Stricken ist eine Beschäftigung für gelangweilte Hausfrauen? Für stille Mauerblümchen, die den ganzen Sommer mit häkeln verplempern, nur um im Winter warme Klamotten zu haben? Für Omis und Großtanten, die lieber eine Woche lang die Stricknadel für einen kratzigen Pulli schwingen, anstatt ihrem Enkel etwas Vernünftiges zum Geburtstag zu schenken? Weit gefehlt. Textile Handarbeit erlebt dieser Tage eine Renaissance, die sie aus der spießigen Wohnküche heraus in die halblegale Welt des urbanen Interesses holt. Wer dies nicht glaubt, der sollte unbedingt einen Blick auf Strick Graffiti – Kuscheliges für Mauern, Ampeln und Bäume werfen.
Strick Graffiti ist ein Werk, das Häkeln, Nähen, Sticken und Stricken von ihrem angestaubten Image befreien will. Zumindest ist dies die erklärte Aufgabe der beiden Autorinnen Mandy Moore vom Fachmagazin sticky.com und der Grafikdesignerin Leanne Prain – und dies gelingt den beiden ganz gut. Sie zeigen, dass sich unlängst eine neue, hippe und vor allen Dingen urbane Zielgruppe für den Arbeitsprozess von self-made Stoffen begeistern kann, die des nachts durch Parks und Straßen ziehen, Absperrungen und Zäune erklimmen, um die städtische Allgemeinheit an ihren Erzeugnissen teilhaben zu lassen. Street Art kommt längst nicht mehr aus der Dose, sondern eben auch vom Webstuhl.
In insgesamt sieben Kapiteln wird der Laie sacht und behutsam mit vielen Bilder, Anmerkungen und Erläuterungen an die hohe Kunst der Häkel-Guerilla herangeführt. Einleitende Kapitel klären über den Background auf, geben Tipps für die richtige Ausrüstung und steigern mehr und mehr das Interesse des Lesers, sich selbst an Nadel und Faden zu versuchen – unter anderem dadurch, dass Strick Artists selbst von ihren Erfahrungen und Motiven berichten und auf unterhaltsame Weise den Mehrwert der mühevollen Vorbereitung näher bringen.
Und den Leser zum Selberstricken anzuregen ist auch erforderlich, denn spätestens ab Kapitel Fünf werden die ersten Muster und Vorlagen vorgestellt, mittels derer man sich selber an Häkelnadel und Nähmaschine versuchen kann. Wer ein richtiger Strick-Graffiti-Tagger sein will, der geht selbstredend nicht ohne das passende Woll-Outfit aus dem Haus – Schande über den, der dies fertig im Laden kauft. Im Buch stehen detaillierte Strick-Anleitungen für die passende Streetware: vom Pulli über Taschen bis hin zur gehäkelten Vermummungs-Accessoires. Ist man damit erstmal straßenfein ausgestattet, kann man sich im Kapitel Sechs direkt der eigentlichen Aufgabe widmen: Stricken, Stricken, Stricken, um zu Taggen, Taggen, Taggen.
All dies macht Strick Graffiti zu einem Buch, das viele Lesergruppen ansprechen kann: Generell Street Art-Begeisterte dürften bei den vielen Bildern ihre helle Freude haben. Jemand der gerne strickt, näht oder häkelt findet massig Inspiration, seinem Hobby in neue Sphären zu verhelfen. Und alle, die sich schonmal im Park über verhüllte Bäume oder auf der Straße über Stoff-behangene Ampeln gewundert haben, erfahren endlich, was es damit auf sich hat.








