JAXenter: Hallo Herr Baron! "Das agile Alibi" heißt Ihr Vortrag auf der JAX im Rahmen des Agile Day. In welchem Sinn kann Agilität als Alibi missbraucht werden?
Pavlo Baron: Agilität ist vielmehr ein Lebensstil bzw. eine Einstellung zur Arbeit als ein fest definierter Prozess. Dadurch, dass sie nur ein mentales Framework bietet, bietet sie auch viel Platz für Missinterpretationen und Missbräuche. Diese können harmlos, unbeabsichtigt sein, aber auch gezielt destruktiv. Zu oft rechtfertigt man chaotische und planlose Arbeitsweise mit agilen Prinzipien, ohne diese auch nur im Ansatz verstanden zu haben. Zu oft wird Agilität als Instrument zur Kundenmelkung eingesetzt - und so weiter und so fort. Alles übelste Alibi-Arten.
JAXenter: Welche Skurrilitäten sind Ihnen in Ihrer Laufbahn konkret schon begegnet?
Pavlo Baron: Ich kenne sehr viele Beispiele für derartige Skurrilitäten. Hier sind einige davon:
- die Ablehnung des Standup-Meeting aufgrund schmerzender Knien
- "Wir arbeiten schon seit 30 Jahren agil. Ich als Leiter verteile die Aufgaben, alle anderen bewegen ihre Torsos"
- Vorgehen wie "iterativer Wasserfall", die den agilen Anschein erwecken sollen
- "Wenn wir das Projekt agil umsetzen sollen, dann kostet der Tag mehr, lieber Kunde"
- "Zeit, Budget und Ressourcen sind fix, den Rest könnt Ihr so agil machen wie Ihr wollt"
JAXenter: Immer wieder hört man, dass es kein allgemeingültiges Rezept für die Einführung einer agilen Vorgehensweise in ein Projekt gibt. Dennoch muss man ja irgendwo anfangen, oder?
Pavlo Baron: Das ist richtig - und zwar im Kopf. Wenn die Beteiligten nicht agil arbeiten *wollen*, helfen hier keine Scrums und XPs, selbst wenn man sie mit brachialer Gewalt einführen will. Menschen können nicht zu einer Denkweise gezwungen werden, nur erzogen. Daher beginnt die "Einführung" einer agilen Vorgehensweise optimalerweise mit den Menschen, die allerdings die richtige Einstellung an den Tag legen. Aber was tun mit denjenigen, die es nicht tun? Die Vakuumliteratur sagt: Sie dürfen gar nicht mitmachen. Aber was, wenn es die Masse ist? Da helfen nur die kleinen Schritte: Eine Änderung hier, eine natürliche Entwicklung dort. Und genau das steht im krassen Gegensatz zum sogenannten Agil-Fetischismus: Ein fanatischer, kurzlebiger Berater kann mit der Hoppla-Hopp-Agilität viel mehr kaputt machen, als helfen. Daher ist die Etablierung der agilen Arbeitsweise ein langwieriger, mühsamer Prozess, der auch niemals rein nach Lehrbuch funktionieren kann und wird.
JAXenter: Agilität ist für viele ein erstrebenswertes Ziel - doch hält sie der alltägliche Arbeitsdruck von "agilen Experimenten" ab. Kann auch ein gestresstes Team agil werden?
Pavlo Baron: Selbstverständlich! Es kann keine Ausrede geben, nicht agil arbeiten zu können. Das ist genau der Alibi-Modus, wenn es heißt, wir können nicht agil arbeiten, weil man uns Scrum nicht genehmigt. Kein Wunder bei derartigem Eingriff in die Unternehmenswurzeln! Warum nicht klein beginnen, im Guerrilla-Modus? Kunden lieben es, wenn sie einem auf dem Schoss sitzen dürfen. Da muss man doch nicht mit großem Tam-Tam und endlosem Pomp ganze Unternehmen auf den Kopf stellen! "Agile Experimente" können im Kleinen beginnen. Mal hier die Art der Abstimmung ändern, mal an diesem kleinen, unkritischen Projekt die Sprints ausprobieren. Step-by-step, die Umgebung wird es organisch mitlernen, ohne dass da der Vorschlaghammer auf über Jahre etablierte Strukturen schlägt und daran kaputt geht. Und: Stress ist etwas, was durchaus mit Agilität bekämpft werden kann, denn der meiste Stress rührt von chaotischen Zuständen her. Aber wie bei der Therapie gegen Migräne hilft hier nur Zeit, und das Resultat ist nie 100% - nur weniger Kopfschmerzen.
JAXenter: Vielen Dank für dieses Gespräch!









