Samstag, 11. Februar 2012


Artikel

Februar 2010 | Artikel

„Agilität ist auch ein Statement, wie ich arbeiten und welche Werte ich pflegen möchte“

(Link zum Artikel: http://www.entwickler.de/jaxenter//002901)

  • Teilen
  • kommentieren
  • empfehlen
  • Bookmark and Share
"Agilität einen ganzen Tag lang interaktiv erleben" - so lautet das Motto des Agile Day auf der JAX 2010. Erstmals ist der Agile Day in zwei Tracks aufgeteilt und bietet neben klassischen Vorträgen auch experimentelle, interaktive Präsentations- und Kommunikationsformen für alle, die - wie Moderator Martin Heider es ausdrückt - "in Aktion treten und bewegt lernen möchten". Das vollständige Programm auch der interaktiven Sessions kann nun online eingesehen werden.

Und bis Donnerstag, 25. Februar gilt auch noch das besondere Frühbucherangebot für JAX-Besucher: Bei einer Anmeldung für die JAX-Hauptkonferenz kann zusätzlich der komplette Agile Day kostenfrei besucht werden.

Einen kleinen Vorgeschmack auf die agilen Tage gibt Martin Heider im Gespräch mit JAXenter. Heider gibt Einblicke in sein Verständnis von Agilität und klärt die wichtige Frage, warum agile Werte in vielen Projekten noch immer nicht angekommen sind.

JAXenter: Hallo Herr Heider! Die Einsicht, dass agile Vorgehensweisen zu besseren Ergebnissen führen, scheint sich zumindest theoretisch weitestgehend durchgesetzt zu haben. Weshalb gibt es dennoch so viele Projekte, die man kaum "agil" nennen kann?

Martin Heider: Das hat meines Erachtens vielfältige Gründe. Zum einen habe ich Entscheider erlebt, die aufgrund ihrer Erfolge mit anderen Vorgehensweisen in verantwortliche Positionen gekommen sind. Daher sehen sie keine Veranlassung, das Vorgehen zu ändern, auch wenn mittlerweile viel kürzere "Time To Market"-Phasen andere Rahmenbedingungen geschaffen haben. In diesem Fall wird die Einführung agiler Vorgehensweisen gar nicht erst vom Management unterstützt.

Ein andere Variante ist das Scheitern an der erhöhten Transparenz durch agile Vorgehensweisen. Wenn Iterationen eingeführt oder verkürzt werden, stellt die erhöhte Transparenz und die sichtbar werdenden Probleme eine Herausforderung an das bestehende System dar. Hier bleibt so manches Projekt stecken und zieht sich wieder auf seine bekannten Verfahren zurück.

Zu guter Letzt gibt es auch noch Menschen und Projekte, die noch nie etwas von agilen Vorgehensweisen gehört haben. Dank Veranstaltungen wie dem "Agile Day" stellen diese mittlerweile nicht mehr die Mehrheit. Im Übrigen wäre die Gegenfrage, welche Projekte sich "agil" nennen dürfen, mindestens genauso interessant. Denn nur weil ein agiles Label (z.B. Scrum, Crystal, XP, TDD) außen darauf steht, muss nicht viel Agilität drin stecken.

JAXenter: Und wo sehen Sie die größten Vorteile einer agilen Arbeitsweise?

Martin Heider: Meines Erachtens liegen die größten Vorteile in einer gesteigerten Transparenz, in gewonnenen Spielräumen, mehr Selbstverantwortung, weniger "Command & Control" und einem kontinuierlichen Verbesserungsprozess über Retrospektiven. Gut gelebt führen agile Vorgehensweisen zu einer Stärkung der Werte, auf die sie sich berufen: im Falle von Scrum z.B. zu mehr Fokus, Verbindlichkeit, Offenheit, Respekt und auch Mut. Im Idealfall steigern sie das Vertrauen in die eigenen Arbeitsergebnisse (z.B. durch automatisierte Tests oder TDD), in das eigene Team (weil das eigene und das Potential der Kollegen besser ein- und wertgeschätzt werden kann) und in die Beziehung mit dem Kunden (weil für letztere Qualität und Verlässlichkeit greifbarer wird).

Für mich persönlich ist daher Agilität auch ein Statement, wie ich als Einzelperson, Team oder Organisation arbeiten möchte und welche Werte ich in meiner Beziehung zu Mitarbeitern, Kollegen und Kunden pflegen möchte.

JAXenter: Projekte werden von Menschen mit unterschiedlichen Charakteren durchgeführt. Inwiefern hängt eine agile Vorgehensweise vom Temperament der Projektmitglieder ab? Oder anders gefragt: Ist Agilität von jedermann gleichermaßen erlernbar?

Martin Heider: Agilität gibt den Menschen, einer vertrauensvollen Zusammenarbeit und Kommunikation wieder mehr Gewicht. Immer mehr Projekte werden von mehreren Personen oder gar mehreren Teams durchgeführt, deren Leistungsvermögen sehr durch die Fähigkeit bestimmt ist, sich gemeinsam weiterzuentwickeln, zu verändern und miteinander zu kommunizieren. Die Kernfrage ist somit nicht die des Temperaments, sondern vielmehr die Fähigkeit und Bereitschaft, mit Veränderung umzugehen und zu lernen. Das gilt für den Einzelnen ebenso wie für ein Team oder Unternehmen.

Dieser Weg sieht für verschiedene Persönlichkeiten sicherlich unterschiedlich aus. Daher ist Agilität nicht von jedermann gleichermaßen, sprich auf die gleich Art erlernbar. Genau wie nicht jeder Mensch gleichermaßen beweglich ist und die gleichen Übungen machen kann. Aber jeder kann seine Beweglichkeit verbessern. Ein Besuch auf dem Agile Day ist hierfür in Sachen Agilität ein möglicher erster Schritt, der den Besuchern hoffentlich Lust auf mehr macht.

JAXenter: Sie leiten auf der JAX den Agile Day. Können Sie kurz anreißen, worauf sich die Besucher freuen dürfen?

Martin Heider: Als Neuerung zu den vergangen Jahren dürfen sich die Besucher auf den zweiten Agile Track "Interaktion" freuen. Neben dem wie gewohnt von Jutta Eckstein moderierten Agile Track, der vor allem das klassische Vortragsformat bedient, bietet die JAX somit erstmals einen ganzen Tag, um Agilität in vier Sessions interaktiv zu erleben. Ich freue mich, dass wir es mit dem Programm geschafft haben, einen Bogen zu spannen: von den typischen Anfangsaktivitäten in Projekten, dem agilen Schätzen (Manfred Steyer), über Coding Katas (Bernd Schiffer und Marko Schulz) sowie erlebter Verschlankung eines Entwicklungsprozesses (Pierluigi Pugliese und mir) bis hin zu Retrospektiven und deren Wirkung (Christiane Philips).

Ich kann versprechen, dass die Sessions mit Sicherheit bewegen, sei es inhaltlich, körperlich oder beides. Um der Interaktion willen haben wir die Teilnehmeranzahl auf rund 40 Plätze beschränkt. Für alle, die in Aktion treten und bewegt lernen möchten, empfehle ich daher, sich bereits früh einen Platz in den Sessions zu sichern.

JAXenter: Vielen Dank für dieses Gespräch!

Martin Heider arbeitet seit mehr als 15 Jahren im Bereich Softwareentwicklung. Als Freiberufler unterstützt er dabei seine Kunden in verschiedenen Rollen, z.B. als SW-Architekt, Test- und Integrationsmanager, Team- und Entwicklungsleiter, Scrum Master oder Coach. Seine Erfahrung umfasst international verteilte Projekte sowie Teams verschiedener Größen. Sein besonderes Interesse gilt Projekten, die Agilität bereits leben oder leben möchten sowie der Herausforderung, Softwareentwicklung einfach zu machen.
  1. Agile Day Vorträge
  2. Agile Day Interaktiv
  3. Interview: "Stress ist etwas, was durchaus mit Agilität bekämpft werden kann"
  4. Interview: "Cultural Change - Der sanfte Übergang zum agilen Projekt"

andere Artikel dieser Serie

Kommentare