Zugegeben: Der Titel ist etwas verwirrend. Liegt hier etwa ein Fachbuch für ein sehr spezifisches Teilgebiet der Innenarchitektur vor? Mitnichten – Treppenkunst ist die Dokumentation eines künstlerischen Projekts in Hamburg. Reichlich bebildert wird gezeigt, wie elf verschiedene Künstler die sieben Stockwerte von Stilwerk in der Großen Elbstraße gestaltet haben. Als Kurator für das Projekt zwischen Kunst und Raumgestaltung fungierte die Vicious Gallery, die das Konzept entwickelt und die Künstler ausgewählt hat.
Treppenkunst ist mehr, als lediglich ein paar außergewöhnlich bemalte Etagen. Die Werke der Künstler, die zum Großteil in der Streetart verwurzelt sind, wollen auf den ersten Blick nicht so recht zum Stilwerk, einem Kaufhaus für gehobenes Möbeldesign, passen. Unwillkürlich scheint sich ein Widerspruch aufzutun, der immer dann zu entstehen droht, wenn Subkultur auf gehobenen Mainstream trifft. Aufgabe des Buches ist es, diesen zu widerlegen und das Paradoxe als harmonisches Gesamtkonstrukt zu entlarven.
Erstes Befremden über das Projekt wird direkt beim Einstieg in das Buch verstärkt, denn der geneigte Leser beginnt seine Reise nicht etwa an der Eingangstür im Erdgeschoss, sondern er befindet sich gleich mittendrin: Das Buch startet auf der obersten Etage im achten Stock mit der Kunst des jungen Hamburger Künstlers Nils Kasiske. Die Mission des Buches ist es also, sich den Weg nach draußen zu bahnen: Vorbei an Mr. Nonskis Copy&Paste-Prinzipien zu den großen Fischen Golden Greens. Man staunt über die visualisierte Anleitung, Autos abzufackeln, von 1010 und verharrt bei den typografischen Arbeiten von Form76. Weiter runter geht es zu Sozyones Bilderrätseln, Felix Schlüters symbolischen Spielereien, Milks Farbschlachten und Sebastian Freimauers gigantischen Eulen. Nun stehen zwischen dem Leser und dem Ausgang lediglich die Troopers von Flying Förtress und KRs Farbverläufe.
Treppenkunst ist in doppelter Hinsicht ein gut gewählter Name. Zum Einen bekommt der Leser ebensoviele Stockwerke wie facettenreiche, junge Künstler zu sehen. Zum Anderen kann er sich durch das Buch bewegen, wie er es auch im Treppenhaus tun würde: Mal nimmt er hastig mehrere Stufen auf einmal und blättert sich durch die zahlreichen, farbegewaltigen Abbildungen, mal möchte oder muss er auf einer Etage verharren und Luft holen. Dazu eignen sich besonders die ausführlichen Erläuterungen zu den einzelnen Künstlern, ihrem Schaffen, ihren Wurzeln und ihrem konkreten Projekt, mit deren Hilfe es leicht ist, einen Draht zu entwickeln.
Treppenkunst ist dahingehend ein Buch für alle, die an der nichtmehr allzu jungen Kunst der Urban Art Freude haben. Diese mag zwar noch nicht ganz in der etablierten Kunstszene bzw. den Galerien angekommen sein – wo dies hingegen nicht der Fall ist, kann sie sich ruhigen Gewissens schon einmal im Treppenhaus breitmachen. Vorbei kommt man hingegen nicht mehr an ihr.




