Mittwoch, 23. Mai 2012


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Februar 2010 | Artikel

Entwickler sind Künstler

(Link zum Artikel: http://www.entwickler.de/jaxenter//002880)

...zumindest bald patentrechtlich

Text: Hartmut Schlosser
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Das intellektuelle Eigentum von Entwicklern hat mehr mit dem von Künstlern als mit dem von Pharmazeuten gemein. Zu dieser Erkenntnis könnten Entwickler nun durch eine Änderung des Patent-Rechts in den USA gelangen, die in dem Artikel "Patent Nonsense" in The Economist diskutiert wird.

Ausgangspunkt des Economist-Artikels ist die Leitfrage:

Fördern oder behindern Patente Innovation?

Auf den ersten Blick erscheinen Patente als Segen: Ein Patent schützt 20 Jahre lang das intellektuelle Eigentum eines Ideengebers vor der Ausbeutung durch Trittbrettfahrer, bevor es der Allgemeinheit zur Verfügung gestellt werden muss.

Für den Ideengeber, so lautet die These in The Economist, sei das ein vernünftiges Angebot - für die Gesellschaft allerdings nicht, denn Patente würden heute mehr und mehr strategisch eingesetzt und könnten Innovationen, etwa durch das Kombinieren von Erfindungen zu neuen Produkten und Prozessen (wie etwa in der Bio- und Gentechnologie üblich), verhindern.

Inflationäre Ausmaße habe das Patentrecht etwa im Bereich der Geschäftsprozesse angenommen. So hält beispielsweise bis heute Amazon.com das sogenannte "1-Click"-Patent für den Geschäftsprozess, mit einem Mausklick ein Produkt zu erwerben, ohne erneut die Personal- und Zahlungsdaten eingeben zu müssen, wenn diese zuvor in einem Anwenderkonto abgelegt worden sind.

Man kann sich hier sicherlich zurecht die Frage stellen, ob ein solches Patent tatsächlich schützenswert ist, angesichts der Tatsache, dass tausende von Internet-Diensten Nutzungsrechte für dieses Patent erwerben müssen. Innovation wird durch ein solches Patent jedenfalls kaum gefördert.

Instead of stimulating innovation, such patents seem more about extracting “rents” from innocent bystanders going about their business. The Economist

Um nun ein Patent für sich in Anspruch nehmen zu können, muss ein Produkt oder eine Idee nicht nur neu sein, sondern auch nützlich und "nicht offensichtlich". Gerade dieser letzte "Offensichtlichkeitstest" sei m Bereich der relativ neuen IT-Branche allzu oft nicht rigoros angewandt worden, zum Teil deshalb, weil keine Vorgängerdisziplin den Bereich des Innovativen vom Bereich des Offensichtlichen gegeneinander abgegrenzt habe.

Because they lack a history of “prior art” to refer to, examiners and judges have granted a lot of shoddy patents for software and business processes. The Economist

Glücklicherweise, so berichtet der Economist, sei der amerikanische Supreme Court nun kurz davor, ein Gesetz zu verabschieden, das es schwierig, wenn nicht gar unmöglich mache, Patente für Geschäftsprozesse zu erhalten. Und da Geschäftsprozesse im Grunde Computer-Algorithmen seien, könnten hier auch Software-Patente betroffen sein. Viele Patente für Online-Shopping-Dienste, medizinische Diagnoseverfahren und Handels-Prozesse an der Börse könnten durch die neue Gesetzgebung hinfällig werden.

Und was bedeutet das für Innovation?
Eine gute Nachricht für Innovation ist dieser Vorstoß für The Economist. Entwickler könnten sich nun dessen bewusst werden, dass sie mehr mit Schriftstellern, Künstlern und Musikern gemeinsam hätten als mit Molekularforschern und Pharmazeuten, die ihre chemischen Erzeugnisse durch Patente schützen.

Meanwhile, the loss of patent protection for software could make programmers realise at last that they have more in common with authors, artists, publishers and musicians than they ever had with molecular architects and chip designers. In short, they produce expressions of ideas that are eminently copyrightable. The Economist

Für Software-Entwickler sei das Copyright auf ein Produkt ohnehin viel klarer und wertvoller, garantiert es doch das Monopol auf ein Erzeugnis für bis zu 70 Jahre nach dem Tod des Erfinders.

That could be good news for innovation. After all, who in his right mind would seek a lousy old patent offering a mere 20 years of protection when copyright can provide monopoly rights for up to 70 years after the author’s death? That one fact alone could spur more innovation than all the tinkering attempted so far. The Economist

Sollte die Entscheidung des Supreme Court tatsächlich Patente aus dem Bereich der Software-Entwicklung verbannen, dürfte dies auch nicht ohne Auswirkungen auf die Open-Source-Bewegung bleiben. Vielleicht heißt die Frage bei vielen Entwicklern und Unternehmen dann: Copyright oder Copyleft?

  1. The Economist: Patent nonsense. An end to frivolous patents may finally be in sight
  2. Chris Aniszczyk: Eclipse, Symbian and the Rise of the Weak Copyleft
  3. Top Ten der glücklichsten Entwickler

Kommentare

Gravatar patno 08.03.2010
um 10:58 Uhr
Logik ist nicht patentierbar!
Software braucht weder Patentanwälte, noch Künstler oder Schmarotzer.

Plötzlich wird die Softwarepatent-Diskussion hitzig geführt von Stimmen, welche mit der Fragestellung nicht ausreichend vertraut sind. Mich treibt dies in die Verzweiflung.

Vielleicht kann ich etwas zum Verständnis beitragen. 1982 gelangte ich als CEO eines Systemhauses in ein Gremium zur Formulierung des Software-Patentrechts. Initiiert von Prof. Erich Häußer, dem damaligen Präsidenten des Deutschen Patentamts, war es mit allen Experten besetzt. Auch Patentanwälte und andere wissenschaftliche Experten (FHI, MPG) waren beteiligt.

Es gab viele Konferenzen und öffentliche Diskussionen, um das Gesetz zu vollenden. Daran waren damals zu unserer großen Überraschung jedoch alle großen ‚Player’ (IBM, Sperry, ICL, Bull, Siemens...) überhaupt nicht interessiert. Man hielt es für nutzlos. Vermutlich wollte man das Arbeitnehmererfinderschutz-Problem umgehen. - Deswegen gab’s auch in den USA nichts!

Trotzdem wurde das Thema von uns noch jahrzehntelang weitererörtert. Mit Prof. Häußer war ich bis kurz vor seinem Tod in Kontakt. Das Ergebnis war:

Der gewerbliche Rechtsschutz in Deutschland und Europa unterscheidet konzeptionell zwischen dem Patentrecht einerseits und dem Urheberrecht andererseits.

1. Patente gibt’s für einen Mechanismus, ein Herstellungsverfahren, ein Rezept oder eine andere Form der Materialisierung einer Erfindung. Die Laufzeit ist begrenzt, der Schutz umfassend - Monopoly: Wird man nicht von anderen Monopolisten (häufig durch Patentstreitigkeiten und diverse taktische Gemeinheiten) gehindert, so hat man ein Monopol.

2.Für immaterielle Ergebnisse, also Bücher, Musik, Bilder etc. gibt’s den Urheberrechtsschutz. Er läuft wesentlich länger, der Schutz ist nicht so umfassend. Von Hits lebt man selbst, manchmal können auch erst die Enkel davon leben.

Software als immaterielles Gut unterliegt rechtssystematisch bestenfalls dem Urheberrecht. Dies war der Standpunkt von Prof. Häußer.

3. Es kommt jedoch noch schlimmer: Programmierende Künstler quälen sie sich und die restliche Menschheit. Nicht-mathematische Programmierer sind für Wirtschaft und ganze Menschheit eine bisher unterschätzte Zeitbombe (David Parnass). Künstler muss man von der Softwareerstellung abhalten!

Programmierung ist keine Kunst, es ist eine neue mathematische Disziplin.

Mathematische Kenntnisse, Verfahren und Formeln unterliegen jedoch dem „Freihaltungsbedürfnis“: Sie können nicht geschützt werden. Sie entstehen aus Erkenntnisfreude und werden jenen geschenkt, die sie zu genießen verstehen!

Mehr als 25 Jahre Experten-Erörterung von Hunderten von Gesetzentwürfen ergab:

· Logik ist nicht patentierbar.
· Software-Patentrecht lässt sich nicht schlüssig formulieren, es bleibt Stückwerk.
· „Technizität“, der Kern aktueller Softwarepatent-Entwürfe, ist das substanzlose Phantom hungriger Patentanwaltsgehirne.
· Durch ein Gesetz würde die freie Nutzung des aktuellen mathematischen Wissens der Menschheit unmöglich gemacht.
· Es ist der Open-Source-Killer par excellence!

Die Entwicklung des technischen und wirtschaftlichen Fortschritts wäre empfindlich getroffen: Blockade des Wirtschaftswachstums, ein Rückfall in Frühformen des Merkantilismus.

Daher muss verhindert werden, dass durch den Unverstand oder die Gier einiger Unverantwortlicher der Menschheit die Existenzgrundlage entzogen wird.
Unsere Zukunft ist im Kern gefährdet!

NO SOFTWARE-PATENTS!
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