Sonntag, 12. Februar 2012 |
Dass XML Anwendungen verbindet, ist bekannt. Als Datenaustauschformat und Transportprotokoll ist XML längst der (Meta-)Standard. Dass es auch Menschen verbindet, ist neu und dem Wettbewerb zwischen Facebook und Google zu verdanken.
Netzwerken als Modeerscheinung
Facebook ist eines dieser in Mode geratenen Social Networks, also jener Websites, die nicht nur Webseiten, sondern auch Webanwender verknüpfen. Social Networks boomen. Denn sie befriedigen ein entscheidendes Bedürfnis aller Menschen: das nach sozialen Beziehungen. Hierfür bieten sie dem Nutzer ausreichend Platz zur Selbstdarstellung – im Web-2.0-Jargon Profil genannt.
Ein Profil kann vieles enthalten: angefangen vom Namen, über die persönlichen Interessen bis hin zur sexuellen Orientierung oder – falls die Ausrichtung des Netzwerks eine andere ist – den Berufswunsch. Und weil eben der Mensch nicht nur ein Leben, sondern meist mehrere, zumindest ein Privat- und ein Arbeitsleben, hat, gibt es auch eine Vielzahl verschiedener Social Networks: Business-Netzwerke wie XING, Studenten-Netzwerke wie StudiVZ und Freundeskreis-Netzwerke wie die Lokalisten.
Nur Facebook fällt hier etwas aus der Reihe. Was einst als elektronisches Jahrbuch für Absolventen der amerikanischen Harvard-Universität begonnen und sich schnell zu einem virtuellen Treffpunkt von Studenten in den USA entwickelt hat, ist heute eine internationale Social-Networking-Plattform mit einer breiten Ausrichtung.
Netzwerken als Plattform
So wie XML eine Metasprache ist, ist Facebook ein Meta-Netzwerk. Mit wenigen Mausklicks lassen sich auf Basis von Facebook eigene Social Networks ins Leben rufen und dank eines einfachen Erweiterungsmodells mit einer Vielzahl von Mini-Webanwendungen, den Widgets, füllen.
Ob Multiplayer-Games, Single-Treff oder Konferenzgespräche, sie verbinden Menschen und müssen daher zumindest die Kernfunktionen eines Social Networks wie Benutzerprofil und Freundesliste implementieren – oder alternativ sich in ein bestehendes Social Network integrieren. Eben dies ermöglicht Facebook mit der FBML, der Facebook Markup Language.
Wer nun an XML denkt, wird enttäuscht. Nicht XML, sondern der nahe Verwandte HTML stand Pate für die FBML. Doch auch Facebook kommt nicht ohne XML aus: so stellt es zusätzlich zur FBML, die sich primär auf die Darstellung beschränkt, eine REST-basierte XML-Schnittstelle bereit, welche den Zugang zu dem sozialen Netzwerk mit all seinen Daten ermöglicht.
Netzwerken als Machtinstrument
Genau über diese Schnittstelle ist ein Machtkampf entbrannt, zwischen Facebook und Google. Google, das ist schon längst nicht mehr nur eine Suchmaschine, sondern ein Konzern, der überall im Web mitmischt, so eben auch im Bereich der Social Networks. Und so hat Google bereits im Jahr 2004 eine Website namens Orkut gestartet, die Ähnliches leistet wie Facebook, aber nicht dieselbe Popularität wie jenes genießt.
Einen eigenen De-facto-Standard zu setzen, wie Facebook es derzeit versucht, war somit ausgeschlossen. Stattdessen holte man sich andere Social-Network-Betreiber, darunter den großen Facebook-Konkurrenten MySpace, zwei deutsche Vertreter, XING und Amiando, sowie ein weiteres Meta-Netzwerk, namentlich Ning, ins Boot und gründete die OpenSocial-Initiative. Die hat bereits eine Reihe von APIs spezifiziert, die auch von einem Teil der OpenSocial-Mitglieder auf ihren Websites umgesetzt wurden. Neben einem JavaScript-API definiert die Spezifikation auch ein OpenSocial Data API in einer vorläufigen Version. Sie ermöglicht lesenden und schreibenden Zugriff auf den Datenbestand eines Social Networks.
Auch hier kommt XML zur Anwendung, allerdings nicht in Form eines eigenen Formats. Stattdessen nutzt man bestehende Formate. Als "Trägerformat" wählte die OpenSocial-Gemeinde das Atom Publishing Protocol, das je nach Bedarf um weitere Formate erweitert wird, insbesondere um das Google Data Protocol. Sehr Google-spezifisch ist auch die Art und Weise von OpenSocial, wie Widgets in ein Social Network integriert werden sollen: natürlich als Google Gadget, einer weiteren XML-Anwendung aus dem Hause Google.
Netzwerken als
Anforderung
Der Erfolg von OpenSocial ist noch ungewiss. Wer macht das Rennen?
Facebook
oder OpenSocial? Eine Antwort hierauf wäre verfrüht. Sicher
ist aber, dass
Social Networks die Anwendungsentwicklung nachhaltig verändern
werden, nicht
nur im Web, sondern auch auf dem Desktop. Wir leben in einer vernetzten
Welt.
Anwendungen, die diese Tatsache nicht widerspiegeln, verlieren ihre
Anwender.
Egal ob ERP-System, Buchhaltungssoftware oder Dokumenteneditor, in
allen
Bereich taucht der Mensch auf und damit die Notwendigkeit, ihn zu
verwalten.
Social Networks sind die Antwort auf diese Anforderung.
Martin Szugat beschäftigt sich beruflich mit dem Social Web und mit XML. Privat interessiert er sich für Philosophie und Wissenschaft im Ganzen. Bei Fragen, Anregungen und Kritik zu den ersten beiden Themen erreichen Sie ihn via E-Mail an martin.szugat@techworker.net.