CREATEOR DIE: Sehen Sie in Ihrem Umfeld oder im Umfeld Ihrer Kunden ein tragfähiges Geschäftsmodell für den professionellen Einsatz von Microblogging oder Twitter selbst?
Haberich: Mit Kollegen tausche ich mich bereits rege in Twitter und Yammer aus. Mit Kunden bisher eher weniger. Ein professioneller Einsatz kann nur bei genügend großem Kenntnisstand von Twitter und seinen Nutzungsmöglichkeiten entstehen. Und dann brauchen Sie noch eine relevante Anzahl von "Followern". Erste Ansätze für den professionellen Einsatz sind kurze Jobanzeigen oder Hinweise auf neue Produkte in Onlineshops wie beispielweise Dell mit relativ guter Response.
Grönefeld: Um Twitter für ein tragfähiges Geschäftsmodell einsetzen zu können, müssen meiner Meinung nach zunächst einige Voraussetzungen erfüllt sein. Zunächst sollte also eine Antwort auf die Frage "Was ist Twitter eigentlich?" gefunden werden. Eine weitere Voraussetzung sehe ich in der Strukturierung und Kontrolle des Informationsflusses. Einige Twitter-Clients nehmen sich dieser Aufgabe bereits an und schaffen durch optimiertes Dialog- und Account-Management eine bessere Nutzbarkeit der Datenmenge. Der Dienst der Datenaufbereitung selbst könnte in der momentanen Entwicklungsstufe von Twitter schon als Geschäftsmodell verstanden werden.
Um sich den Massenmarkt zu erschließen, müssen darüber hinaus Abkürzungen und Hieroglyphen der Twitter-Sprache deutlich reduziert werden. Ich bin mir dabei durchaus bewusst, dass genau dieser Mix mitunter einen starken Reiz auf die bisher acht Millionen "Eingeweihten" ausübt. Hier wird spannend zu beobachten sein, wie die aktuelle Nutzergemeinde einer eventuellen Öffnung gegenübersteht.
Bisher beschränkt man sich auf Interessensbündelung zur Generierung eines Mehrwerts für eine bestimmte Nutzergruppe – zu sehen auf externen Seiten wie exectweets.com oder stocktwits.com, deren Basis "Tweets" als Content darstellen und häufig von einem Werbetreibenden exklusiv gesponsert werden. Ein weiteres Beispiel ist das thematisch sortierte Benutzerverzeichnis wefollow.com.
Wir dürfen dabei auch nicht vergessen, dass Twitter nach wie vor von den "Early Adopters" beherrscht wird. Der nicht vorhandene Mainstream lässt hier viele Unternehmen zögern. 50.000 aktive Nutzer in Deutschland klingen zumindest für den deutschen Markt ebenfalls noch nicht attraktiv. Zudem
belegt eine aktuelle Onlinestudie von RUF Jugendreisen, dass Jugendliche, und damit eine finanzstarke Benutzergruppe, so gut wie gar nicht auf Twitter vertreten sind.
Grundsätzlich ist in Kundengesprächen allerdings ein wachsendes Interesse an Twitter und Co. zu bemerken.
Wilfer: Twitter kann auf vielfältige Weise von Unternehmen genutzt werden. Momentan ist es allerdings schwer zu definieren, unter welcher Sparte es einzuordnen ist. Marketing? Werbung? PR? CRM? Produktmanagement? Twitter ist ein Konversationswerkzeug, das Unternehmen dazu dient, mit potenziellen Interessierten an einer Marke oder einem Produkt in den Dialog zu treten. Ein tragfähiges Geschäftsmodell kommt dann zum Tragen, wenn Unternehmen es für sich begreifen, die so wichtigen Kontakte zu ihren wohl vernetzten Influencern zu pflegen. Kaufentscheidungen werden heute nicht mehr aufgrund von Werbebotschaften getroffen, sondern aufgrund von Empfehlungen. Twitter kann ein Zahnrad im Getriebe sein, um solche positiven Empfehlungsprozesse voranzutreiben.
Roskos: Als Bestandteil von Social Networks: ja. Thema Newsfeed in Facebook zum Beispiel. Als Standalone-Plattform: nein.
Schwend: Naja, muss es denn immer gleich ein Geschäftsmodell geben? Das Modell von Twitter wird ja wohl sein, sich von Google kaufen zu lassen und dann wird es eben wieder mal Werbung sein.
Konitzer: Ich sehe mittelfristig vor allem im Bereich meiner Touristikkunden viele sinnvolle Anwendungsmöglichkeiten von Twitter (u. a.). Das Geschäftsmodell dazu ist denkbar: personalisierte kommerzielle Botschaften finanzieren personalisierte non-kommerzielle Botschaften, die dem User dezidierte Vorteile bringen.
Krisch: Diese Frage stellt sich weder für mich noch für meine Kunden. Sie ist in etwa so sinnig wie die Frage: Sehen Sie in Ihrem Umfeld oder im Umfeld Ihrer Kunden ein tragfähiges Geschäftsmodell für den professionellen Einsatz von Fax/Telefon/Skype/Mail etc. Jeder nutzt die für ihn geeigneten Tools.
Amthor: Leider nicht. Werbung wird sich nicht durchsetzen, Kostenpflichtigkeit ebenfalls nicht. Ich könnte mir allenfalls vorstellen, dass "Premiumgruppen" á la Xing etwas bringen könnten, aber eher nur marginal. Im Bereich "social commerce" ist Vieles noch gar nicht gedacht, insofern bin ich zuversichtlich, dass in Kürze der "Urknall" erfolgen wird.
Ludwigs: Ja aber selbstverständlich! Wie immer bei neuen Medien wird sich auch hier die Erotik als Treiber durchsetzen. Die Teilnahme am permanenten Verbalsex mit Freunden und Fremden wird für viele Menschen so attraktiv sein, dass sich hiermit Geld erwirtschaften lässt.
Sigloch: Ein konkretes Geschäftsmodell sehe ich derzeit nicht, aber durchaus Potenzial, bestehende Geschäftsmodelle zu unterstützen. Einerseits in der Kommunikation und Bewerbung der eigenen Seiten und Tätigkeiten nach außen, aber andererseits auch beim Stichwort Monitoring. Kommunikation bedeutet nicht nur zu senden, sondern auch zu empfangen. Bei Twitter bekommt man sehr schnell und ungefiltert mit, wie über die eigene Marke gesprochen wird. Dieses Feedback sollte man zunächst erst einmal lesen und zur Kenntnis nehmen, in einem zweiten Schritt dann aber möglichst auch in das weitere Vorgehen einfließen lassen.
Kannengiesser: Leider sehe ich weder in meinem Umfeld noch bei meinen Kunden einen halbwegs tragbaren Ansatz, geschweige denn ein Modell, das sich gewinnbringende einsetzen ließe.
Fischerländer: "Sehen" wäre zu viel gesagt, aber ich kann mir durchaus vorstellen, dass findige Menschen Premiuminhalte über Twitter anbieten könnten; so eine Art "Branchennewsletter auf Ecstasy" gegen Bezahlung.
CREATEOR DIE: Wird Twitter auf Dauer ein Werbeträger?
Haberich: Twitter muss irgendwann in Richtung Werbemodell gehen, da ansonsten Investoren wie Amazon-Gründer Jeff Bezos oder Netscape-Gründer Marc Andreesen abspringen. Schließlich erwirtschaftet Twitter bisher keinen Umsatz.
Amthor: Wahrscheinlich. In dieser Welt wird alles mit Werbung zugekleistert – was das anbelangt bin ich Misanthrop.
Roskos: Nein, es wird ein Bestandteil der Internetkommunikation, als Technik.
Schwend: Klar.
Wilfer: Schwer zu sagen. Twitter hat bisher noch kein vorzeigbares Geschäftsmodell entwickelt. Schade wäre es jedoch, wenn sich keine weiteren Ideen ergäben, als Werbetweets zu schalten.
Grönefeld: Grundsätzlich sieht sich Twitter denselben Problemen ausgesetzt wie "klassische" soziale Netzwerke. Die Abwehrhaltung der Benutzer auf Werbung im eigenen Content ist als äußerst kritisch zu bewerten. Auf Twitter wird diese Problematik allerdings zusätzlich verstärkt. Je mehr die Interaktion eines Netzwerks auf den reinen Dialog ausgelegt ist, desto schwieriger wird es, Werbung zu platzieren. Sie lenkt in dieser extrem reduzierten Umwelt vom eigentlichen Dialog ab und wird als störend und aufdringlich empfunden. Während "klassische" soziale Netzwerke unter Umständen natürliche Anker für Werbekonzepte im Interface bieten, wird die Suche nach Werbe-Slots bei Twitter durch eine reduzierte Bedienoberfläche deutlich erschwert.
Für den Moment sehe ich das größte Werbepotenzial auf externen Twitter-Seiten (wie z.B..: stocktwits.com). Diese bieten vor allem auf der Startseite natürliche Bereiche zur Platzierung von Werbeformaten. Der Twitter-Dialog selbst eignet sich dagegen meiner Meinung nach nicht besonders gut. Dies gilt in erster Linie für klassische Bannerwerbung und eingeschränkt auch für integrative Werbeformen. Getwitterte Beiträge können aber selbstverständlich in viralen Marketingkonzepten unterstützend eingesetzt werden.
Krisch: Twitter ist meines Erachtens kein Werbeträger, sondern ein Kommunikationsmittel.
Konitzer: Twitter wird kein Werbeträger nach heutigem Verständnis. Aber es wird eine sehr gute Plattform für personalisierte werbliche Botschaften, vor allem aber für die interpersonelle Selbstbegeisterung von Usern – für mich die Vision eines Marketing der Zukunft.
Kannengiesser: Ob Twitter auf Dauer ein Werbeträger wird, wage ich zu bezweifeln. Es scheint mir eher eine Art kurzweiliges Vergnügen zu sein, und es wird sich zeigen, ob sich Twittern auf Dauer durchsetzen kann und wird.
Sigloch: Twitter ist weniger ein Werbeträger als viel mehr ein sehr schnelles Kommunikationsinstrument, was für Unternehmen bzw. Marken ganz neue Arten und eine neue Geschwindigkeit der Kommunikation mit der Zielgruppe ermöglicht. Dies wird für die Zukunft voraussichtlich noch mehr zutreffen als für heute, da Twitter gerade erst beginnt, im Mainstream anzukommen. Die Nutzungshürden sind sowohl vom Know-how als auch von der Technik her sehr niedrig, sodass von einem weiterhin sehr starken Wachstum auszugehen ist und auch eher wenige komplett abspringen. Auch die sehr gute mobile Nutzungsmöglichkeit ist ein großer Vorteil gegenüber vielen anderen Webdiensten.
Ludwigs: Ja aber selbstverständlich. Ein paar zehntausend Follower, also Menschen, deren Interessensprofile recht klar hervortreten, sind doch viel, viel besser als hunderttausend Unbekannte.
Fischerländer: Ich befürchte, das ist die große Herausforderung für Twitter: Wie lässt sich Twitter weiterhin anständig nutzen und trotzdem Werbung darauf schalten? Und wie verhindert Twitter Spamming? Ich sehe schon die Angebote vor mir: "Verkaufe Twitter-Account mit 1.200 Followern."




