Mittwoch, 23. Mai 2012


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März 2009 | Artikel

TOCA ME 2009 Fortsetzung, Teil 3

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Joel Gethin Lewis – kreativer Missionar in Lederjacke

Der Interaktionsdesigner Joel Gethin Lewis ist ein Mann der Extreme. Auf der Bühne taucht er in Lederjacke und mit leichter Haartolle auf, was nicht gerade zu seiner immer wieder betonten Heimatverbundenheit passt. Das Grün der Walliser Hügel hat ihn künstlerisch geprägt, versichert er. Im Schoß einer großen Agentur, bei der er sichere Arbeit hatte, hat er sich im Gegensatz dazu aber nicht lange wohl gefühlt. Nach dreieinhalb Jahren bei United Visual Artists tauschte er die monatlichen Lohnzahlungen gegen ein unabhängiges Künstlerdasein.

Zum Glück tut seiner künstlerischen Ader das unstete Wesen keinen Abbruch: Sie verlässt ihn nicht, egal ob Lewis nun auf "die Pauke haut" oder eher Besinnliches zum Leuchten bringt. Für die wilden Jungs von Massive Attack etwa hat er eine Lichtshow installiert, die quasi "mitgesungen" hat. Man könnte sagen je nach Geschrei, gab's da andere Beleuchtung. Wenn das mal nicht cool ist. Das richtige Händchen hatte er auch bei einem braveren "Event": Mit interaktivem Licht und trotz knappem Budget hat Lewis die traditionelle Weihnachstbeleuchtung der Londoner Regent Street im Jahre 2007 revolutioniert.

Ist es ein Wunder, dass sich ein solcher Kerl sowohl vom eleganten Flug eines roten Milans inspiriert fühlt als auch von der masochistischen Körperkunst des schrägen Japaners Daito Manabe, der Gesicht und Extremitäten mit Stromstößen traktiert, sodass es einen beim Zusehen vor Schmerzen fast zerreißt?


Sogar die Rotterdamer Polizisten müssen sich bei einem wie Lewis geschlagen geben: Auf frischer Tat ertappt – ausgestattet mit einem Laserpointer, beschriftete der Künstler gerade die Gebäude der Stadt mit temporären Leuchtbotschaften – ließen sie nicht etwa wie erwartet die Handschellen klicken. Unter dem Motto "Pimp my house" beteiligten sich die Gesetzeshüter stattdessen einfach selbst an dem kreativen Streich.

Was treibt einen wie Lewis an? Welche Überzeugungen hat er? "Sei von deinen Ideen überzeugt", predigt er. Und: "Mache nur das, was du wirklich machen möchtest, umgib dich dazu mit den richtigen Leuten." Gerne darf man sich übrigens die Open-Source-Arbeiten des Künstlers zu eigen machen. Aber nur unter einer Bedingung: Man hat gefälligst die verdammte Pflicht daraus etwas Originelles und Eigenes zu entwickeln!

Sowas kommt beim Publikum an. Zu Recht erhält Lewis begeisterten Applaus, er hat einen Glanzpunkt auf der TOCA ME 2009 gesetzt.

Jeremy Thorp – Genius zwischen Wissenschaft und Kunst

Professoraler Forscherdrang und kreatives Künstlerdasein – im Kanadier Jeremy Thorp findet sich beides vereint. In Sachen Kunst ist Thorp allerdings ein Spätberufener, was der Berufsberater seiner Highschool zu verantworten hat, der ihn einst auf die Rolle des künftigen Wissenschaftlers festlegte. Dafür, das stellt Thorp gleich zu Beginn seiner Präsentation klar, ist er diesem bis zum heutigen Tag böse. Dabei könnte es die digitalen Kunstwerke, die das Multitalent inzwischen geschaffen hat, ohne das Vorleben als Student der Genetik gar nicht geben.

Das bekommt auch das Publikum zu spüren, das im Verlauf der Präsentation so einiges über die Eigenheiten komplexer Systeme zu hören bekommt. An diesen ist nämlich das Phänomen der Emergenz beobachtbar – will heißen: "Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile." Künstlerischen Ausdruck findet diese theoretische Aussage in verschiedenen Anwendungen, die Thorp im Rahmen des "Glocal Project" (glocal = global + local) veröffentlicht hat. So etwa die Similarity Maps Engine, die auf einen Pool mit zigtausenden Fotos zugreift. Thorp nimmt ein individuelles Foto und zaubert auf Grund von Ähnlichkeitsstrukturen zu anderen Bildern ein verzweigtes Foto-Universum. Um das jeweilige "Seed Image" bildet sich ein Ring aus Fotos, die nach Bildkomposition und Farbe diesem sehr "verwandt" sind. Dem Ring wiederum "entwachsen" diverse Verästelungen mit weiteren Ringen und noch mehr Verästelungen. Insgesamt betrachtet ergibt sich so ein bizarres Muster oder eben ein komplexes Verwandtschaftssystem, das ganz neue "emergente" Eigenschaften aufweist.

Auf die Spitze treibt Thorp diese Kunstform mit der Anwendung "Colour Economy", die simuliert, was passieren könnte, wenn Pixel die Freiheit hätten, untereinander Handel zu treiben. "Agent-Oriented Programming" nennt sich das, wobei unterstellt wird, dass die Pixelakteure durch unterschiedliche Motivationen angetrieben werden und auch mal Fehler machen. Eine wahrhaftige "Farbenmarktwirtschaft" also. Reger Handel unter den Pixeln eines Digitalfotos etwa zerstört die eigentliche Bildkomposition schon nach wenigen Momenten, Cluster entstehen. Das kostbare Rot ballt sich zusammen und nimmt in einem Winkel des Bildes mächtige Ausmaße an, während die Farbe Grün zusammenschrumpelt und immer weniger Platz einnimmt, das offensichtlich wertlose Blau aber ist bald kaum mehr sichtbar. Schön anzusehen und wahnsinnig kompliziertdas Ganze.


Jeremy Thorps Präsentation ruft Erinnerungen an vergangene Studententage wach: Hätte ich doch nur etwas besser bei der Systemtheorie aufgepasst und das Chaostheorie-Seminar nicht ausgelassen. Gebannt hört man den beeindruckenden Ausführungen des Überfliegers zu und ist am Ende ganz schön erschöpft. Puh, höchste Zeit für eine Pause.

  1. http://toca-me.de/

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