Dogmatismus? Fanatismus? Idealismus? Nein. Pragmatismus ist das einzig richtige Glaubenssystem für IT-Architekten. In seinem ersten Buch spricht Pavlo Baron über das gesunde Maß, kritische Distanz als Grundhaltung und Erfolg durch Bodenkontakt. In einer Zeit, in der neue Methoden und Technologien stündlich das Licht der Welt erblicken, um ohne Verzögerung über die Blogs und Tweeds dieser Welt zu jagen, plädiert Baron für das "Cherry Picking". Zu Recht. Die Suche nach Rosinen i Softwarekuchen führt über acht Kapitel. Nach der Diskussion von Pragmatismus als Leitgedanken, grenzt der Autor die IT-Architektur als Disziplin ab. Dabei findet man Software-, Sicherheits-, Infrastruktur- und Integrationsthemen innerhalb der Grenze. Unternehmensarchitekturen sind hingegen nicht Gegenstand des Buchs und werden nur sehr kurz gestreift.
Im Hauptteil des Buchs wird die pragmatische Herangehensweise auf eine Vielzahl technologischer und weicher Aspekte der Architekturdisziplin projiziert. Zentral ist dabei die Besprechung der Rolle des Architekten. Baron möchte den IT-Architekten nicht als Position verstanden wissen. Der Architekt ist ein Kämpfer und Ermöglicher, der am Team gemessen wird. Seine wichtigsten Aufgaben und wünschenswerten Verhaltensweisen werden wiederholt hervorgehoben. Nachdem in einem kurzen Abriss die wichtigsten Vorgehensmodelle der IT aus Architektensicht eingeschätzt werden, spricht Baron schließlich die Architekturentwicklung selbst an. Hier beginnt er seine stärkeren Seiten zu zeigen und erläutert wichtige Entwicklungsprinzipien. Kurze Ratschläge bringen zum Ausdruck, wann und wie entschieden werden soll, wo sich dabei die größten Gefahren verbergen, wie man Entscheidungen geeignet absichert und wann Altsysteme abgelöst werden sollten. Umfassende oder theoretische Abhandlungen stehen dabei, der pragmatischen Prämisse des Buchs folgend, nicht im Fokus.
Im Kapitel "Pragmatischer Umgang mit Technologien" findet man bündige Hinweise, die an einigen Stellen des Architektenlebens helfen können. Angeschnitten werden Technologie-Governance, die Auswahl von Basistechnologien, der Einsatz von Testlabors, die Gefahren von fremdem Code und ähnliche Themen. Als logische Fortführung wird anschließend direkt auf Standards und Hypes Bezug genommen. Nachdem Standards als Schall und Rauch entlarvt sind, werden aktuelle Themen wie SOA, BPM, Green IT, Ajax, SaaS, REST und Cloud Computing besprochen. Meist nur eins bis zwei Seiten lange Überblicke zeigen den gesunden Umgang mit dem Thema aus Architektensicht. Mehr nicht. In ihrer Prägnanz sind die Ausführungen teilweise sehr gut gelungen.
Der letzte Teil des Buchs plädiert für Nachhaltigkeit im Architekturbereich. Entscheidungen sollen von vielen mitgetragen werden, ohne in Design-by-Comitee abzudriften. Reviews und Bewertungen sind wichtige Bestandteile dieses Konzepts. Das Buch schließt mit einem kleinen Architekturdokumentationsbeispiel und einer sehr kurzen Literaturliste, die sich wie das Who is Who der Softwareentwicklungsliteratur liest. Im Text sind leider sehr wenige Verweise auf diese Werke zu finden, als Leseliste für interessierte Architekten eignet sie sich aber allemal.
Auf den 380 Seiten des Buchs setzt Pavlo Baron zu einer Rundschau an, die eine Fülle an Themen im und um den Architekturbereich abdeckt. Mit seinen Worten: "Die Theorie ist ausreichend woanders beschrieben, genauso wie die Praxis", gibt Baron einen guten Eindruck von dem, was den Leser erwartet: Diskussion und Einschätzung – das Vorleben einer Denkweise. Wer theoretische Abhandlungen oder tiefe Einblicke in die beschriebenen Themen erwartet, ist fehl am Platz. Viele Themen werden sehr kurz abgehandelt. Für Abkürzungsaufschlüsselungen oder längere Erklärungen bleibt da kaum Platz. Als Zielgruppe lassen sich so vor allem zwei Leserkreise benennen:
- Der Architekt mit wenig Erfahrung, der zu aufgeschnappten Themen eine kritische oder pragmatische Meinung hören möchte
- Der Architekt mit Spezialwissen, der seinen Horizont erweitern möchte und sich von der angesprochenen Themenvielfalt inspirieren lässt, um im Internet oder anderen Büchern nachzufassen
Insgesamt handelt es sich bei "Pragmatische IT-Architektur" um ein lockeres, schnell zu lesendes Buch. Pavlo Baron setzt auf seine Meinung und strotzt dabei nicht immer vor politischer Korrektheit. Die leise, sachliche Besprechung von Inhalten wird man hier, ebenso wie pointierte Anekdoten und gute Zeichnungen, vergeblich suchen. Hat man sich darauf eingestellt, weiß Baron durchaus zu unterhalten und gibt dem Architekten ganz nebenbei eine nützliche Hilfestellung bei der Erschließung und Einschätzung von aktuellen Themen.





