewordenen Welt" nicht mehr alleine zu sein scheint. Ein perfekter Moment kann auftreten, wenn man einen guten Freund wiedersieht, oder aber ihm eine unerwartete Freude machen kann. Ein Dankeschön, das er nicht erwartet, weil er zu viel von dem heutzutage üblich gewordenen "Erst mal schönen Dank" in den Schränken im Flur und in den restlichen Zimmern hat. Für die meisten Menschen ist der erste Kuss ein perfekter Moment.
Es gibt viele Gelegenheiten, die zu perfekten Momenten erwachsen können – perfekte Momente sind höchst subjektiv. Wer aber mit Vorliebe hart und härter arbeitet, sich dem Diktat der Zeiger unterwirft, an jeder Veranstaltung teilnimmt, dessen Tag vom Abarbeiten von To-Do- Listen strukturiert ist, wer seine vielen Entscheidungsfreiheiten dazu nutzt, mehr zu realisieren, logischerweise die Zeit mit Prüfung der Alternativen daraus verbringt, die Endlichkeit allen Lebens als Begründung dafür nimmt, um nichts "Wichtiges" zu verpassen und zwei oder drei Leben in einem führt, wer in seiner Vita oder Bewerbung schreibt "seine Freunde liebt, aber leider viel zu selten sieht", der sollte sich vielleicht nicht fragen, warum ihm das Schicksal keine Chance für perfekte Momente gibt.
Im Leben, so sagt ein Sprichwort, ginge es letztlich nicht um die Anzahl der Atemzüge, die man macht, sondern um die Anzahl jener Momente, die einem den Atem nehmen. In Zeiten des Geschwindigkeits- Wahnsinns aber, wo das Chronos-Denken den Alltag beherrscht und sich unter anderem ausdrückt in Instant-Suppen, Fast Food, Instant-Messaging, E-Mail, noch schnelleren Anbindungen, egal ob ICE oder DSL 16.000, werden Zeitverdichtung und Gleichzeitigkeit zu Maximen. Wir sind zwar rund um die Uhr erreichbar, aber alles muss schnell gehen: "Kann ich dich mal kurz etwas fragen", "Hast du mal kurz Zeit", "Kannst du mal kurz dies oder jenes erledigen" – kurzum: Alles ist inhärent mit Zeitverdichtung, mit Kurzzeit, belegt. In diesem Kurzzeitwahn kommt es sogar vor, dass die Frage, wie es einem geht, per E-Mail und dort nur im "Betreff" gestellt wird. Für ein paar Zeilen mehr in der E-Mail, für einen Anruf oder sogar wohl ganz altmodisch und "analog" mit einem Brief zu kommunizieren, ist keine Zeit. In den westlichen Gesellschaften wird Zeit überwiegend als Ressource angesehen, die es zu verwalten und zu nutzen gilt. Damit hat die gesellschaftliche und vor allem wirtschaftliche Entwicklung hat eine Eigendynamik gewonnen, die Hektik und sinnlose Hast in alle Lebensbereiche hinein trägt und dabei jedes natürliche und vor allem effiziente Maß ignoriert.
Wie eine Umfrage des Freiburger Beratungsunternehmens Saaman Consultants AG ergeben hat, stellen gerade viele jüngere Führungskräfte die beruflichen Belange zum großen Teil über private Interessen oder ihre Freizeit. 91 Prozent der Befragten unter 40 Jahren gaben an, dass sie für ihren Beruf Freizeit opfern würden bzw. dieses auch tun. Bei den 40- bis 50-jährigen Führungskräften sind es nur noch 76 Prozent, bei den über 50-jährigen nur noch 52 Prozent. Natürlich gibt es für jegliche Absichten eine Statistik oder Umfrage, mit der man irgendetwas begründen oder beweisen kann, aber deutlich wird eines: Der Satz "Ich habe keine Zeit (mehr)" stimmt nicht. Er müsste vielmehr heißen, "Mir sind die Opportunitätskosten für die Aktivität XY (aufgrund meiner begrenzten Lebenszeit) zu hoch" (Opportunitätskosten sind die Kosten für den Verzicht auf etwas Alternatives). Bereits Kinder und Schüler bekommen heute den Zeitmangel zu spüren. "Früher" verlief alles wie am Schnürchen, sozusagen linear: aufstehen, anziehen, gemeinsames Frühstück, dann der Weg zur Schule. Eines nach dem anderen. Heute wird schon hin und wieder auf dem Weg zur Schule noch schnell gefrühstückt oder die Mahlzeit fällt ganz aus, weil die Zeit nicht reicht. Zeitgenossen werden von klein auf zum Multitasking erzogen; Gleichzeitigkeit ist Normalität geworden. ...






