JAXenter: Wie kann man erreichen, dass der Übergang zu agilen Vorgehensweisen nicht als von außen aufgedrängt wahrgenommen wird?
Christiane Philipps: Man kann Menschen meiner Meinung nach nicht zur Agilität zwingen. Dann finden sie immer Gründe, warum Agile nicht klappt. Man kann nur Einzelne und Gruppen mit dem agilen Virus infizieren und ihnen sagen: „Probiert es selbst aus!“, sie dabei unterstützen und für Fragen zur Verfügung stehen. Ich glaube, am wichtigsten ist es, anderen die Geisteshaltung hinter Agile nahe zu bringen. Techniken kann jeder lernen, aber ohne eine Veränderung in der Einstellung werden agile Techniken nicht oder nur eingeschränkt zielführend sein. Das führt dann zu Frustration. Wollen wir wirklich agile Teams, geht die Arbeit im Kopf los, nicht mit dem Backlog.
JAXenter: "Wider die Macht der Verdrängung" heißt Ihre Session auf dem Agile Day der JAX 2010, in der Sie die Technik der "Retrospektive" näher beleuchten. Was bringt es, regelmäßig zurückzuschauen?
Christiane Philipps: Retrospektiven sind wichtig und werden doch allgemein gerne unterschätzt. Deborah Hartmann-Preuß hat auf den XP Days 2009 gesagt: "Dürftest Du nur eine agile Technik verwenden - wähle Retrospektiven". Und sie hat in meinen Augen Recht. Ein riesiger Vorteil agiler Herangehensweisen sind kurze, regelmäßige Iterationen. So hat man die Chance, auf einen überschaubaren Zeitraum zurückzublicken und hat das, was gut und schlecht lief, noch sehr genau vor Augen.
Um als Team ein wirkliches Learning zu erreichen, muss man allerdings die positiven und negativen Punkte auch benennen. Nicht benannte Lernerfahrungen gehen im Alltagsstress wieder unter.
Eine Retrospektive ist ein Bewusstmachungsprozess. Das tut manchmal, bei schlechten Sprints, weh. Die Versuchung ist groß, den Finger nicht auch noch in die Wunde zu legen. Nach meiner Erfahrung wird gerade dann sehr gerne auf eine Retrospektive verzichtet, entweder weil Team-Mitglieder negative Kritik an ihrer Person fürchten oder weil es ihnen unangenehm ist, welche an anderen anzubringen. Doch gerade im diesem Moment ist es wichtig, zurückzuschauen und zu analysieren - und mit diesem Wissen nach vorne zu gehen. Umso bedeutsamer ist es, auf eine gute Team-Kultur zu achten, in der Kritik konstruktiv formuliert wird und auch Raum für Fehler sein darf. Die Retrospektive muss vom Team als geschützter Raum empfunden werden, in dem Dinge ausgesprochen werden können.
Mit meinem jetzigen Team machen wir Wochensprints und am Ende jedes Sprints eine Retrospektive. Wir fragen uns "Was ist gut gelaufen?" und "Was können wir besser machen?". Die Formulierung ist mir wichtig, denn auch wenn die Betrachtung eines schlecht verlaufenen Sprints nicht unbedingt angenehm ist, so muss trotzdem der Fokus auf Verbesserung und Lernerfahrung liegen, nicht darauf, dass alles schlecht war.
Jeder aus unserem Team schreibt seine Erfahrungen auf einen großen Bogen Papier und wir lassen diesen mindestens eine Woche an der Wand im Teamraum hängen, denn wir wollen die Lernerfahrung in den nächsten Sprint hinübernehmen.
JAXenter: Ihre Session ist ja Teil des interaktiven Tracks des Agile Day. Mit welchen interaktiven Elementen wollen Sie Agilität erlebbar machen?
Christiane Philipps: Das sei noch nicht verraten - ich schätze neben Interaktivität auch Spontaneität, das eine sollte durch das andere belebt werden. Wenn ich vorher eine Agenda veröffentliche, wird es nicht mehr spontan.
Nur soviel dazu: Auch ich als Session-Leiter werde agil und daher iterativ vorgehen und meinen Plan der Wirklichkeit, die ich in meiner Session vorfinde, anpassen.
JAXenter: Vielen Dank für dieses Gespräch!
Christiane Philipps ist IT & Quality Assurance Manager mit starkem Fokus auf Agile und Agile Leadership. Seit über 10 Jahren arbeitet sie fest und als Consultant für und mit Web-Unternehmen, seit Januar 2010 als Chief Technology Officer (CTO) bei DailyDeal.de, dem deutschen Start-Up im Bereich Couponing und Social Live Shopping. Davor war sie Head of Quality Assurance bei den VZ Netzwerken. Ihr Blog findet sich auf www.bitsandcolors.de.



