Sonntag, 12. Februar 2012 |
Dass das Entwicklerhaus JetBrains ihre Entwicklungsumgebung IntelliJ IDEA jüngst auch in einer quelloffenen Community-Edition zur Verfügung stellte, war eine kleine Sensation der letzten Tage (wir berichteten). Was war die Motivation für diesen Schritt? Wie soll die Interaktion mit der Open-Source-Community aussehen? Wie wird sich das Verhältnis zur Open-Source-Konkurrenz Eclipse und NetBeans verändern? IntelliJ-Evangelist Roman Strobl gibt im Gespräch mit JAXenter Auskunft.
JAXenter: Wenn ein Produktanbieter plötzlich Open Source geht, kommt unweigerlich der Verdacht auf, man versuche, einen Ladenhüter loszuwerden. Was könnt Ihr diesem Verdacht entgegenbringen?
Roman Strobl: Wir geben IntelliJ IDEA aus mehreren Gründen frei: Zum einen soll die Anzahl der Anwender steigen. Außerdem soll das Ökosystem um IDEA herum wachsen – also mehr Plug-ins, mehr Framework-Integrationen, mehr Produkte entstehen, die auf unserer Plattform basieren und so weiter. Und wir wollen eine größere Beteiligung der Community erreichen. Du siehst also, dass das Open-Sourcing für uns eine Wachstums-Strategie ist. Es ist ein klares Statement, dass wir an die Zukunft von IntelliJ IDEA glauben. Man bedenke auch, dass die Open-Source-Edition nur ein limitiertes Subset an Features beinhaltet (zum Beispiel ohne Java EE und Framework-Support). Wir erwarten, dass viele Entwickler über die freie Version die Vorteile unseres Ansatzes erkennen und sich dann entscheiden werden, die Ultimate Edition zu erwerben.
JAXenter: Glaubst du, dass dieses reduzierte Featureset in Bezug auf Java EE attraktiv für Entwickler sein wird, wenn sie doch mit NetBeans und Eclipse einen umfassenden Java-EE-Support haben?
Roman Strobl: Wir denken, dass die Community Edition für viele Entwickler interessant ist, egal ob sie Java-EE-Backends, Desktop-Anwendungen oder mit Groovy entwickeln. Natürlich steht momentan mit der Community Edition kein Java-EE-Tooling zur Verfügung, aber das kann sich bald ändern, wenn die Community beginnt, Java-EE-Plug-ins selbst zu bauen. Im Moment raten wir professionellen Entwicklern, die Ultimate Edition von IntelliJ IDEA zu verwenden, da sie natürlich eine State-of-the-Art Java-EE-Entwicklungsumgebung bietet.
JAXenter: Ihr habt es geschafft, eine kommerzielle IDE neben NetBeans und Eclipse zu etablieren. Eure "Open-Source-Rivalen" setzen auf ein Framework-Konzept und bieten große Open-Source-Plattformen für IDEs an. Was ist der Unterschied zu eurer Plattform, bzw. warum braucht die Welt eurer Meinung nach noch eine dritte?
Roman Strobl: Wir wollen nicht mit anderen Rich-Client-Plattformen wie Eclipse RCP oder die NetBeans-Plattform konkurrieren, nicht auf dem Gebiet der Erstellung von generischen Desktop-Anwendungen. Unsere Plattform ist ganz klar eine IDE-Plattform, das bedeutet, man kann damit nur IDE-ähnliche Anwendungen bauen. Wir denken, wir haben eine hochentwickelte Sprachen-Infrastruktur, so dass das Entwickeln einer neuen IDE für eine neue Sprache leichter sein sollte als bei anderen Plattformen. Unsere Plattform hat außerdem gute Refactoring-APIs, wodurch Entwickler Werkzeuge mit stärkeren Refactoring-Fähigkeiten bauen können - sogar mit Cross-Language- und Cross-Framework-Refactorings. Als letzten Vorteil möchte ich noch erwähnen, dass die IntelliJ-Plattform unter der Apache-2.0-Lizenz steht, die flexibler ist als die Lizenzen anderer Plattformen.
JAXenter: Welche Ziele wollt Ihr mit der Open-Source-Strategie erreichen. Wo seht ihr euch in einem, wo in zwei Jahren?
Roman Strobl: Wie schon gesagt ist unser Ziel, die Anzahl der IntelliJ-User zu erhöhen und unseren Marktanteil zu vergrößern. Wir wollen als starker Player auf dem IDE-Markt wahrgenommen werden. Wir haben zwar schon den Ruf der Innovatoren in der IDE-Welt, aber wegen des Preises konnten nicht alle in den Genuss dieser Innovationen kommen. Dank der Open-Source-Strategie sollten nun alle Entwickler IDEA kennenlernen können, wodurch wir wiederum das Marktbewusstsein steigern werden, sowohl für IntelliJ IDEA als auch für andere Produkte. Außerdem wollen wir, dass das Ökosystem um unsere Plattform herum wächst und die Community stärker mit einbezogen wird.
JAXenter: Wie soll die Kooperation mit der Community aussehen? Wird es auch außerhalb von JetBrains Committer geben?
Roman Strobl: Es gibt schon viele Leute, die Code für IDEA beisteuern und Plug-ins bauen. Entwickler können Patches in unserem Bug-Tracking-System einreichen, und wenn wir diese akzeptieren, wird der Code Teil von IntelliJ IDEA. Was die Committer betrifft, werden die Leute, die über eine längere Zeit Patches liefern, auch Committer-Rechte erhalten. Wir möchten auch, dass einige Community-Bereiche wachsen: mehr Diskussions-Newsgroups in Foren, Produkt-Marketing (sprich Präsentation und Verlinkungen auf JetBrains.org), mehr Dokumentationen, Artikel und Screencasts, mehr gefixte Bug-Reports und mehr eingereichte Plug-ins. Wer mehr über die Community-Beteiligung erfahren will, findet auf JetBrains.org weitere Informationen.
JAXenter: Als Ihr beschlossen habt, eine Open-Source-Strategie zu fahren, hattet Ihr da ein bestimmtes Beispiel vor Augen?
Roman Strobl: Wir haben uns erfolgreiche Open-Source-Projekte bei Apache und Google angesehen. Außerdem haben wir uns von den Open-Source-IDE-Wettbewerbern inspirieren lassen. Wir sind aber nicht allen Ansätzen blind gefolgt. Zum Beispiel haben wir eine andere Lizenz gewählt als der Rest. Wir haben uns auch Ideen bei Projekten geholt, die sowohl eine freie als auch eine kommerzielle Edition anbieten.
JAXenter: Vielen Dank für dieses Gespräch!
Roman Strobl arbeitet bei JetBrains als Technology Evangelist. Er besitzt über 12 Jahre Erfahrung in der Softwareentwicklung mit Java und verschiedenen dynamischen Sprachen. Bevor er zu JetBrains kam, arbeitete er bei Sun Microsystems in den Projekten NetBeans und OpenSolaris. Roman ist regelmäßig Speaker auf Konferenzen wie der Community One, Sun Tech Days, verschiedenen Java-Events und JUG-Treffen. Er gründete die tschechische Java User Group und unterstützt die tschechische Java-Community.