Sonntag, 12. Februar 2012 |
Die Polizei filmt gerne bei Demonstrationen. Diesmal wurde sie gefilmt, und dabei machten einige Beamte gar keinen guten Eindruck. Heute im Standpunkt Sicherheit: Das Web 2.0 trifft auf alte Polizeitaktiken.
Die Polizei filmt bei Demonstrationen, um später Straftäter leichter ermitteln zu können und Beweise zu sichern. Nach einer Demo gibt es dann eine Pressemeldung mit der Anzahl der Teilnehmer und der festgenommenen Personen, meist aus dem rechts- bzw. linksextremen Umfeld. Darauf ist man eingerichtet, damit kann man umgehen. Gibt es Berichte über ein Fehlverhalten von Polizisten, fehlen meist die Beweise und/oder die Ermittlungen verlaufen im Sande. Und natürlich findet so etwas selten vor den laufenden Kameras der Fernsehsender statt.
Bei der 'Freiheit statt Angst'-Demonstration kam dann aber alles ganz anders als gewohnt: Ein Bürger filmt prügelnde Polizisten, und das Video samt Berichten wandert durch das Internet. Die Zeiten, in denen man die Berichterstattung mit einer Pressekonferenz zumindest teilweise in kontrollierte Bahnen lenken konnte, sind vorbei. Möchte jemand wetten, das es bald erste Forderungen von Politikern gibt, für sowas Stoppschilder einzuführen?
Das Video von der Prügelei ist ja wohl allgemein bekannt, einen guten Überblick rund um die ganze Geschichte gibt es in Fefes Blog. Ich werde das ganze hier mal aus der anderen Richtung aufrollen und mit der Pressemeldung der Berliner Polizei beginnen.
Da die Polizei sehr lange gebraucht hat, bis sie ihre Pressemeldung veröffentlicht hat, hatte sie doch eigentlich einen großen Vorteil: Sie kannte das Video und zumindest einen Teil der Reaktionen und hätte darauf reagieren können. Theoretisch. Praktisch ist genau das nicht passiert. Hat die Presseabteilung der Berliner Polizei keinen Internetzugang? Da wußte man wohl nur, das es ein Video gibt und man sich daraufhin gezwungen sah, gegen einige Beamte zu ermitteln. Was auf dem Video zu sehen ist und wie darauf bisher im Netz reagiert wurde, scheint man nicht gewusst oder aber ignoriert zu haben. Ansonsten hätte man wohl keine Pressemeldung veröffentlicht, die dem Video dermaßen krass widerspricht, oder man hätte auf diese Widersprüche hingewiesen.
Tun wir mal so, als hätten wir das Video nicht gesehen. Dann erfahren wir aus der Pressemeldung der Berliner Polizei:
Im Zusammenhang mit der Überprüfung des Lautsprecherwagens kam es seitens mehrerer Teilnehmer zu massiven Störungen der polizeilichen Maßnahmen. Trotz wiederholter Aufforderungen, den Ort zu verlassen, störte insbesondere ein 37-Jähriger weiter. Die Beamten erteilten ihm schließlich einen Platzverweis. Nachdem auch dieser wiederholt ausgesprochen worden war und der Mann keine Anstalten machte, dem nachzukommen, nahmen ihn die Polizisten fest. Hierbei griff ein Unbekannter in das Geschehen ein und versuchte, den Festgenommenen zu befreien, was die Beamten mittels einfacher körperlicher Gewalt verhinderten. Der Unbekannte entfernte sich anschließend vom Tatort. Der 37-Jährige erlitt bei seiner Festnahme Verletzungen im Gesicht und kam zur Behandlung in ein Krankenhaus.
Wenn die Polizei das so meldet, wird es wohl richtig sein. Und jetzt gucken wir uns mal das Video an. Einige Links dazu gibt es in Fefes Blog, darum verzichte ich darauf, hier auf eines zu verweisen, das vielleicht schon wieder verschwunden ist, wenn der Text erscheint. Beim Betrachten müssen wir feststellen, das Pressemeldung und Video irgendwie nicht zueinander passen. Ich lese
Trotz wiederholter Aufforderungen, den Ort zu verlassen, störte insbesondere ein 37-Jähriger weiter. Die Beamten erteilten ihm schließlich einen Platzverweis. Nachdem auch dieser wiederholt ausgesprochen worden war und der Mann keine Anstalten machte, dem nachzukommen, nahmen ihn die Polizisten fest.
Und was sehe ich? Der 37-jährige müsste ja wohl der Fahrradfahrer im blauen T-Shirt sein. Der stört aber zumindest im gefilmten Zeitraum nicht, sofern das Ansprechen eines Polizisten und das Aufschreiben von irgend etwas nicht schon eine Störung ist. Dann will er den Ort verlassen, wohl in eine andere Richtung, als der Polizist gezeigt hat. Selbst wenn der Mann einen Platzverweis bekommen haben sollte, bestand also kein Grund mehr, gegen ihn vorzugehen - er war ja dabei, sich zu entfernen. Und dann wird er von einem ihn nachgelaufenen Polizisten angegriffen und zurück gezerrt, bevor er von mehreren Polizisten verprügelt wird. Was denen anscheinend Spaß zu machen scheint.
Der Unbekannte, der die 'einfache körperliche Gewalt' abbekommen hat, könnte der junge Mann sein, der nach ca. 46 Sekunden mit einer blutenden Nase aus dem Getümmel kommt. Da kann er ja froh sein, das es nur 'einfache' Gewalt war.
Adrian Lang hat als Beteiligter die Pressemeldung kommentiert (falls die Seite wegen Überlastung mal wieder nicht erreichbar ist: Eine Kopie gibt es im law blog), sein Bericht passt im Gegensatz zur Pressemeldung zum Video.
Inzwischen ist ein Video aufgetaucht (via Fefes Blog), das anscheinend direkt vor der Prügelei aufgenommen wurde. Demnach hat der Radfahrer tatsächlich nach der Dienstnummer gefragt und wurde weggeschubst. Eine massive Störung kann ich darauf auch nicht erkennen.
Noch mal im Vergleich:
Pressemeldung: Ein Störer wollte sich nicht entfernen und wurde festgenommen. Ein Unbekannter wollte den Störer befreien und wurde mit körperlicher Gewalt daran gehindert. Danach kam der Störer ins Krankenhaus.
Video: Ein anscheinend harmloser Mann wird nach einem Gespräch und nachdem er sich bereits entfernt hat krankenhausreif geschlagen, einige Umstehende bekommen auch Prügel ab.
Und beides beschreibt die gleichen Vorgänge? Sehr merkwürdig, oder? Es ist ja bekannt, das die Verfilmungen vom Romanen oft wenig mit dem Roman zu tun haben. Aber beim Roman zum Film sieht das doch meist anders aus, da stimmen Roman- und Filmhandlung weitestgehend überein, da der Autor ja "nur" aufschreiben muss, was er gesehen hat. Aber das hat hier wohl nicht geklappt.
Ich bin ja mal gespannt darauf, ob noch mehr Videos auftauchen. Zumindest einer der Polizisten hat während der Prügelei auch gefilmt. Wäre die Veröffentlichung dieses Videos nicht eine gute Möglichkeit der Polizei, ihre Sicht der Dinge in wahrsten Sinne des Wortes zu zeigen?
Jede Berichterstattung ist tendenziös, gerade im "Mitmach-Web" des Web 2.0, in dem jeder ein Ereignis aus seiner Sicht darstellt bzw. kommentiert, man lese nur mal im Vergleich die Kommentare auf netzpolitik.org und auf CopZone (wo aber aufgeräumt wird). Das nennt sich Meinungsfreiheit und Meinungsvielfalt und ist so nötig und erwünscht. Einigen Politikern wird das nicht gefallen. Wie die wohl darauf reagieren? Vermutlich wird ihnen nichts anderes einfallen, als über den rechtsfreien Raum im Internet zu klagen, in dem man einfach solche brutalen Videos zeigen kann. Immerhin scheint man das erste Video bei YouTube ja für unheimlich jugendgefährdend zu halten. Was ja auch irgendwie stimmt, schließlich könnten Kinder und Jugendliche auf die Idee kommen, bei der Polizei gäbe es lauter Schläger oder so Prügeleien wären normal. Wann wohl Frau von der Leyen ein Stoppschild spendiert?