Freitag, 25. Mai 2012


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Dezember 2007 | Artikel

(Keine) Zeit für Herzrasen! Fortsetzung, Teil 2

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Ticken wir noch richtig?

1990 klagten 48 Prozent der Arbeitnehmer über Zeitmangel und Zeitfristen, zehn Jahre später waren es schon 58 Prozent. Stress ist zu einer Volkskrankheit geworden, die Unternehmen und Volkswirtschaft jedes Jahr Millionen Euro kostet und als Hauptursache psychischer Erkrankungen gilt. Körperliche Aktivitäten nehmen ab – auch Sportvereine lassen sich mit Vollzeitbeschäftigung immer weniger vereinbaren – während die psychischen Belastungen rapide zunehmen. Der Computer, das verheißungsvolle Instrument, sollte in Kombination mit dem "Wunderkind Internet" Zeiteinsparungen mit sich bringen, und nicht nur das: alles sollte effizienter und effektiver vonstatten gehen, sogar von papierlosen Büros war die Rede. Der Effekt ist indes paradox: weniger Menschen müssen immer mehr arbeiten. Die Folge: Der Mensch der Gegenwart ist unaufmerksam, gereizt und übermüdet. Er arbeitet hoch konzentriert und ergebnisorientiert unter Dauerstress bei abnehmenden sozialen Kontakten. Die vergangenen 30 Jahre produzierten mehr Informationen als fünf vorangehende Jahrtausende. Mit der Informationsflut gerieten die Menschen jedoch ins Fahrwasser der Überforderung. Depressionen sind mittlerweile neben Krebs und Herz- Kreislauf-Erkrankungen die drittgrößte Volkskrankheit. Laut DAK-Gesundheitsbericht 2007 leiden über zwölf Prozent der Frauen und acht Prozent der Männer an psychischen Erkrankungen. Jeder fünfte Deutsche zeigt inzwischen typische Stresssymptome wie Kopfschmerzen, Herzrasen, Schlafstörungen. Eine Studie des Bundesverbands der Betriebskrankenkassen ergab, dass arbeitsbedingte Erkrankungen jährliche Kosten von mehr als 28 Milliarden (!) Euro verursachen. Der Umsatz von Beruhigungstabletten und Antidepressiva steigt jedes Jahr um zehn Prozent.

Zeitnot wird so zum Geschäft. Und Zeitgenossen in der gehetzten Gesellschaft sind nicht mehr in der Lage, einfachste Gedanken zu Ende zu denken, geschweige denn sich mit komplexeren Fragestellungen wie etwa den eigenen Lebenszielen auseinander zu setzen. Und Projekte scheitern, weil Prozesse nicht zu Ende gedacht werden.

Zeit heißt Effizienz

Mit der Überforderung schwindet das Wissen um unser Wesen, der Blick für das Wesentliche, der Sinn für die Sinne. In Stresssituationen verkürzt das Gehirn drastisch die Informationsmenge, die es verarbeiten muss und greift stattdessen auf bewährte primitive Urprogramme zurück: Flucht, Angriff, Erstarrung. Die Denkleistung sinkt. Damit nimmt das Übel seinen Lauf. Unter Dauerstress werden Menschen zu Robotern, Marionetten an Glasfaserkabeln, funktionierenden Kreaturen im Laufrad der – wie nennen wir es am besten? – Produktivitätsmaschine, des Fortschritts, der Hetzjagd auf die Zukunft, der Überforderung, Erschöpfung. Stress nagt erst an der Seele, dann an der Gesundheit. Die Japaner – immer ein wenig ihrer Zeit voraus – haben schon ein Wort für jenes zeitgenössische Phänomen: "Karoshi", Tod durch Überarbeitung. Muße oder Müßiggang sind inzwischen zu Fremdworten geworden. In Deutschland erstattet die Bahn Fahrpreise, wenn der ICE mehr als 30 Minuten Verspätung hat. In den meisten Ländern der Erde gibt es gar kein Schienennetz, geschweige denn Fahrpläne. Dort fahren Busse (vielleicht) – nach dem Motto: "Morgen ist auch noch ein Tag..." In den deutschen Bahnhöfen werden hingegen bei einer Verspätungsansage von Minuten im einstelligen Ziffernbereich die Mobiltelefone gezückt – der Wartende hat schließlich auch keine Zeit. Effizienz ist das Schlagwort.

Wenn wir von der Zeit sprechen, verwenden wir hierzulande in der Regel räumliche Bilder und zwar meist solche, in denen die Zeit aktiv dargestellt wird und wir selbst passiv. Effizienz baut aber nicht auf ständigem Optimieren und Vergleichen auf, sondern setzt die Konzentration auf das Wesentliche voraus. Effizienz kommt vor allem von Ausgeglichenheit. "Es gibt wichtigeres im Leben, als beständig dessen Geschwindigkeit zu erhöhen", hat Mahatma Gandhi gesagt. Andere meinen, das "Keine-Zeit-Haben" sei die modernste Form menschlicher Armut. Zeit sei das Kapital der Konsumenten von morgen, hauen Trendforscher in die gleiche Kerbe.

Genau hier liegt ein Ansatzpunkt für Entschleunigung. Projektmanager, Verantwortliche, Firmen, müssen möglichst vorher und mit ausreichend Zeit dazu darüber nachdenken, den an Projekten Beteiligten mehr Zeit und mehr Entscheidungsspielräume über diese Zeit einzuräumen. Wie oft heißt es, "für eine ausführliche Dokumentation ist keine Zeit", "das machen wir später", "das wird noch gefixt", "das ist erst einmal gut so", "Hauptsache, es funktioniert erst einmal beim Kunden". Das Wort einmal lässt grüßen und dient hier nicht nur als rhetorisches Mittel, sondern ist in unserer Gegenwart Zeuge immer häufigerer Rückrufaktionen als Folge nicht durchdachter Prozesse, nicht ausreichender Tests, falscher Entscheidungen und so weiter.

Bei Auslieferung (k)ein Legacy-System

Gegenbeispiel Microsoft, und dort im Speziellen Scott Guthrie, General Manager in der Developer Division: Dieser Mann hat eine beeindruckende Karriere zurückgelegt, ist auf seinem Gebiet eine Koryphäe und für manche auch (berechtigterweise) ein Guru oder IT-Gott. Guthrie führt die Entwicklungsteams, die Software wie CLR, ASP.NET, WPF, Silverlight, Windows Forms, IIS 7.0, Commerce Server, .NET Compact Framework und die Visual Studio Web and Client Development Tools entwickeln, an. Der Manager hat über Zeit und Prinzipien nachgedacht: "Ich unterscheide zwischen testgesteuerter Entwicklung als Methode für die frühe Förderung von Qualität und als Methode für die Bereitstellung einer Basis, anhand derer ich meine Codebasis umschreiben und anpassen kann, ohne mir Sorgen um Rückschritte machen zu müssen.[...] Ich bin der Meinung, dass sich eine Prototypphase sogar lohnt, bevor man zum Produktionscode übergeht. Das ist eines der erfolgreichen Dinge, die wir bei ASP.NET taten. Wir sagten: Lasst uns in den nächsten paar Monaten jede Zeile Code, die wir schreiben werden, wegwerfen."[3] Ja, richtig, Microsoft hat Prototypen zum Verständnis, nicht für produktiven Code, entwickelt und dann rigoros weggeworfen. Scott Guthrie: "Wir werden nicht sagen: 'Ach, wir nehmen das und passen es an, das können wir schon hinbiegen.' Nein. Wir werfen es weg. Wir werden dieses Unterverzeichnis an einem Punkt komplett löschen, und so können wir viel abenteuerlicher neue Dinge ausprobieren. Wir müssen uns nicht darum kümmern, dass alles einwandfrei funktioniert, um in der finalen Version enthalten zu sein."[3]

Für gute Entwürfe, basierend auf dem mit Prototypen gewonnenen Verständnis, und daraus resultierende gute Projektlösungen, braucht es Zeit. Der Erfolg von .NET ist mit Sicherheit auch jenen Managern bei Microsoft zu verdanken, die das Risiko mit einem solchen Ansatz wagten. Zeit, nicht nur als einfacher Puffer, der Verstrickungen in Projekten auffängt, muss für eine ausführliche Analyse/Design- Phase vorhanden sein. Zeit muss dafür da sein, über die Problemstellung nachzudenken und jeden Stein umzudrehen, wenn es sein muss. Wenn das nicht der Fall ist, wird die erstellte Lösung tendenziell schlecht, den Mitarbeitern geht es nicht gut und alles trägt den Charakter einer Hau-Ruck-Aktion. Harte Arbeit wird dann zu beschwerlicher Arbeit, auch wenn die Opportunitätskosten hoch bezahlt sind.

Ständige harte Arbeit ist kontraproduktiv. Sie trübt den Blick, vor allem aber bremst sie den Motor aller Innovation: Fortbildung und Freiräume. Das Ökosystem der Softwareentwickler hat sich geändert. Microsoft hat sich geändert, andere Softwarehersteller, Hersteller an sich haben sich geändert. Vor Jahren war alles äußert geheim, Informationen gab es zu neuer Software, neuen Frameworks, neuer Hardware, aus dem Unternehmen an sich und überhaupt so gut wie keine. Ganz anders ist das heute. Ständig kommt eine neue Alpha, kurze Zeit später mittlerweile schon eine Beta 2 und spätestens dann, wenn man Zeit hat, sich damit zu beschäftigen oder es gar braucht, eine RTM mit dem ersten angekündigtem Service Pack 1.

Über Blogs, Videoportale und mehr kann man heute an aktuellen Informationen zu Technologien, am Leben, der Ideologie, dem Gefühl in den Unternehmen und deren Umfeld teilhaben. Der Sinn dahinter ist einfach: Die Unternehmen bekommen so früh wie möglich Feedback, um besser den Geschmack der Anwender zu treffen – ein Ansatz, der etwas von dem Scott Guthries hat. Im Endeffekt wachsen Lernkurven so aber beständig, die Arbeit wird ohne Refokussierung folglich beschwerlicher. Das gilt gerade in der Softwareentwicklung, in der sich die Menge der verfügbaren und potentiell einsetzbaren Technologien ständig erhöht, auch wenn hin und wieder eine Technologie wie z. B. Visual FoxPro "wegfällt".

Das Diktat der Zeiger und Maschinen

Nach einer Studie des US-amerikanischen Psychologen Robert Levine, der das Lebenstempo in über 30 Ländern verglichen hat, geht ein höheres Arbeits- und Lebenstempo nicht zwingend mit einem Verlust an Lebensqualität einher. Im Gegenteil: Eine produktive Wirtschaft führt im Allgemeinen zu materiellem Wohlstand und höherem Lebensstandard. Sie führt aber auch zu mehr (selbst gemachtem) Stress und ungesunden Gewohnheiten. "Die Früchte von Individualismus und harter Arbeit", so Levine, schufen "das Potential für Wohl und Wehe gleichermaßen." Letztlich ginge es darum, so Levine, den "Zyklus sinnloser Gewohnheiten und Zwänge aufzubrechen", und sein individuelles Tempo mit dem seiner Umgebung in Einklang zu bringen. ...

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Kommentare

Gravatar Petra Traub 11.03.2008
um 21:06 Uhr
Gelungener Artikel! #zitieren
Gravatar Eric Meier 30.12.2008
um 00:12 Uhr
Gefällt mir sehr, dieser Ansatz. Erst denken, ob man es muss und will, bevor man was tut...!! #zitieren