Donnerstag, 24. Mai 2012


Buch-Tipp

Kreativität aushalten

(Link zum Artikel: http://www.entwickler.de/cod//000875)

Psychologie für Designer

  • Autor/in: Frank Berzbach
  • Verlag: Schmidt Hermann Verlag
  • Seiten: 192
  • erschienen: April 2010
  • Preis: 29,80 Euro
  • ISBN: 978-3874397865
9/10 Punkte

Der Geduldsfaden ist auf maximaler Anspannung: Die Deadline ist überschritten, die E-Mail-Nachfragen des Kunden werden barscher im Ton und dann beklagt sich auch noch der Partner, dass man kaum noch Zeit mit ihm verbringt. Jetzt bedarf es nur noch eines kleinen Auslösers und man explodiert, verzweifelt und möchte alles am liebsten nur noch hinschmeißen. Doch Hilfe naht in Buchform: Kreativität aushalten – Psychologie für Designer gibt wirksame Tipps und Tricks, die den arbeitenden Kreativen vor dem Schlimmsten bewahren.

Niemand scheint eher dazu prädestiniert, eine fundierte, psychologische Stütze für den Kreativen zu sein, als Autor Frank Berzbach. Der Mann lehrt Psychologie und Medienpädagogik und kennt die Sorgen und Ängste des gestaltenden Volkes in- uns auswendig. Und davon gibt es bekanntlich viele: Was tut man, wenn einem nichts einfallen will? Oder wie geht man mit heftiger Kritik um? Was macht man als Freelancer, wenn die Arbeit am heimischen Schreibtisch alle sozialen Kontakte verdrängt? Und wie kann man richtig abschalten, wenn man sich doch mal ein wenig Freizeit gönnt? Berzbach spricht nicht nur aus der Seele, er erklärt die Ursache derartiger Ängste und eröffnet neue Perspektiven, mit ihnen umzugehen.

Insgesamt sechs Kapitel geben dem geneigten Designer einen psychologische Einblick in seinen Berufsalltag. Zunächst wirft Berzbach einen genaueren Blick auf den Kern der kreativen Arbeit, nämlich die Kreativität selbst. Er liefert Definitionen, zeigt ihre Grenzen auf und beschreibt Techniken, mit denen man Systematik in den Schaffensprozess bringt. "Richtig Arbeiten" setzt sich als zweites Kapitel mit der Frage auseinander, wie wir die im ersten Schritt gewonnene Idee angemessen umsetzen können. Dazu gehört unter anderem auch, wie wir mit Kollegen diskutieren, angemessen die Arbeit anderer kritisieren oder als Team am besten funktionieren. Das dritte Kapitel, "Alleine Arbeiten", spitzt diese Fragen noch einmal auf den Freelancer zu.

Doch man arbeitet eben nicht nur im Team oder allein, sondern in erster Linie "Für andere" oder gar "Falsch" bzw. "Nicht", wie die letzten drei Kapitel Aufschluss geben. Hier erfährt der geneigte Leser beispielsweise, auf welche Besonderheiten er in der Kundenkommunikation zu achten hat – denn auch hier steckt der Teufel wie so oft im Detail und offenbart sich nicht selten nonverbal. Auch wie man mit Stress, inneren Blockaden oder Motivations-Problemen umgeht, ist ein Thema. Burnout trifft nicht selten Kreative und muss besonders ernst genommen werden: Berzbach gibt Hinweise, zeigt die Anzeichen und Symptome für Burnout auf und gibt Ratschläge. Der letzte Abschnitt "Nicht Arbeiten" liest sich nicht etwa als Auflistung der zuständigen Behörden, sondern ist als Feierabendsirene zu verstehen. Kreativität braucht Kraft und einen gesunden Geist, den es durch Entspannung in der Freizeit stetig zu erneuern gilt – doch auch der Müßiggang will gelernt sein.

Zuletzt seien auch noch ein paar Worte über die Gestaltung des Buches verloren, denn wenn es um die Psyche des Designers geht, muss diese schließlich auch visuell stimuliert werden. Kreativität aushalten kommt als schlichtes, aber dennoch liebevoll gestaltetes Heft daher. Zudem ist es dahingehend auf die Zeitnot von Kreativen zugeschnitten, da es inklusive Randnotizen und Markierungen kommt: Pro Seite wird die Kernaussage grün hervorgehoben und am unteren Seitenrand erläutert. Die dadurch entstehende Informationsstruktur kommt besonders Querlesern entgegen.

Kreativität aushalten ist ein Buch, das sich jedem empfiehlt, der in irgendeiner Form durch die eigene Kreativität sein Geld verdient – seien es nun Designer oder Journalisten, PR-Berater, Bühnenbildner, Restauratoren oder Illustratoren. Grundkenntnisse in Psychologie sind nicht erforderlich: Berzbach schreibt in klarer Sprache, geht dort, wo es erforderlich ist, ins Detail und hat stets die Zusammenhänge im Blick. Insgesamt eine schöne Lektüre, die dem kreativen Leser sofort ein wohliges Gefühl verschafft: Hier schreibt einer, der mich versteht.

von Jürgen Telkmann

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