Wer mit Streetart vertraut ist und sie zu schätzen weiß, der wird an Trespass – Die Geschichte der urbanen Kunst seine helle Freude haben. Wer sich mit der Kunst der Straße nicht so gut auskennt und den Begriff "Graffiti" allenfalls mit "Schmiererei" gleichsetzt, der wird nach der Lektüre des umfassenden Bildbands eine neue, bunte, sozialkritische und nicht selten lustige Welt entdeckt haben. Denn ebenso entfaltet sich diese meist illegale Kunst von Seite zu Seite.
Das Buch ist von und für Szenekenner gemacht, bringt aber derart viel Struktur in die vielen Facetten der Straßenkunst, dass selbst unbefleckte Leser schnell einen Draht zur Spraydose entwickeln. Hinter Trespass verbergen sich keine Geringeren als Marc und Sara Schiller vom Wooster Collective, einem der größten Online-Portale zum Thema Streetart sowie Carlo McCormick, der Kulturkritiker und Kenner der alternativen Kunstwelt. Was das Buch im Detail zu bieten hat, bringt man im Vorwort auf den Punkt:
Die in diesem Buch präsentierten Künstler sind ohne Auftraggeber unterwegs, oft anonym, ohne sich um die Meinung der Öffentlichkeit zu kümmern. Sie verschenken ihre Kunst und entfliehen dem kommerziellen Druck, der in Museen und Galerien regiert. [...] Die Künstler sind in luftiger Höhe oder unter Tage in Tunneln tätig – die Gefahr beim Erstellen des Kunstwerks wird oft auch zugleich zu dessen Motivation.
So findet man in Trespass von der traditionellen Kunstwelt anerkannte Artists wie Keith Haring oder Banksy, deren Arbeiten für Unsummen über die Ladentheken gehen. Oder von Blu, der durch seine großformatigen, oft surrealen Ansichten auf Häuserwänden in beinahe allen großen Metropolen bekannt ist. Doch das Buch greift Streetart nicht nur in Verbindung mit Spraydose und/oder Schablone auf.
Der geneigte Leser kann sich köstlich über Aktionen von Improv Everywhere amüsieren oder über Aktionskunst von Spencer Tunick. Er stolpert über die kleinen Straßenskulpturen von Slinkachu, bis der Begriff "Kuschelnazi" plötzlich seine Aufmerksamkeit erregt oder die Erkenntnis kommt, dass Streetart und Gärtnern sich nicht ausschließen. Schnell wird deutlich, wie breit gefächert diese kreative Darstellungsform in der rechtlichen Grauzone tatsächlich ist.
Um Ordnung in all diese Ausdrucksformen und Aspekte der Streetart zu bringen, haben sich die Autoren für eine Gliederung in acht Kapitel entschieden. Diese sind allerdings nicht in erster Linie speziellen Techniken oder Arbeitsweisen der Künstler gewidmet, sondern immer einem der vielen Blickwinkel, die die Artists auf ihre Stadt einnehmen.
Trespass ist für knapp 30 Euro zu haben, die sich in den Augen des Lesers schnell als wahres Schnäppchen entpuppen. Abgesehen vom Mehrwert aus dem Inhalt bekommt man für sein Geld über 300 großformatige Seiten. Meist lassen die Autoren die Bilder für sich sprechen und finden nur da, wo es nötig ist, die passenden Worte. Was soll man sagen? Ein tolles Buch.




