Sonntag, 12. Februar 2012


Kolumne

Mittwoch, 24. Januar 2007 | Kolumne

Naked XML: In der Zukunft angekommen

(Link zum Artikel: http://www.entwickler.de/dotnet/kolumnen/033871)
  • Teilen
  • kommentieren
  • empfehlen
  • Bookmark and Share

Martin Szugat

2007, eine unscheinbare Jahreszahl (man denkt schon an 2010) und doch ist es zumindest für XML eine besondere. 2007 ist die Version von Microsoft Office, die den Schritt wagt und die Dokumentenformate von Excel, PowerPoint und Word auf XML umstellt. Nach Jahren der Stabilität wirft Microsoft mit Office Open XML (einer Kombination aus verschiedenen XML-Formaten und ZIP-Komprimierung) die Abwärtskompatibilität zu früheren Office-Versionen über den Haufen und riskiert damit viel.

Der Kunde ist König
Gewonnen ist damit für den Anwender freilich wenig. Ihn interessiert es auch herzlich wenig, ob XML oder nicht XML. Das ist hier nicht die Frage - zumindest nicht für den Endanwender. Er verlangt nach einem Mehrwert. Microsoft argumentiert daher mit einem Weniger an Speicherplatzverbrauch und einem Mehr an Sicherheit. Das Mehr an Sicherheit begründet der Software-Hersteller mit einer gesteigerten Robustheit dank des ZIP-Algorithmus, mit einer verbesserten Datenkontrolle aufgrund der Offenheit der Formate und mit einem erhöhten Schutz vor Makroviren durch die klarere Trennung von Code und Daten.

Ob das dem Privatanwender reichen wird, ist mehr als fraglich, denn nicht nur er muss sich umstellen, auch seine Freunde und Kollegen müssen ihre Rechner fit für 2007 machen. Immerhin möchte jeder seine Arbeit mit anderen teilen, also per E-Mail verschicken. Das verlangt von allen Beteiligten, sich auf ein Format zu einigen. Immerhin war Microsoft schlau genug, nicht zu verlangen, dass jeder Office 2007 kauft. Denn auch Office 2007 bietet - abgesehen von einer neuen Oberfläche und eben neuen Dateiformaten - nur wenig Neues.

Also gibt es (für die alten Office-Versionen XP und 2003) ein so genanntes "Kompatibilitätspaket". Das ist zwar kostenlos, muss aber erstmal heruntergeladen und installiert werden, bevor beispielsweise das alte Word das neue Format lesen kann. Jedoch sind Windows-Nutzer regelmäßige Updates gewohnt und sollten sich außerdem glücklich schätzen, überhaupt in das Privileg eines Updates zu kommen. Andere gehen dagegen erstmal leer aus, zum Beispiel die Office-for-Mac-Nutzer. Doch das Entwickler-Team bei Microsoft steht mit gutem Rat zur Seite:

Fürs Erste empfehlen wir, dass Mac-Benutzer ihren Freunden und Kollegen, die Office 2007 einsetzen, nahe legen, ihre Dokumente als "Word/Excel/PowerPoint 97 - 2003 Dokument" (.doc, .xls, .ppt) zu speichern, um sicherzustellen, dass die Dokumente auf allen Plattformen benutzt werden können.

Das Büro ist geöffnet
Weder ist also Office Open XML ein Argument für Office 2007 noch ist Office 2007 ein Argument für Office Open XML. Das weiß auch Microsoft und unterscheidet - entgegen alter Gewohnheiten - zwischen beidem. So kommt es, dass der Closed-Source-Verfechter mit dem Open-Source-Anhänger Novell kooperiert, um auch der Konkurrenz, namentlich Open Office 2.0, die Office-Open-XML-Formate näherzubringen.

Mehr als die Worte "Open" und "Office" haben Open Office 2.0 und Office Open XML übrigens nicht gemeinsam. Das "Open" in "Open Office" meint quelloffen im Sinne von Open Source. Das "Open" in "Office Open XML" meint offen im Sinne von: jeder kann und darf das Format nutzen - ohne fürchten zu müssen, vor Gericht zu landen. Tatsächlich ist das "Open" in "Office Open XML" sehr umstritten. Nicht wenige bezweifeln Microsofts neue Offenheit und fragen sich, warum der Marktführer nicht auf den ISO-Standard OpenDocument setzt, anstatt sein eigenes Format bei der ECMA zu standardisieren.

Die Antwortet aus Redmond lautet: weil das OpenDocument-Format nicht feature-complete ist, also beispielsweise nicht sämtliche Word-Funktionen erfüllt, und davon gibt es bekanntlich viele. Doch auch bei Microsoft möchte man nicht mehr böse sein und hilft daher der Firma CleverAge ein Add-in zu entwickeln, das den Office-Versionen XP, 2003 und 2007 wiederum das OpenDocument-Format näherbringt.

Der Entwickler ist Kaiser
Zumindest das OpenDocument-Format hat mit dem Office-Open-XML-Format jedoch mehr gemeinsam als das Wort "Open" im Namen. Denn auch der OpenDocument-Standard setzt auf XML plus ZIP. Die Richtung, in die Microsoft mit Office Open XML geht, scheint demnach zu stimmen. Doch neben technischen Faktoren beeinflussen vor allem psychologische Umstände den Erfolg eines neuen Formats. Denn die Masse der Anwender wird erst dann umsteigen, wenn die Mehrheit der Anwendungen umgestellt worden ist.

Der, der letztlich über den Erfolg entscheidet, ist also der Entwickler. Er unterstützt ein Format, indem er es in seine Anwendungen integriert. Er bringt es zu Fall, indem er es ignoriert. Ob er ein Format unterstützt, hängt selbstverständlich wiederum davon ab, ob die Anwender danach verlangen. Doch dann ist es oftmals schon zu spät, da die Konkurrenz den fahrenden Zug bereits vollends besetzt hat. Ein Unternehmen, das am Markt bestehen will, muss also schon auf den anfahrenden Zug aufspringen.

Obgleich das Office-Open-XML-Format für den Anwender keinen unmittelbaren Nutzen mit sich bringt, so profitiert doch der Entwickler davon. Beinahe sämtliche Programmiersprachen und Plattformen unterstützen XML und ZIP. Mit der Version 3.0 des .NET Frameworks gibt es sogar eine eigene Programmierschnittstelle für Office-Open-XML-Dateien. Damit wird auch die Bedeutung des Wortes "Open" in "Office Open XML" deutlich: die neuen Formate öffnen die Office-Dokumente für fremde Anwendungen.

The same procedure as last year
Für den Anwender ändert sich im Jahr 2007 beziehungsweise mit Office 2007 allerdings wenig. Er wird im besten Fall von all dem (XML) nichts mitbekommen. Und das ist gut so, denn den Otto-Normal-Verbraucher interessiert es nicht, ob das Format Office Open XML oder OpenDocument heißt und ob es auf einem XML-Format oder auf einem Binärformat aufsetzt. Doch den Entwickler sollte es interessieren, denn er muss, solange sowohl die alten binären als auch die neuen offenen Formate nebeneinander bestehen, beide Varianten unterstützen. Auch in 2007 führt also an XML kein Weg vorbei und so hoffentlich auch an dieser Kolumne.

In diesem Sinne, bis in vierzehn Tagen!

Ihr Martin Szugat

Martin Szugat arbeitet bereits mit Office 2007, hat aber vorsorglich Office 2003 weiterhin auf seinem Rechner installiert. Ihre Meinung zu Office Open XML interessiert ihn sehr. Schreiben Sie ihm per E-Mail oder hinterlassen Sie einen Kommentar auf dieser Webseite. Mehr über XML und Office Open XML verrät er auf der kommenden BASTA, in der XML-Corner des dot.net magazins und in seinem Blog unter www.aboutxml.de.

Kommentare

Folgende Links könnten Sie auch interessieren