Montag, 17. August 2009 |
Kolumne
Diesmal im Standpunkt Sicherheit: Ein Dejà-vu-Erlebnis am vergangenen Patchday.
Vergleichen wir mal zwei Zeitabläufe:
- 6. Juli 2009
- Microsoft
meldet
eine bereits für Angriffe ausgenutzte
Schwachstelle
im Microsoft Video ActiveX-Control, der die CVE-ID
CVE-2008-0015
zugeteilt wurde. Die wurde bereits am 13. Dezember 2007 zugewiesen.
- 7. Juli 2009
- Mike Reavey
erklärt
im Blog des Microsoft Security Response Center (MSRC), wieso die
0-Day-Schwachstelle eine so alte CVE-ID bekommen hat. Mehr dazu im
Standpunkt Sicherheit vom
13. Juli.
Als Kurzfassung nur soviel: Entdeckung der Schwachstelle im
'frühen Frühjahr 2008', die betroffenen Interfaces werden
nicht verwendet, aber das Ganze muss gründlich untersucht werden,
bevor das Killbit für das ActiveX-Control gesetzt werden kann.
- 14. Juli 2009
- Microsofts
Juli-Patchday
bringt einen "Patch" für die
Schwachstelle
im Microsoft Video ActiveX-Control - der setzt aber nur das Killbit,
was sich auch schon durch einen Workaround samt
Online-Tool
erreichen ließ.
- 22. Juli 2009
- Brian Krebs
spekuliert,
das Microsoft evtl. noch vor dem nächsten Patchday einen
außerplanmäßigen Patch veröffentlichen wird, um
eine größere Schwachstelle zu beheben. Demnach behebt der
Patch für die
Schwachstelle
im Microsoft Video ActiveX-Control (der ja sowieso nur aus dem Setzen des
Killbits für das betreffende Control besteht) die Schwachstelle
nicht wirklich, da der entsprechende Code an mehreren Stellen verwendet
wird, wie es auch Halvar Flake in seinem Blog
festgestellt hat.
- 24. Juli 2009
- Microsoft
kündigt
für den 28. Juli einen Patchday außer der Reihe an. Es
gibt
Spekulationen
über einen Zusammenhang mit der
Schwachstelle
im Microsoft Video ActiveX-Control sowie einem für den 29. Juli
angekündigten
Vortrag
auf der Black-Hat-Konferenz von Mark Dowd, Ryan Smith und David Dewey.
- 28. Juli 2009
- Microsoft veröffentlicht die
außerplanmäßigen Patches und enthüllt mehrere
Schwachstellen
in der Microsoft Active Template Library (ATL), die u.a. die
Ausführung beliebigen Codes ermöglichen. Viel schlimmer
aber: Das Killbit im Internet Explorer kann dadurch
umgangen
werden. Jetzt wird auch klar, warum das alles so lange gedauert hat -
diese Schwachstellen haben es wirklich in sich und können nicht
mal eben nebenbei behoben werden. Und die Schwachstellen werden
tatsächlich am nächsten Tag auf der Black-Hat-Konferenz
präsentiert.
- 11. August 2009
- Microsoft veröffentlicht am regulären
August-Patchday
Patches für weitere
Schwachstellen
in der ATL, diesmal für die in Windows verwendete Version.
So weit, so gut (oder auch schlecht). Was die Schwachstellen in der ATL
betrifft. Aber da ist noch etwas...
- 13. Juli 2009
- Microsoft
meldet
eine bereits für Angriffe ausgenutzte
Schwachstelle
in den Microsoft Office Web Components, der die CVE-ID
CVE-2009-1136
zugeteilt wurde. Die wurde bereits am 25. März 2009 zugewiesen,
was sich damit erklären lässt, das "Großverbraucher"
die IDs immer gleich blockweise reserviert bekommen.
- 17. und 20. Juli 2009
- Exploits für die
Schwachstelle
in den Microsoft Office Web Components werden veröffentlicht.
- 11. August 2009
- Microsoft veröffentlicht am regulären
August-Patchday
Patches für diese und drei weitere
Schwachstellen
in den Microsoft Office Web Components. Das sieht alles recht normal
aus, wenn man mal davon absieht, dass laut Microsofts Ansicht die bereits
für Angriffe ausgenutzten Schwachstellen nicht öffentlich bekannt
sind, aber das wurde bereits im Text zum
August-Patchday
erwähnt.
- 11. August 2009
- Die Zero Day Initiative veröffentlicht ihr
eigenes
Advisory
zur
Schwachstelle
in den Microsoft Office Web Components. Darin steht, ganz
unauffällig und fast zum Schluss:
Disclosure Timeline
2007-03-19 - Vulnerability reported to vendor
2009-08-11 - Coordinated public release of advisory
Zwei der restlichen drei Schwachstellen wurden Microsoft am
29.3.2007
und
11.12.2007
von der ZDI gemeldet.
Diesmal hat Microsoft aufgepasst und nicht durch eine zu alte CVE-ID
verraten, dass eine Schwachstelle viel länger bekannt war, als man
erwartet hätte. Das die ZDI in ihren Advisories die 'Disclosure
Timeline' angibt, hat man dabei wohl vergessen. Dabei nimmt gerade die ZDI
es mit dem Zeitablauf sehr genau, immerhin geben sie in ihrer
Übersicht
an, welchen Herstellern sie eine wie schwerwiegende Schwachstelle wann
gemeldet haben. "Spitzenreiter" ist dabei Hewlett-Packard, eine mit "High"
bewertete Schwachstelle wartet dort seit dem 10.10.2006 auf ihre Korrektur.
Vielleicht gibt es das entsprechende Programm ja schon längst nicht
mehr? Aber zurück zu Microsoft: Wenn Microsoft über 1 Jahr
braucht, um die ATL-Schwachstellen zu beheben - was verbirgt sich dann wohl
hinter einer über 2 Jahre offenen Schwachstelle?
Noch mal in Kurzform:
- 19. März 2007
- Die ZDI meldet Microsoft die erste
Schwachstelle
in den Microsoft Office Web Components.
Öffentlich ist darüber nichts bekannt.
- Frühjahr 2008
- Ryan Smith und Alex Wheeler von IBM X-Force
melden
Microsoft eine Pufferüberlauf-Schwachstelle in der Microsoft Video
Controller ActiveX Library.
Öffentlich ist darüber nichts bekannt.
- 6. Juli 2009
- Veröffentlichung der inzwischen für
Angriffe ausgenutzten
Schwachstelle
im Microsoft Video ActiveX-Control.
- 13. Juli 2009
- Veröffentlichung der inzwischen für
Angriffe ausgenutzten
Schwachstelle
in den Microsoft Office Web Components.
- 14. Juli 2009
- Microsoft veröffentlicht am regulären
Juli-Patchday
einen "Patch" für die
Schwachstelle
im Microsoft Video ActiveX-Control.
- 28. Juli 2009
- Microsoft veröffentlicht
außerplanmäßige Patches und enthüllt mehrere
Schwachstellen
in der Microsoft Active Template Library (ATL).
- 11. August 2009
- Microsoft veröffentlicht am regulären
August-Patchday
Patches für die bereits bekannte
Schwachstelle
und drei weitere
Schwachstellen
in den Microsoft Office Web Components.
- x. August 2009
- Und wie gehts weiter?
Es gibt einige gute oder besser glaubwürdige
Erklärungen
für die lange Zeit zwischen Microsofts Informationen über die
Schwachstellen und der Veröffentlichung der Patches, aber die
gab
es ja bei der Schwachstelle im Microsoft Video ActiveX-Control zuerst auch.
Ob man denen also glauben darf? Ganz spontan kommen mir da doch ein paar
Fragen in den Sinn: Was steckt wirklich dahinter, und wann gibt es die
außerplanmäßigen Patches dafür? Sollte ich mir
vielleicht erst mal für den Abend des 25. August nichts wichtiges
vornehmen?
Carsten Eilers