Folgende Folie projizierte Kurian vergangene Woche auf die große Oracle-Bühne in Kalifornien - und damit auf die Monitore tausender Webcast-Zuschauer:
NetBeans Dream Team Member Anton Epple rät in einem Interview mit JAXenter, die Formeln auf der Folie nicht allzu ernst zu nehmen. Wie kamen die Oracle-Ankündigungen zu NetBeans bei ihm an?
Anton Epple:
Zunächst habe ich mich sehr gefreut, dass Oracle sich so deutlich für die Weiterentwicklung der IDE ausgesprochen hat. Die vorstehende Folie fand ich etwas seltsam, aber ich denke, dass man da nicht allzu viel hineininterpretieren sollte (Was ist eine Lightweight IDE...?).Deutlich erhellender als die Präsentation von Thomas Kurian, aus der die Folie stammt, fand ich den Webcast mit Ted Farrell, Oracle Chief Architect and Senior Vice President, in dem viel detaillierter über die Zukunft von NetBeans gesprochen wird. Tatsächlich steht dieser Webcast ein wenig im Widerspruch zu der Präsentation von Kurian.
Farrell kündigt an, dass NetBeans sich auf Java Kern-Technologien konzentrieren wird (Java, Java EE, JavaFX und JavaME), wohingegen beim Support für Skriptsprachen auf die Community gesetzt werden soll. Explizit wird auch auf die NetBeans-Plattform eingegangen. Diese Ankündigungen kann ich ernster nehmen als die eher an ein Businesspublikum gerichtete Präsentation von Kurian. Anton Epple
Insgesamt konnte man sich bei Oracles Strategie-Vorstellungen in den verschiedenen Webcasts doch des Eindrucks nicht erwehren, Oracle wolle es nun wirklich jedem Recht machen. Den Gerüchten, Oracle werde tausende von Stellen streichen, hielt Oracle-CEO Larry Ellison entgegen: Wir stellen ein! Den Gerüchten, die JavaOne werde 2010 möglicherweise nicht mehr stattfinden, hielt Charles Phillips entgegen: JavaOne findet statt und expandiert sogar in die BRIC Staaten (Brasilien, Russland, Indien China). Mehr Investitionen sollen fließen in Java, mehr in Solaris, mehr in Glassfish, mehr in NetBeans. Mehr bei allem, Tausendsassa Oracle macht’s möglich!
Ist die Oracle-Strategie zu NetBeans insbesondere angesichts der starken Konkurrenz im eigenen Hause (JDeveloper und Eclipse) überhaupt glaubhaft?
Anton Epple:
Insgesamt habe ich den Eindruck, dass Oracle sich die IDE sehr genau angesehen hat (ich spreche jetzt von Farrell's Präsentation). Die beste Investition in die Zukunft von NetBeans ist die Weiterentwicklung der NetBeans-Plattform und der Sprachunterstützung für Java. Hat man hier stabile und gut dokumentierte APIs, wird es auch für die Community leichter, zum Projekt beizutragen und zusätzliche Technologien und Frameworks durch Plug-ins zu unterstützen. Hier hat NetBeans in der Vergangenheit zu oft den Fokus gewechselt.Ich war ehrlich davon beeindruckt, wie kompetent Farrell über die IDE gesprochen hat. Das allein fand ich bereits sehr positiv, und es spricht dafür, dass die Pläne ernst gemeint sind.
Eine Erleichterung ist das Ganze natürlich auch, da ich viele Kunden betreue, die auf die NetBeans-Plattform als Basis ihrer Applikationen setzen. Da habe ich in der Vergangenheit natürlich viele Fragen zur Zukunft der IDE und der Plattform gehört. Dort ist natürlich sehr positiv aufgenommen worden, dass sich Oracle in den Ankündigungen speziell auch an Kunden der Plattform gewandt hat und deren Weiterbestehen zugesichert hat. Anton Epple
Bekanntlich setzt Oracle für viele seiner eigenen Produkte traditionellerweise die selbst entwickelte JDeveloper-Umgebung ein (aktuelle Version ist hier 11g (11.1.1.2.0) vom November 2009). Der JDeveloper ist für Oracle dabei nicht bloß ein beliebig austauschbarer Baustein sondern tief in die Oracle-Werkzeug-Kette integriert. Die Design-Time-Tools von Oracles BPEL Process Manager, Portal und vieler anderer Komponenten der Oracle-Plattform basieren z.B. auf JDeveloper und es stand zu erwarten, dass Oracle auch weiterhin auf den JDeveloper setzen würde. So hieß es beim Webcast denn auch klipp und klar: Der JDeveloper wird Oracles strategisches Entwicklungstool bleiben.
Zu NetBeans scheint Oracle hingegen eher gekommen zu sein wie die Jungfrau zum Kinde, und man schien lange Zeit nicht so recht zu wissen, was man mit dem neuen IDE-Juwel denn eigentlich anfangen sollte. Wie sieht Anton Epple die Zukunft von NetBeans bei Oracle?
NetBeans und JDeveloper werden näher zusammenwachsen. Oracle hat sich bereits in der Vergangenheit für die Interoperabilität von IDEs eingesetzt und dafür das JSR-198 "A Standard Extension API for Integrated Development Environments" initiiert, übrigens unter Leitung von Ted Farell.Da die technischen Hürden nicht hoch sind und politische Barrieren gefallen sind, liegt für mich nahe, dass die NetBeans IDE und JDeveloper recht bald Plug-ins über diese oder eine ähnliche Spezifikation austauschen werden. Für JDeveloper ist natürlich der NetBeans Form Builder besonders interessant. Im Gegenzug könnte ich mir vorstellen, dass NetBeans ADF-Support erhält.
Da NetBeans die mächtigere Applikations-Plattform bietet, ist es vernünftig, diese mittelfristig für beide IDEs zu verwenden. Sun hat ja bereits früher ein ganzes Portfolio an IDEs auf Basis der NetBeans-Plattform ausgeliefert. Das ist an sich kein schlechtes Modell. JDeveloper kann dann als strategisches Tool weiterhin Oracle-Middleware-spezifische Entwicklung unterstützen und NetBeans den Massenmarkt. Man sollte nicht vergessen, dass Oracle ja mit Sun auch die Verantwortung für die Java-Plattform übernommen hat, und hier war NetBeans immer schon Testplattform für neue Spezifikationen. Das ist eine Ausrichtung, die mir gut gefällt. Mal sehen, was Oracle tatsächlich mit seinen beiden Tools macht. Anton Epple
Doch nicht nur der JDeveloper spielt in Oracles Planungshorizont eine wichtige Rolle. Als eines von 14 strategischen Mitgliedern der Eclipse Foundation ist Oracle substanziell am Eclipse-Projekt beteiligt und steuerte auch mit der JPA 2.0 Referenzimplementierung EclipseLink eines der absoluten Vorzeigeprojekte der Eclipse-Plattform bei. Auch bei anderen Eclipse-Projekten arbeiten Vollzeit-Committer aus dem Hause Oracle (als strategisches Mitglied der Eclipse Foundation verpflichtet sich Oracle bekanntlich, mindestens acht Vollzeit-Committer für Eclipse-Projekte abzustellen), z.B. bei den Webtools Dali Java Persistence Tools, dem Webtools Java Server Faces oder dem Webtools Releng Projekt.
Zudem entwickelt Oracle mit dem Enterprise Pack for Eclipse 11g eine Sammlung von Eclipse-Plug-ins für das Programmieren und Deployen von Anwendungen für den hauseigenen WebLogic Server. Auch auf Eclipse scheint sich Oracle also schon vor langer Zeit festgelegt zu haben, und so ließ Thomas Kurian im Webcast letzter Woche auch eindeutig verlautbaren: Oracle bleibt strategisches Mitglied der Eclipse Foundation, Oracle wird auch weiterhin den Enterprise Pack für Eclipse 11g mit neuen Features ausstatten.
Die Frage ist also durchaus berechtigt, wo in dieser überkompletten Ausstattung mit Entwicklungstools noch Raum für NetBeans bleibt. Wird sich Oracle auf lange Sicht die Entwicklung dreier vollständiger IDEs leisten können? Hoffen wir, dass die durchaus positiven Absichtserklärungen zur Weiterführung von NetBeans nicht von allzu starken Marketing-Erwägungen getragen waren. Eine Einbuße musste die NetBeans-Community ja schon hinnehmen: Oracle hat einseitig entschieden, den NetBeans-affinen Projekt-Hosting-Service Kenai einzustellen.
Hoffen wir, dass es bei diesem einen Fauxpas bleibt!




