Freitag, 25. Mai 2012


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Dezember 2007 | Artikel

(Keine) Zeit für Herzrasen! Fortsetzung, Teil 3

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Das heißt nicht, dass die eingangs erwähnten Singapurianer ihr Tempo an das der Fußgänger in Blantyre, Malawi, Südostafrika, angleichen sollen, die zeitlupenhafte 31,6 Sekunden für eine Strecke von 18 Metern und damit drei Mal so lange benötigen wie die Singapurianer. Dies könnte vielmehr erfolgen, indem man sich in schnelllebigen Kulturen immer wieder zwei Fragen stellt: Erstens, muss ich das tun? Zweitens, möchte ich das tun? Eine Handlungsmaxime basierend auf Verneinung der ersten, und Zustimmung zur zweiten Frage beschert uns einen wesentlichen Gewinn: Mehr Kontrolle über die eigene Zeit, einhergehend mit Annehmlichkeiten wie Seelenruhe, Gelassenheit und offene Zeiten.

So hat es auch eine der größten Bedrohungen von Microsoft vorgemacht: Bei Google haben Mitarbeiter einen Tag in der Woche frei. Die Mitarbeiter von Google können in dieser frei verfügbaren Zeit eigene Projekte verfolgen. Sie können aber auch einfach auf dem Campus spazieren gehen, die Urlaubsreise planen oder einen Liebesbrief schreiben. Gerade Softwareentwickler – Spielkinder, oft deswegen auch als Nerds oder Geeks verschrien – brauchen diese Freiheit. In diesem Ökosystem entwickeln sie die besten Ideen, fühlen sie sich wohl, reflektieren, schrauben, basteln und spinnen sie. So sind bei Google die besten Ideen wie beispielsweise Google Mail oder Google News entstanden, die mittlerweile einige Firmen bedrohen.

Echte Innovationen, die genialen und nicht nur guten Lösungen, brauchen Freiraum, aufgespannt durch dafür verfügbare Zeit, durch disziplinübergreifende Diskussion und Anwendung schon der Zwischenergebnisse, als auch der Freiheit von Misserfolgen ohne Folgen. Ganz wie z. B. bei Scott Guthrie oder den Mitarbeitern bei Google. Das gilt gerade für den experimentellen Bereich, im Rahmen der Forschung großer Unternehmen, die zugegeben auch finanzielle und personelle Ressourcen dazu besitzen [4]. Es gilt aber auch im Kleinen, bei kleineren bis mittleren Unternehmen, wo es Natur gemäß weniger experimentelle und dafür mehr gezielte Projekte gibt, die hauptsächlich durch das Tagesgeschäft bestimmt sind. Dass das funktioniert, zeigt z.B. die Axinom GmbH mit Sitz in Fürth. Hart zu arbeiten heißt hier, dass durch das Management genau dafür Ventile geschaffen werden. Jeder Softwareentwickler muss für seine benötigte Zeit "kämpfen", seine Überlegungen anderen vorstellen, sie verteidigen und verantwortet so betriebswirtschaftliche Komponenten des Unternehmens, nicht nur das Management an sich. "Ich hatte keine Zeit" oder ähnliches funktioniert als Entschuldigung dann nicht mehr. Je nach Selbsteinschätzung und Verhandlungsgeschick – die Anspruchsniveautheorie (Kontrollinformationen, Vorgaben führen i. d. R. zur Leistungssteigerung durch Erhöhung des eigenen Anspruches) lässt grüßen – können so die Mitarbeiter abends pfeifend nach Hause gehen und eine ausgeglichene Work-Life-Balance leben, anstatt ein "Ich-bin- einfach-zu-fertig" als Entschuldigung für Aktivitäten nach der Arbeit vorschützen zu müssen. Ebenso wird auch Informationsasymmetrie, durch dezentrale Organisationsstrukturen in Unternehmen bedingt, gerade auch zwischen den Welten Manager und Softwareentwickler, zum Vorteil aller genutzt.

Sich Zeit erkaufen

Was hat es überhaupt mit dem protestantischen Ideal der Rund-um-die-Uhr-Beschäftigung noch auf sich? Max Weber, deutscher Denker des Frühkapitalismus, formulierte zu Beginn des 20. Jahrhunderts den Zusammenhang von protestantischer Ethik und dem Geist des Kapitalismus. Mit "Schaffe, schaffe, Häusle bauen" lässt es sich auf einen Nenner bringen – nur, dass es heute mit einem Häusle längst nicht mehr getan ist. Da sind Kredite (verwiesen sei auf die platzende Immobilienblase, die in den USA ihren Ausgang nimmt), Hypotheken, Vorsorge, des Nachwuchses Ausbildung, ein paar Wochen (in deutschen Landen zumeist bezahlten, wohlgemerkt) Urlaub im Jahr, eventuelle schlechte Zeiten, Unsicherheit, von den Versuchungen des Konsumsektors mal ganz zu schweigen – man muss sich ja auch mal was gönnen nach all der harten Arbeit! "Schaffen" meint vor allem anschaffen, anhäufen. "Wir erkaufen uns Güterwohlstand mit Zeitnot" hält der Münchner Zeitforscher Karlheinz Geißler entgegen. Es sei das Diktat der Gegenwart, menschliche Bedürfnisse durch Produkte zu beantworten, meint der österreichische Philosoph und "Verein zur Verzögerung der Zeit"-Gründer Peter Heintel.

"Time matters" [5] – dieser Spruch ist nicht neu. Vielleicht aber das Verständnis dieser Aussage. Zeit ist heutzutage ein Wohlstandsindikator geworden. Die Liebe, die Gründung einer Familie, die Erholung, alles das kostet sehr viel Zeit. Zeit, die nicht für Karriere oder das Geldverdienen zur Verfügung steht. Man muss halt Prioritäten setzen! Ja, das mag gängige Devise und nicht nur ein bekannter Werbeslogan sein. Aber ist wirklich alles das, was wir so tun, dermaßen wichtig, wie wir es uns vormachen? Geht die Welt unter, wenn wir uns ein paar Mal im Leben anstatt für Arbeit für ein Abenteuer mit dem Partner oder mit Freunden entscheiden oder einfach einen Termin sausen lassen? Ist die Arbeit, die wir heute tun, in 100 oder 1.000 Jahren im Rückblick wirklich noch so wichtig, verglichen mit der Aufmerksamkeit, mit der wir ihr heute nachgehen, mal abgesehen von der Notwendigkeit zum Lebensunterhalt? Bei auch nur einem einzigen durch einen Arzt geretteten Leben, da wird jeder zustimmen, ist diese Arbeit wichtig. Aber wer will von einem übermüdeten Arzt behandelt werden, der nicht auf dem Stand der neuesten Medizin ist und alles in "Auf-den-letzten-Drücker"-Aktionen durchführt? Oder, wie heute längst Realität geworden, der gerade noch ein paar Überstunden an seinen 36-Stunden- Dienst anhängt? Auch der Chefredakteur des dot.net magazin hätte diesen Artikel gerne viel, viel eher gehabt, aber ein guter Artikel braucht neben mindestens einiges an Recherche – wie guter Wein auch – vor allem auch Zeit. Also muss der Verleger warten; mit dem Risiko für die Autoren, den Artikel nur woanders beziehungsweise gar nicht publizieren zu können. Genau solche Entscheidungen muss jeder für sich selbst, jeder Manager und jedes Unternehmen wieder bewusster treffen und damit auch den Anteil der verfügbaren Zeit für jede Aktivität, wie Projekte, Karriere, Familie, Liebe und Erholung. Die guten alten Zeiten, nach denen man sich in ein paar Jahren zurücksehnen wird, finden schließlich jetzt statt.

Die Axt des Lebens schärfen: Zeitautonomie als neue Maxime

Es ist wie bei einem Waldarbeiter, der beständig Bäume mit der Axt schlägt: Er wird immer weniger Bäume pro Tag fällen können, wenn er die Axt nicht immer wieder neu schärft. Beste Arbeitsresultate bedürfen Werkzeuge in (physischer und psychischer) Topform, die zu erlangen es wiederum Zeit und Hingabe erfordert. Der Weg ist das Ziel.

"Machen Sie Zeitplanung wieder zu einem echten Werkzeug, das Ihnen untertan ist", meinen auch Werner Tiki Küstenmacher und Lothar J. Seiwert in ihrem Buch "Simplify your life". "Sagen Sie sich nicht mehr: 'Ich muss heute diese wichtige Aufgabe erledigen', sondern: 'Ich muss für diese wichtige Aufgabe einen guten Tag finden.' Der Unterschied besteht darin, dass Sie nicht mehr auf das reagieren, was der Terminkalender vorschreibt, sondern dass Sie frei agieren." Sie raten außerdem, sich einmal pro Jahr eine neue Stelle zu suchen, auch wenn man nicht wirklich seinen Arbeitgeber wechseln will. Denn nur wer die eigenen Alternativen kennt, kann selbstbestimmt handeln.

Mehr und mehr "Trendsetter" hinterfragen ihren Lebensstil, machen Gesamtrechnungen auf, erwägen kürzer zu treten, den Wettlauf im Hamsterrad des hochgepitchten Angestelltendaseins gegen einen angenehmen Spaziergang durchs Leben einzutauschen. Individueller "Erfolg" drückt sich dann in der Freiheit aus, mehreren erfüllenden Aktivitäten Zeit zu widmen und vor allem zu weiten Teilen selbst zu bestimmen, wie man die eigene Lebenszeit gestaltet. Vielerorts ist das bewusste "Herunterschalten" von Konsum und Karriere zu Gunsten von Lebensqualität ein schon seit längerem anerkanntes Phänomen. "Downshifting" heißt das Zauberwort, das schon eine Weile herumgeistert und gerade neue Konjunktur erfährt. "Ende des Rattenrennens: Das Phänomen 'Downshifting' elektrisiert das Milieu der einstigen Karrieristen", beschrieb die Süddeutsche Zeitung vor einem Jahr jene freiwillige Reduktion von Arbeit und materiellen Ansprüchen zugunsten einer geistvolleren und womöglich sinnhafteren, ökologischeren Lebensweise. Die US-Amerikaner wie auch die Briten feiern einmal jährlich die "National Downshifting Week" unter dem Motto "7 Tage – 7 Wege – Herunter zu schalten und Grüner zu werden" ("7 days – 7 ways – to Slow Down and Green Up") [6]. Soziale Bewegungen wie "Slow Movement" – langsames Essen [7], langsame Städte, langsame Liebe (mit Herzrasen), langsames Leben (ohne Herzrasen) [8] – oder "Simple Living" haben um sich gegriffen. Balance finden, sich Zeit nehmen, auf das Wesentliche besinnen, Nachhaltigkeit anstreben, Einstellungen zur Arbeit überdenken, Abkehr vom Verheizen-Lassen, "Quality Time" mit denen zu verbringen, die einem wichtig sind, lauten die Devisen. Kurzum: Es geht um Aussteigen und Ausspannen statt Mitrennen und Gehetztsein.

Downshifting an sich ist natürlich nichts Neues: Schon dem Philosophen Diogenes von Sinope verdanken wir die Gedankenfigur des Rückzugs von fragwürdigen Wertmaßstäben. Und Sokrates soll beim Gang über den Markt von Athen gesagt haben: "Ich sehe mit Freude, wie viele Dinge es gibt, die ich nicht benötige." Das Phänomen ist demnach mindestens zweieinhalb tausend Jahre alt. Seine wahre Bedeutung liegt heute jedoch in der Reduktion der 60-Stunden- Woche auf die 50-, 40-, 30-Stunden- Woche, der Hinwendung zum bezahlten, umweltfreundlichen Kleinwagen, und zum Urlaub in der Uckermark statt (jedes Jahr) in der Karibik.

Nur wer rechtzeitig herunterschaltet, kann auch wieder Gas geben: Wer sich auf die Suche nach seiner Zeit begibt, wird nicht unbedingt andere Dinge tun, aber die Dinge anders betrachten. Gelingt es dem einzelnen, seine Zeit selbst zu bestimmen, gewinnt er Souveränität über die Zeit. Er wird vermutlich den Wert der Langsamkeit genießen, dort, wo sie angebracht ist. Er wird sich fragen, was für ihn wirklich Entspannung und Genuss bedeuten. Er wird den Alltag zelebrieren, vom Essen bis zur Liebe. Er wird Mut zu Prioritäten beweisen, Mut hin und wieder abzuschalten (im übertragenen wie wörtlichen Sinne) und wird vielleicht auch zu einem Schluss kommen, wie ihn Thomas Sohnrey [9] irgendwann treffend in einem Gespräch formulierte: "Ich höre wieder den Vögeln zu, höre wieder zu, wie das Gras wächst, beim Zuhause sein, beim Rad fahren… und das ist wunderbar."

Torsten Weber ist im Juli 2007 für seine Expertise bei mobilen Geräten durch Microsoft ausgezeichnet worden und hat Zeit verwendet, um zu zeigen, dass es mehr als Expertise gibt. Sie erreichen ihn unter feedback@torstenweber.de. Nadine Swibenko, Soziologin, lebt und arbeitet in Thailand, wo die Menschen langsamer laufen und öfter lächeln.

Links & Literatur

[1] Definition lt. Meyers Lexikon: Chronos (ç-; griechisch "die Zeit"), im alten Griechenland die Personifikation der Zeit, auch als Gott der Zeit angesehen; mit Kronos gleichgesetzt.
[2] Definition lt. Meyers Lexikon: "Kairos" (griechisch), der, der "günstige Augenblick", der dem Menschen nach Auffassung der Antike schicksalhaft entgegentritt und von ihm zu nützen ist. Im Neuen Testament Bezeichnung für die Heilszeit, die mit dem Kommen Christi angebrochen ist.
[3] Architecture Journal: Interview mit Scott Guthrie über Architektur und Karriere
[4] Vgl. z. B. research.microsoft.com/users/ roylevin/OSRResearchMgmt.pdf oder heise .de/tr/result.xhtml?url=/tr/artikel/94997
[5] Benjamin Franklin: Advice to a Young Tradesman, 1748, Original engl.: "Remember that time is money"
[6] www.downshiftingweek.com
[7] Der mit am meisten gelesene Blogeintrag in Torsten Webers Blog ist Chili-Honig-Hähnchenkeulen
[8] Janssen/Joraschky/Tress: "Wenn Herzrasen nicht von verliebt sein kommt", Titel aus "Leitfaden Psychosomatische Medizin und Psychotherapie", Deutscher Ärzte-Verlag
[9] teddysohnrey.blogspot.com

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Kommentare

Gravatar Petra Traub 11.03.2008
um 21:06 Uhr
Gelungener Artikel! #zitieren
Gravatar Eric Meier 30.12.2008
um 00:12 Uhr
Gefällt mir sehr, dieser Ansatz. Erst denken, ob man es muss und will, bevor man was tut...!! #zitieren