Sonntag, 12. Februar 2012


Interview

Dienstag, 24. Oktober 2006 | Interview

Garantie gegen Erstarrung – Bastiaan van Rooden im Gepräch

(Link zum Artikel: http://www.entwickler.de/cod/kolumnen/032776)
  • Teilen
  • kommentieren
  • empfehlen
  • Bookmark and Share

Interview mit Bastiaan van Rooden, CEO/Creative Director von nothing – from outer space.

Bastiaan, was ist nothing?
van Rooden: nothing versteht sich als Agentur für digitale Kommunikation und existiert als Unternehmen seit 1999, wobei wir uns zu Beginn einzig und allein auf Grafikdesign konzentriert haben. Vor der Firmengründung habe ich mir von 1996 an mein Studium als Freelancer vor allem im Bereich Flyerdesign finanziert. Zu dieser Zeit entwickelte ich ein Gespür für digitale Medien bzw. entdeckte es wieder. Bereits als Teenager hatte ich Logos für Demogroups mit einem Amiga und DeluxePaint gepixelt und Ascii-Logos für BBS-Systeme von Freunden gestaltet. Darum war mir Paint auf Windows zuerst lieber als Photoshop. (lacht)

Was für Services habt ihr im Portfolio und wo liegen eure Schwerpunkte?
van Rooden: Wir realisieren die unterschiedlichsten Webauftritte, von einfachen statischen bis zu sehr aufwendigen und dynamischen Sites. Alle Entwicklungsschritte sind uns wichtig, vom Logo über das Screendesign bis zur Programmierung in Open-Source-Technologien (LAMP). Am liebsten begleiten wir den Kunden von Beginn an durch die gesamte digitale Kommunikation. Zu solchen Projekten können alle nothing-Mitglieder ihre Beiträge liefern und genau dieses Teamwork ist es, das uns am meisten Spaß macht.

Euer Look im Web setzt seit Jahren auf gerenderte Aliens, Roboter und eine Science-Fiction-Optik. Wie kam es dazu?
van Rooden: Die ganze SF-Ästhetik kam erst mit der Zeit dazu – also kein Urknall, wenn auch erste Grundideen schon sehr früh bestanden. Inspiriert wurde ich von den alten Flash-Gordon-Serien und legendären Filmen wie „Plan 9 from Outer Space“. Der Name nothing war aber von Beginn an Programm: Ich wollte einfach das ganze Business etwas anders machen — sicherlich mit kreativeren Inhalten füllen als das übliche Business-Blabla, welches man sonst auf den Agentur-Websites findet. Natürlich ging ich hier auch unkonventionellere Wege. Meine Ausbildung als Gestaltungslehrer hat mich auf andere Perspektiven ausgerichtet, als das etwa bei einem Studium der Betriebsökonomie der Fall gewesen wäre. Fazit: Das Übliche war mir einfach zu staubig, zu abgegriffen. Dass es gelungen ist, die Überzeugung „wir machen es anders“ durchzuziehen und dennoch große Brands wie The Body Shop oder Wired zu unseren Kunden zu zählen, macht mich nun nach all den Jahren der harten Arbeit doch ein wenig stolz.

Wie sieht für euch eine möglichst perfekte Website aus?
van Rooden: Eine Website ist dann perfekt, wenn sie sowohl den künstlerischen Ansprüchen von nothing wie auch den funktionalen und inhaltlichen Bedürfnissen des Kunden entspricht. Erst wenn diese Balance perfekt ist, stimmt auch der Auftritt in seiner Gesamtheit – was nicht einfach ist, denn je stärker man an einem Auftritt etwas anders machen will, desto intensiver muss man mit dem Kunden in den Dialog treten, um die eigenen Ideen erklären und verteidigen zu können. Die Frage nach dieser Balance muss immer (!) losgelöst von jeglicher Technologie beantwortet werden. Damit will ich nicht sagen „function follows form“, aber die Möglichkeiten, wie und mit welchen Inhalten ein Auftritt ausgestattet werden soll, müssen stets zuerst ohne die technische Machbarkeit studiert werden, sonst wird man die kreativen Barrieren nie sprengen.

Wann setzt ihr bei einem Kunden Flash als Medium ein? Wo seht ihr den Vorteil von Flash gegenüber gewöhnlichen HTML/XHTML Websites?
van Rooden: Flash kommt dann zum Einsatz, wenn wir Animation, Musik und sehr hohe Eigenständigkeit des Auftritts verknüpfen müssen. Flash bietet im Web ja praktisch die höchste technisch-kreative Freiheit, die man sich vorstellen kann. Wir bauen mit Flash oft Applikationen, die in eine existierende Website eingepasst werden, bei denen wiederum die genannten drei Bedingungen (Animation, Musik, hohe Eigenständigkeit) erfüllt sein müssen. Aufgrund der boomenden AJAX-Technologie, die in gewissen Bereichen Flash das Wasser abgraben kann, ist die Schnittmenge von (X)HTML-basierten Websites und multimedialen Flash-Auftritten größer geworden. Aber AJAX ist einfach eine zusätzliche Möglichkeit mit spezifischen Vor- und Nachteilen, die wir bei jedem Projekt wieder neu prüfen müssen. Wir setzen Flash also niemals einfach nur so ein — das wäre zu technologieverliebt.

Setzt ihr spezielle Tools bei der Entwicklung von Flashsites ein? Mit welchen anderen Programmen arbeitet ihr im Workflow, um bestmögliche Ergebnisse zu erzielen?
van Rooden: Wir bauen natürlich, wie die meisten anderen Agenturen, auf eine stetig wachsende Komponenten-Library, die sich durch die Jahre mit jedem Projekt weiter entwickelt hat, und die es uns erlaubt, wiederkehrende Aufgaben schneller umzusetzen. Die Entwicklung selbst läuft über den nahezu gleichen Workflow wie zum Beispiel der unserer PHP-Programmierer ab: Eclipse (FDT-Plug-in mit MTASC Compiler), Ant, Subversion. Das Bugtracking und -reporting wie auch das Entwicklungswiki machen wir mit trac. Unser Linux System Engineer knüpft all diese Tools immer nahtloser zusammen (auf einem Ubuntu-Linux-Server) und baut uns immer feinere Administrationstools, damit wir effizient und sicher entwickeln können. Besonders die weitgehende Unabhängigkeit von der Flash-IDE und die Ähnlichkeit mit der klassischen Programmierumgebung macht die gesamte Entwicklung viel flexibler und unabhängiger vom Hersteller Adobe.

Der Begriff Web 2.0 hat sich ja zum regelrechten Hype entwickelt. Personalisierte Infos für den Benutzer, maßgeschneiderter Content... Wo seht ihr die Stärken und Chancen bei der Webentwicklung der Zukunft?
van Rooden: Hypes sind dazu da, dass alle auf den Zug aufspringen und die, die wirklich etwas Brauchbares damit machen, auch in diesem sitzen bleiben. Aber das Web ist so evolutionär wie alles Übrige — Web 3.0 wartet schon. Es ist schön, wie wieder mehr mit dem Medium gespielt wird, wie die Inhalte von selbst entstehen, persönlicher werden, Technologien verknüpft werden und sich neue Vermarktungsmöglichkeiten auftun. Aber wie bei so vielen Hypes kann man sich kurzfristig stark hervortun, aber längerfristig besinnen sich alle wieder auf die wirklich benötigten Funktionen zurück. Natürlich finden wir AJAX auch toll, aber wir setzen diese Technologie nur ganz bewusst dort ein, wo es Sinn macht – genau so, wie wir mit Flash umgehen. Gut ist, dass mit dem Einsatz von AJAX neue Bedienkonzepte umgesetzt werden können, die früher zwar technisch schon möglich waren, aber aufgrund der Projektvoraussetzungen nicht eingesetzt werden durften. Hier sind die Kunden einfach flexibler geworden und erlauben es endlich, gewisse Browsergenerationen endgültig auf den Schrottplatz zu werfen!

An welchen aktuellen Projekten arbeitet ihr derzeit?
van Rooden: Im Moment arbeiten wir an einer Vielzahl von kommerziellen und nichtkommerziellen, sprich experimentellen Projekten, vom Tennisshop www.matchball.ch bis zur Weiterentwicklung unseres SF-Magazins www.supernovaexpress.com. Dazu kommt unser Kultur-Sponsoring, beispielsweise stiften wir eine Flashsite für ein im Herbst stattfindendes Kurzfilmfestival — leider kann ich hier noch keine Screens zeigen, aber der Prototyp sieht schon sehr lecker aus (3D-Grafik mit Video gemischt).

Schweizer Design ist ja für klare Strukturen und eher nüchterne Eleganz bekannt – ihr fallt da mit eurem Stil in Comic-Optik und süßen Bonbon-Farbverläufen etwas aus dem Rahmen. Wo seht ihr den Unterschied zwischen euch und anderen Agenturen aus der Schweiz?
van Rooden: Weil ich Niederländer bin? (lacht) Kann gut sein, dass ich als „Secondo“ (in der Schweiz gängiger Begriff für die zweite Generation von Einwanderern) hier im Land des eher nüchternen und reduzierten Designs zu illustrativ und zu bunt daherkomme, aber gerade das unterscheidet uns ja auch von der Konkurrenz. Aber es ist ja nicht so, dass alle unsere Auftritte wie www.nothing.ch aussehen, das könnten wir uns gar nicht erlauben. Der kreative Spielraum, den uns die Kunden gewähren, ist sehr unterschiedlich. So setzen wir von Fall zu Fall den Designer ein, der für den Job am besten geeignet ist. Meine Designs sind die mit den vielen Bonbons drauf. (lacht) Schön ist, dass jeder unserer drei Designer aufgrund seiner Herkunft ein sehr eigenständiges Design vertritt: spacefox (Schweiz), raiden (Japan) und spot (Niederlande). Das Neben- und Miteinander so unterschiedlicher Designstile ist eine Garantie gegen Erstarrung und Monotonie.

Vielen Dank für das Gespräch!

Das Interview führte Dirk Behlau.

Kommentare

Gravatar Daniela 27.08.2010
um 17:09 Uhr
Ein wirklich schönes Interview #zitieren
Gravatar Nicole 30.08.2010
um 16:58 Uhr
Danke für das schöne Interview. #zitieren
Gravatar Dominic Veloz 24.05.2011
um 09:11 Uhr
Kennt sich irgendjemand mit der Reklame verbunden mit einer Gewährleistung aus? Konkret: Wenn ein Onlineshop für Bücher ein Artikel in Verbindung mit einer zweijährigen Gewährleistung annonciert, ohne in der Werbung den Käufer auf seine gesetzlichen Rechte aufmerksam zu machen und die Bedingungen der Gewährleistung aufzuzeigen, ist diese Werbung dann rechtswidrig? Soll es also ein Onlinehändler unterlassen, mit Garantien ohne gesetzliche Informationspflichten Werbung zu machen? #zitieren
Gravatar Nicholas Lungren 24.05.2011
um 10:43 Uhr
Kennt sich jemand mit der Reklame in Verbindung mit einer Gewährleistung aus? Konkret: Falls ein Onlineshop für Plakate ein Produkt in Kombination mit einer dreijährigen Gewährleistung anbietet, ohne in der Werbung den Verbraucher auf seine gesetzlichen Rechte hinzuweisen und die Voraussetzungen der Garantie darzustellen, ist diese Werbung dann rechtswidrig? Muss es also ein Händler unterlassen, mit Garantien ohne gesetzliche Informationspflichten Werbung zu machen? #zitieren

Folgende Links könnten Sie auch interessieren