Donnerstag, 24. Mai 2012


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Mai 2003 | Artikel

Open Source schlägt Brücken

(Link zum Artikel: http://www.entwickler.de///000371)

Rainer Oberbeckmann von Apple

Text: von Nadja Rosmann
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Mit dem Unix-basierten Betriebssystem Mac OS X stößt Apple auch bei der technisch versierten Klientel zunehmend auf Interesse. Neben dem Open Source-basierten Kern von Mac OS X hat das Unternehmen weitere Open Source-Projekte wie den eigenen Webbrowser Safari, der auf das KDE-Projekt Konqueror zurückgreift, ins Leben gerufen. Wir sprachen mit Apples Software-Produktmanager Rainer Oberbeckmann über den Stellenwert, den die Open Source-Entwicklung für die Produkte des Unternehmens hat und über die Positionierung von Mac OS X im Vergleich zu Linux.

Rainer Oberbeckmann: Die Entwicklung eines Betriebssystems ist mit dem Bau einer Kathedrale vergleichbar: genauso aufwändig, genauso langwierig. Apple hatte zwar - in den 90er Jahren - bekanntlich ein eigenes Microkernel-Fundament in Arbeit, doch anstatt das Rad völlig neu zu erfinden hat man sich nach reiflicher Überlegung für den robusten und bewährten BSD-Kern entschieden. Eine weise Entscheidung.
Oberbeckmann: 1996 war Apple auf der Suche nach einer neuen Grundlage für das betagte Mac OS. Das neue System sollte Preemptive Multitasking, Symmetric Multiprocessing und Protected Memory bieten - alles das also, was man von einem modernen Betriebssystem erwarten muss.
Oberbeckmann: Apple hat sich seinerzeit alle seriösen Alternativen genau angesehen. Linux war in seinem Entwicklungsstadium von 1996 noch kein ernsthaftes Thema - BeOS und Windows NT haben damals die Schlagzeilen gemacht. Durch den Kauf von NeXT kamen - neben Steve Jobs - renommierte Entwickler zu Apple, etwa Avie Tevanian (heute Senior Vice President Software Engineering), der an der Carnegie Mellon University maßgeblich an der Entwicklung von Mach beteiligt war. Ein weiterer Vorteil der Akquisition waren die ausgereiften Entwicklungstools von NeXT - Apple stand ja auch vor der Herausforderung, den Übergang auf das neue System für Anwender wie Entwickler so sanft wie möglich zu gestalten.
Oberbeckmann: Apple hat seit Anfang der 80-er Jahre an der Benutzeroberfläche gefeilt und dieser reiche Erfahrungsschatz ist natürlich - misstrauisch beobachtet von der Mac-Anwenderschaft - in die Entwicklung von Mac OS X eingeflossen. Da bei Apple sowohl das Betriebssystem wie die Hardware aus einer Hand kommen, ist die Zahl der erforderlichen Treiber etwas überschaubarer als in der x86-Welt - das ist sicherlich von Vorteil, wenn man auf Plug & Play Wert legt. Den Trend, dass der Personal Computer nicht nur Arbeitsgerät ist, sondern immer mehr in den Mittelpunkt aller digitalen Freizeitaktivitäten rückt, hat Apple früher als andere erkannt. Bei Apple arbeiten seit 1997 über 1.000 Leute an der Weiterentwicklung von Mac OS X. Das macht in der Summe den Unterschied zu Linux aus, das etwas unter der Fragmentierung der Entwicklungsanstrengungen leidet. Man wird sehen, ob Initiativen wie das Desktop Linux Consortium daran etwas ändern können.
Oberbeckmann: Die Welten innerhalb der Unix-Familie werden zweifellos durchlässiger, dafür sorgt nicht zuletzt die Open Source-Community. Technisch gesehen wirft die Portierung einer Anwendung von Linux auf Mac OS X und umgekehrt keine unlösbaren Probleme auf. Trotzdem sollte man sich keinen Illusionen hingeben: Die großen Softwarehäuser werden Ihre Desktop-Produkte nur dann für Linux anbieten, wenn es dort - wie im Mac-Markt - auch zahlende Abnehmer gibt. Hier hat Linux mit einem Imageproblem zu kämpfen: die größte Stärke - alles kostenlos - ist zugleich der größte Schwachpunkt aus Anbietersicht.
Oberbeckmann: Erst kürzlich hat Apple X11 for Mac OS X vorgestellt und macht es damit für Entwickler leichter, Unix- und Linux-Anwendungen zu portieren. Die Entwicklungstools - Interface Builder, Project Builder, AppleScript Studio usw. - liegen beispielsweise jedem Mac OS X-Paket bei. Das hat insbesondere die Entwicklung von Free- und Shareware stark gefördert. Im Rahmen des ADC-Programms unterstützt Apple Entwickler u.a. auch im Marketing.
Oberbeckmann: Für Mac OS X gibt es mittlerweile mehr als 5.000 native Anwendungen, Unix-Ports und Mac OS Classic-Programme nicht eingerechnet. Es lohnt sich für Mac OS X zu entwickeln, weil sich bis Ende 2003 die Zahl der Anwender von fünf auf zehn Millionen verdoppeln wird - alles Kunden, die gewohnt sind, für Software zu bezahlen. So mag der Mac-Markt zwar klein sein, aber er ist aus Sicht der kommerziellen Anbieter lukrativ. Die Zahl neu entwickelter Cross-Plattform-Anwendungen, die sowohl unter Linux wie Mac OS X laufen, ist allerdings recht bescheiden. Der Grund dafür dürften weniger technische Probleme sein - die Tools sind ja da - als betriebswirtschaftliche Überlegungen. Außerhalb der Open Source-Gemeinde geht es um die Frage: Kann ich mit meinem Produkt auch unter Linux Geld verdienen?
Oberbeckmann: Es gibt neben WebCore (Safari) und X11 noch eine Reihe anderer Projekte, in denen Apple der Open Source-Community weiterentwickelten Code unter developer.apple.com/darwin/ zur Verfügung stellt. Die Rendezvous-ZeroConfig-Netzwerktechnologie etwa, das Betriebssystem Darwin oder der Darwin Streaming Server. Vieles davon findet sich bereits in Produkten anderer Hersteller wieder.
Oberbeckmann: Da ist kein Altruismus am Werk, es ist ein Geben und ein Nehmen. Und natürlich geht es - wie im Falle von Rendezvous - auch darum, Technologien durch gemeinsame Entwicklungsanstrengungen als offene Standards am Markt durchzusetzen. Eine klassische Win-Win-Situation für alle Beteiligten. Apple selbst hat zulange an proprietären Technologien festgehalten, um nicht zu wissen, dass offen entwickelte Standards zwar oft länger bis zur Marktreife brauchen, aber dafür dann mit umso größeren Erfolgsaussichten ins Rennen gehen. Es kann teuer werden, zu oft auf das falsche Pferd zu setzen! In bestimmten Bereichen wie dem Internet ist Open Source das effektivste Entwicklungsmodell - insbesondere dort, wo es um plattformagnostische Grundlagentechnologien geht. Open Source schlägt Brücken zwischen den Systemen und ebnet zugleich ihre Unterschiede ein. Ob der Open Source-Gedanke aber auch in anderen Bereichen der Softwarentwicklung - in denen nach anderen ökonomischen Regeln gespielt wird - Wurzeln schlagen kann, ist nicht abzusehen. Zumindest kann Open Source als lehrreiches Korrektiv dienen. Viele mittelständische Softwarehäuser etwa leiden nach wie vor unter dem Not-Invented-Here-Syndrom ihres Engineerings, das unverdrossen Lösungen entwickelt, die es längst gibt ...
Oberbeckmann: Es gibt von Darwin Binary Installer für PowerPC- und x86-PCs (bootbar von CD) zum Download unter www.opensource.apple.com/projects/darwin/6.0/release.html. Darwin läuft auch auf der x86-Architektur, um den Unterbau von Mac OS X leichter mit der laufenden BSD-Entwicklung abzugleichen und umgekehrt. Sie können Darwin x86 natürlich auch nehmen und auf ihrem PC installieren - hartgesottene Unix-Profis könnten ihren Spaß daran haben. Darwin ist vereinfacht gesagt Mac OS X minus der Aqua-Oberfläche und einiger Systemtechnologien oder andersherum: Darwin ist der BSD-Kern von Mac OS X. Apple hat derzeit keine Pläne, Mac OS X für x86 anzubieten. Wer Mac OS X einsetzen will, braucht einen Mac.
Oberbeckmann: Apple gewinnt im Unix-Umfeld zunehmend an Gewicht, de facto ist Apple schon jetzt der größte Unix-Anbieter. Für das XFree86 Project und XonX von SourceForge ist Mac OS X/Darwin eine wichtige Bezugsgröße. Auch Fink ist in diesem Zusammenhang natürlich interessant, es verbreitert die Softwarebasis für Mac OS X gerade im technisch-naturwissenschaftlichen Bereich. Im Darwin-Team von Apple, das die Open Source-Aktivitäten koordiniert, finden sich viele ehemalige FreeBSD-Entwickler mit engen Kontakten zur Open Source-Community. Open Source-Software wie Apache ist fester Bestandteil von Mac OS X. Auch das Thema Sicherheit wird in diesem Zusammenhang immer wichtiger. Apple arbeitet aktiv im FIRST und im CERT/CC mit. Es gibt also viele Schnittstellen auf vielen Ebenen.
Oberbeckmann: Die Voraussetzungen und die Ziele sind jeweils unterschiedlich: Linux hat seine Domäne im Serverbereich, Mac OS X als Desktop-System. Linux möchte auch auf dem Desktop, Mac OS X in seiner Server-Variante reüssieren. Die Herausforderung ist dagegen für beide die gleiche, denn letztlich geht es um die Synthese zweier im Grunde unvereinbarer Konzeptionen: Das klassische Unix-System ist ein Server, der in einem Raum eingesperrt ist, zu dessen Türe man den Schlüssel verloren hat, und den man deshalb Fernwarten muss. Ein Desktop-System dagegen ist der direkte Nachkomme der Schreibmaschine: Der Apple II wurde in den 70-er Jahren mit der damals provokanten Forderung No more typewriters! beworben. Linux und Mac OS X müssen sowohl Unix-Konformität beweisen wie für die breite Masse der Mausschubser zugänglich sein. Eine Gratwanderung, denn spätestens wenn sich eine Datei nicht mehr löschen lässt, weil - wie das System mitteilt - angeblich die passenden Benutzerrechte dazu fehlen, ist der typische Desktop-Anwender überfordert. Es genügt also nicht, dem System eine hübsche Benutzeroberfläche überzustülpen. Apple hat hier sehr viel Arbeit in Feinschliff investiert, ohne den Unix-Charakter zu opfern. Das zahlt sich aus, langjährige Mac-Anwender fühlen sich - nach anfänglicher Skepsis - mittlerweile auf Mac OS X ebenso wohl wie altgediente Unix-Recken, die es durchaus zu schätzen wissen, neben der Arbeit in der Shell auch mal eine PowerPoint-Präsentation erstellen zu können. Die Antwort auf ihre Frage heißt also: Ja, unbedingt. Als potenzielle Switcher hat Apple aber vor allem die zahlreicheren Windows-Anwender im Visier.
Oberbeckmann: Im Serverbereich ist erstmal Bescheidenheit angesagt: Aus Erfahrung weiß Apple, dass Vertrauen hier schneller zerstört als aufgebaut ist. Primäres Ziel für die Xserve-Systeme mit Mac OS X Server als Betriebssystem sind Umgebungen, in denen auch Macs als Clients eingesetzt werden. Für Mac-Anwender bietet Mac OS X Server den gewohnten Bedienungskomfort, kombiniert mit der robusten Zuverlässigkeit eines ausgewachsenen Unix-Systems. Man kann Mac OS X Server auch in gemischten Windows- und/oder Linux-Umgebungen einsetzen, natürlich. Aber wer es mit Windows und Linux aufgenommen hat, wird sein so schwer erkämpftes Herrschaftswissen nicht so einfach durch einen kompletten Systemwechsel aufs Spiel setzen, nur weil er es dann bequemer hat. Oder etwa doch ...?
Oberbeckmann: Prognosen haben die unheimliche Tendenz, sich hinterher als falsch zu erweisen ... Vielleicht büßen die ideologischen Auseinandersetzungen um das richtige Betriebssystem an Schärfe ein. Das Internet ist einer der großen Gleichmacher, der die Unterschiede von Betriebssystemen zunehmend nivelliert. Betriebssysteme müssen offen sein und Brücken zu anderen Plattformen pictureen. Hierzu leistet Open Source einen wichtigen Beitrag. Jeder sollte die Wahl haben, das System einsetzen zu können, das er bevorzugt, ohne dass er gleichzeitig in der Kommunikation mit anderen Welten Nachteile zu befürchten hat. Mac OS X etwa fühlt sich in einem Linux-Netz genauso zu Hause wie in einer Windows- oder Mac-Umgebung, auch der Austausch gängiger Dateiformate sollte über die Plattformgrenzen hinaus keine Probleme aufwerfen. Der typische Desktop-Anwender beispielsweise will mit dem Betriebssystem ohnehin nichts zu tun haben, wenn er damit konfrontiert wird, bedeutet das für ihn zumeist, dass irgendetwas nicht funktioniert. Für ihn steht die Anwendung im Vordergrund. Wenn aber die Wahl des verwendeten Betriebssystems zweitrangig wird, verliert auch die Dominanz eines Marktteilnehmers an Bedeutung.

Unser Gesprächspartner
Rainer Oberbeckmann hat Physik und Informatik studiert. Er ist Mitbegründer der impuls software GmbH in Essen und war danach elf Jahre lang im Produkt Marketing bei Apple Deutschland tätig. Nach einem Intermezzo als Business-Manager bei Sony Deutschland und als Geschäftsführer der media active GmbH ist er seit seiner Rückkehr zu Apple als Marketing Manager Software für Deutschland und Österreich zuständig.
Das Unternehmen
Apple Computer wurde 1976 von Steven P. Jobs und Stephen G. Wozniak gegründet. Das Unternehmen hat sich seit Anbeginn die Entwicklung benutzerfreundlicher Hard- und Software auf die Fahnen geschrieben. Mit der Entwicklung des Betriebssystems Mac OS X, das im März 2001 auf den Markt kam und im Kern auf BSD basiert, ist Apple nun auch verstärkt im Unix- und Open Source-Umfeld präsent. Weitere Informationen unter www.apple.com/de.

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