JAXenter: Hallo Frau Philipps! Weshalb macht es Ihnen Spaß, sich mit agilen Praktiken zu beschäftigen?
Christiane Philipps: Weil agile Praktiken näher am Menschen sind als alles andere im Projektmanagement- und Softwareentwicklungsbereich, was ich bisher kennengelernt habe. Es wird nicht verleugnet, dass Projekte von Menschen gemacht werden und von diesen beeinflusst, sondern dieser Aspekt wird in den Mittelpunkt gestellt.
JAXenter: Agile Vorgehensweisen lassen sich zum großen Teil ja fast spielerisch einführen. Läuft man bei diesen spielerischen Elementen nicht Gefahr, dass vieles von den Teammitgliedern eben NUR als Spiel wahrgenommen, sprich: nicht ernst genug genommen wird?
Christiane Philipps: Nein, das ist nicht meine Erfahrung, eher im Gegenteil: Ich bin überzeugt davon, dass spielerische Elemente, Spaß im Arbeitsalltag immer noch zu kurz kommen. Oft gilt noch das Vorurteil: Was Spiel und Spaß ist, kann nicht gleichzeitig gute, solide Arbeit sein. Das ist meiner Meinung nach völlig falsch. Spiel bedeutet Kreativität, Energie, oft auch Wettbewerb, Höchstleistung. Was wir mit Spaß tun, gelingt uns leichter und schneller. Es gibt uns Energie und wir geben unsere Energie mit Freuden in das Arbeitsergebnis hinein.
Unternehmen wie Google haben das Prinzip des Spielens erkannt und fest in ihre Arbeitsumgebung integriert: Ich habe mir die Google-Büros in Seattle und Zürich ansehen können und hatte manchmal den Eindruck, ich befände mich in einem Kindergarten - doch die Arbeitsresultate von Google sprechen für sich. Das Feature des Flugmodus von Google Earth ist ein gutes Beispiel: Es sei, so sagte man mir in Zürich, kein geplantes Feature gewesen, sondern im Rahmen der 20%-Regelung (die Google-Mitarbeiter können 20% ihrer Arbeitszeit für eigene, oftmals spielerische Projekte ohne Vorgabe ihres Arbeitgebers verwenden. Das kann der Versuch sein, einen Teleporter zu bauen wie auch eben dieses Flugmodus-Feature).
Ich glaube sogar, dass das Gegenteil Ihrer Annahme der Fall ist: Gerade nach der Einführung agiler Methoden kommt normalerweise doch die ein oder andere Schwierigkeit im Arbeitsalltag auf. Um die Energie, die die Umstellung auf Agile mitgebracht hat, nicht verpuffen zu lassen, sollte man sich im Alltag noch viel mehr wirklicher Spiele bedienen: sowohl um die Motivation der Mitarbeiter zu steigern als auch um Prinzipien agiler Arbeitsweisen anhand von Spielen zu verdeutlichen.
Mir fällt ein Beispiel aus meiner eigenen Arbeit ein: An einem Tag, der von allgemeiner Lustlosigkeit geprägt war, brachte jemand von uns, der für einen Vortrag ein Spiel einüben musste, 20 Tennisbälle mit und suchte ein Dutzend Freiwillige. Mit Mühe ließen sich diese finden, da eigentlich jeder gerade "ernsthafte" Arbeit zu tun hatte. Das Spiel dauerte mit Erklärung nur ca. 10 Minuten, aber während dieser 10 Minuten geschah ein völliger Wandel in der Gruppe: Müde Leute wurden plötzlich munter, Gesichter und Augen fingen an zu leuchten, die ganze Gruppe sprudelte vor Energie. Es wurde viel gelacht und plötzlich waren wir wieder ein Team. Diese Energie konnten wir danach mit in unsere Alltagsarbeit hinein nehmen. Und ganz nebenbei habe ich damals anhand dieses Spiels die Bedeutung von Retrospektiven begriffen.
Man sollte täglich im Büro spielen!




