Verdrehte Welt: Wären die Zeitung, das Radio und das Fernsehen wie das Internet, würden wir uns wohl nicht mehr aus dem Haus trauen. Schon in der Morgenzeitung müsste der unbescholtene Abonnent damit rechnen, von Unbekannten namentlich beschimpft zu werden. Ein böser Anruf des Geschmähten bei der Redaktion stieße in solchen Fällen nur auf Bedauern: Man sei schließlich Dienstleister und müsse die Meinungsfreiheit der anderen Leser achten.
Im Büro wären wiederum die TV-Nachrichten vom Vorabend das Thema Nummer eins. Nicht weil Britney Spears offenbar doch noch tiefer sinken kann, sondern weil der stille Kollege aus dem Controlling im Fernsehen auf wilden Partyvideos zu sehen war. Wer’s verpasst hat, könnte sich den Spaß natürlich auch noch später ansehen. Der Hilferuf des Betroffenen an die Verantwortlichen der Sendeanstalt würde die Peinlichkeit nicht lange aus der Welt schaffen. Keine 24 Stunden vom Fernsehschirm verschwunden, tauchen die Ausschweifungen auch schon wieder auf: eingestellt von einer Person namens Diggimaus73.
Auch mit Umzug und Arbeitsplatzwechsel ließe sich in unserer fiktiven Welt nichts ausrichten. Denn der stille Controller würde schließlich die Privatvideo-Charts sowohl in vier europäischen Staaten als auch in den USA anführen. Wer den Beklagenswerten näher kennenlernen will, müsste nur zu den Gelben Seiten greifen. Dort könnte jeder den kompletten Lebenslauf, den gegenwärtigen Arbeitgeber und dazu noch Wohnsitz und Freunde des "German Partyhäängst" verzeichnet finden.
Die Gefahr unfreiwilliger Berühmtheit und die Sorge, übersehen zu werden
Der Vergleich hinkt natürlich. In den klassischen Massenmedien entscheidet immer eine Minderheit, was die Mehrheit sehen darf. Um hier ohne Talent berühmt zu werden, bleibt dem Normalbürger als Möglichkeit eigentlich nur die Saalwettenkandidatur bei "Wetten, dass…?". Alternativ ist auch ein Superstarcasting auf RTL denkbar, unter Inkaufnahme von Dieter Bohlens bösen Sprüchen.
Im Internet aber kann jeder über Nacht zum Star werden. Vielen widerfährt dieser Ruhm allerdings unfreiwillig und für manchen wird er sogar lebensgefährlich.
Klar ist: Kaum jemand möchte, dass sein letztes Schäferstündchen als heimlich gefilmter Videoclip bei YouTube auftaucht. Ein bisschen Aufmerksamkeit im Netz kann aber wiederum auch nicht schaden. Will man mit seiner Bewerbungen erfolgreich sein, bei Kommilitonen Anschluss finden oder als Selbstständiger Kunden von seinen Qualitäten überzeugen, muss man sich heute im Web engagieren.




