Donnerstag, 24. Mai 2012 |
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Bereits zum zweiten Mal konnten wir mit Mike Milinkovich den Executive Director der Eclipse Foundation auf der Enterprise-Java-Konferenz JAX begrüßen. Vor Ort hielt er eine viel beachtete Keynote zum Thema Callisto. Unsere beiden Autoren Peter Friese und Martin Lippert nahmen die Gelegenheit zu einem Interview wahr und klopften Mike zu wichtigen Themen rund um die Foundation ab.
Eclipse Magazin: Mike, könnte es nicht sein, dass die Eclipse Foundation oder Eclipse eines Tages dieselbe Erfahrung macht, wie das bei Google gerade geschieht? Als Google anfing, galten sie als cool. Ein Start-up-Unternehmen, geführt von zwei cleveren Jungs, mit einer coolen Suchmaschine, die jeder nutzte und die ja auch heute noch genutzt wird. Aber mittlerweile wissen die Leute nicht mehr, ob sie Google noch trauen können. Besteht also nicht die Gefahr, dass Eclipse eines Tages dasselbe erleben könnte – Eclipse galt und gilt ja ebenfalls als sehr cool?
Mike Milinkovich: Das ist tatsächlich etwas, worüber wir nachdenken. Es gibt in diesem Kontext eine ganze Reihe verschiedener Argumente. Der Vergleich mit Google trifft auf der einen Seite recht gut, aber er hinkt auf der anderen Seite auch. Ein Punkt, dem ich in jedem Fall zustimmen würde, ist, dass es sehr schwer ist, cool zu sein, wenn du die Nummer eins bist. Das liegt in der Natur der Menschen. Wenn etwas das Größte ist, kann es nicht als cool gelten, auch dann nicht, wenn es das Beste ist. Der kleine Mann gilt als cool, niemals aber der Big Guy. Wie schafft man es also, die Nummer eins und trotzdem cool zu sein? Darüber denken wir von Eclipse ziemlich viel nach. Das ist gar nicht so einfach!
Das mit dem Vertrauen sieht allerdings anders aus. Google ist ein Voll-Profit-Unternehmen, und die Leute, die Google heute betreiben, sind Multimillionäre. Die Eclipse Foundation ist hingegen nicht profitorientiert. Was immer wir tun, es kostet nichts. Also sieht das hier ganz anders aus als im Fall von Google. Wir haben eine ganz andere Motivation. Bei Eclipse stehen die Menschen im Fokus, die sich beteiligen, und diese werden von uns wie durch ein Kissen abgefedert. Google ist sehr groß, und es ging alles so schnell, sodass gar keine Zeit dafür blieb, die Gerüchte aus der Welt zu räumen, wie das Unternehmen mit Software Geld macht.
Was ist der richtige Weg, um Dinge zu Open Source zu bringen? Darum geht es für uns. Ich denke, dass jeder die Antwort schon kennt. Open Source ist immer noch ziemlich neu, aber es ist ja nicht auf Eclipse beschränkt. Man kennt diese dynamische Angelegenheit um Open Source ja schon von Apache her: Wie viele und welche Projekte sollen sie noch starten, und wie soll man vorgehen, diese voranzutreiben und zu etablieren? Das betrifft also nicht nur Eclipse.
EM: Es gibt einige Regeln, wie ein Unternehmen in die Eclipse Foundation eintreten und Projekte etc. vorschlagen kann. Gibt es umgekehrt auch Regeln dafür, wenn dieses aus der Eclipse Foundation aussteigen oder ein Projekt abgeben will?
Milinkovich: Aber sicher. Ich möchte aber ergänzen, dass es gar nicht nötig ist, dass ein Unternehmen unbedingt ein Mitglied der Eclipse Foundation sein muss, um Projekte vorschlagen zu können. Aber wenn jemand ein Projekt bei Eclipse führt und nicht mehr daran weiterarbeiten möchte, ist das ganz einfach: Man hört einfach auf, daran zu arbeiten.
EM: OK, aber was passiert dann mit dem Projekt?
Milinkovich: Der Code bleibt im CVS und läuft weiter unter der Eclipse Public Licence (EPL). Wenn du etwas unter der EPL eingegeben hast, kannst du es nicht wieder herausnehmen. Allerdings muss man in Software immer wieder investieren, um sie am Leben zu halten. Wenn die Leute an einem bestimmten Projekt nicht mehr arbeiten und es keinen gibt, der es übernimmt, dann wird das Projekt sterben. Aber nicht der Code.
EM: Ich kann mir vorstellen, dass manche Leute sagen, IBM spielt eine große Rolle in Eclipse, und diese Rolle wird kleiner, je mehr Firmen mit einsteigen. Aber IBM investiert immer noch eine Menge Geld in z.B. das Plattform-Projekt. Es ist nur eine verrückte Idee, aber was würde passieren, wenn IBM plötzlich sagen würde: "Heute arbeiten 50 Leute an der Plattform, aber morgen werden sie etwas anderes für IBM machen und niemand wird mehr an der Plattform arbeiten." Das ist zwar ziemlich unwahrscheinlich, aber was würde dann passieren?
Milinkovich: (lacht) Das wäre ein interessantes Experiment. Also, was würde passieren? Der Code geht nirgendwo hin, er bleibt bei Eclipse und andere Leute werden damit weiterarbeiten. Ein interessanter Faktor ist, dass es Hunderte von Unternehmen gibt, die ein Teil von Eclipse sind. Es würden alle ihre Produkte in große Schwierigkeiten geraten. Ich schätze mal, sie würden aufstehen und sagen: "Die Platform ist so wichtig für unsere Firma, lasst uns also die Arbeit übernehmen und weitermachen." Dass das gesamte Eclipse-Öko-System kollabieren würde, halte ich nicht für sehr wahrscheinlich. Ich glaube eher, dass die Leute aufstehen und an der Entwicklung weiterarbeiten würden, denn es ist eine ganze Menge Arbeit von wirklich guten Leuten und viel Geld aufgewendet worden. Da stünden zu viele Firmen und zu viel Geld auf dem Spiel.
EM: Kannst du uns etwas darüber sagen, wie Investoren wie IBM oder Compuware durch die Open-Source-Projekte Gewinn machen? Als das Web Tools Platform-Projekt gestartet wurde, haben sich viele zum Beispiel gefragt, wie IBM zukünftig mit seinem WebSphere Application Developer (WSAD) Geld machen will, da doch alle Produkte des WSAD als Submissions für WTP eingereicht wurden.
Milinkovich: Ich möchte keine Kommentare über eine bestimmte Firma oder ein bestimmtes Produkt abgeben, aber wie Unternehmen Geld mit Software machen, hängt grundsätzlich von dem jeweiligen Lizenzmodell ab, auf das sie setzen. Insbesondere im Bereich Open Source folgt das Geschäftmodell ja dem Lizenzmodell. Die verschiedenen Arten, wie man mit Eclipse Geld machen kann, haben hauptsächlich mit der Entwicklung der eher flexiblen EPL zu tun. Mit der GPL hingegen hat man eine Lizenz, bei der man sein Geld allein durch Services verdient.
Im Umfeld von Eclipse sieht man also zum einen Unternehmen, die ihre Produkte auf Basis von Eclipse bauen, so z.B. die gesamte Rational-Produktpalette, WebLogic Workshop etc. Zum anderen gibt es das Plug-in-Modell, hier möchte ich Produkte wie MyEclipse oder Unternehmen wie Instantiations oder Wind River nennen. Hier liegt die Erwartung vor, dass Eclipse bereits installiert ist und dass nun darüber hinaus eine ganze Reihe an Plug-ins mit angeboten werden. Dann gibt es noch verschiedene Servicedienstleistungsmodelle und andere Kombinationen. Man sieht also, es gibt eine Reihe verschiedener Kombinationen und Variationen, wie Leute Geld mit Eclipse machen können.
EM: Es ist interessant zu sehen, wie groß das Eclipse-Öko-System ist und wie viel Geld damit umgesetzt wird. Es gibt derzeit bei Eclipse so viele Projekte, dass es selbst für Leute, die mit Eclipse gut vertraut sind, schwierig ist mitzubekommen, was neu ist und welcher Teil was genau tut. Etwas provokant formuliert: Wird Eclipse das nächste SourceForge?
Milinkovich: Nein! Sicherlich nicht! Dafür gibt es auch gute Gründe Wenn ich ehrlich bin, ist unsere Gesamtstruktur nicht so gut wie die von SourceForge, um Projekte zu starten. Es geht dabei um Dinge wie CVS oder Bugzilla.
Das Wichtigste hierbei sind formelle Dinge. Wie gehe ich mit den Codebeiträgen um, den Prozessen, unter denen wir die Kontributionen laufen lassen. Dinge, die man ausfüllen muss, um Committer zu werden. Solche Dinge, bevor man seine CVS-Zugangsrechte bekommt. Bei SourceForge ist da noch viel mehr. Wir müssen das Eclipse-Projekt beobachten, und ich habe überhaupt keine Bedenken, dass wir so etwas wie SourceForge werden könnten.
EM: Es gehen immer wieder neue Projekte an den Start. Hältst du diese Entwicklung für positiv oder sind es allmählich zu viele Projekte? Was wird passieren? Es gibt jetzt bereits 60 oder 70 Projekte. In ein oder zwei Jahren werden es vielleicht hundert sein.
Milinkovich: Als grundsätzlichen Kommentar: Ich klopfe nicht an Türen und rekrutiere Projekte. So etwas machen wir bei der Eclipse Foundation nicht mehr. Als wir angefangen haben, da haben wir um Projekte geworben. Jetzt brauchen wir nicht unbedingt noch mehr Projekte.
Dieses gegenwärtige Interesse um Eclipse und dass Eclipse als guter Platz für Open-Source-Projekte angesehen wird, ist natürlich eine tolle Sache. Was nicht so gut ist, ist, da wir in den letzten Jahren so groß geworden sind, dass das Risiko besteht, den Wert der Marke Eclipse herabzusetzen in dem Sinne, dass man ein Eclipse-Projekt bekommt, das nicht wirklich gut ist. Das ist eine unserer Sorgen, und wir möchten wirklich nicht, dass die Marke Eclipse untergeht, aber diese Erwartung ist auch wirklich unrealistisch.
Das Eclipse-Projekt, also das Originalprojekt bei IBM, hat eine Menge Zeit investiert, schon bevor sie, das Team, angefangen haben, es Open Source zu betreiben. Die Basis für diesen Code ist sieben Jahre alt. Und sie stammt von einem Projektteam, das fünf bis zehn Jahre lang daran gearbeitet hat. Das Projektteam hat bewiesen, wie gut sie alle zusammenarbeiten. Es ist natürlich sehr schwer für ein Projekt - mit oder ohne den Namen Eclipse - von sich zu behaupten, dass es so gut ist wie das Plattform-Projekt. Deshalb haben wir also einen Incubator-Bereich installiert, und ich bin sicher, dadurch ist offensichtlich, welches Projekt neu bzw. wie weit vorgeschritten es ist. Wir versuchen, den Erwartungen der Menschen zu entsprechen, indem wir diesen neuen Projekten die Zeit geben, die sie brauchen, um erfolgreich zu sein und ihre eigene Bedeutung zu entwickeln, denn das ist das, was jedes Projekt tun sollte: seine eigene Bedeutung entwickeln.
Um ihre visionäre Frage zu beantworten: Es gibt kein vorgegebenes Limit dafür, wie viele Projekte wir haben können. Wir wachsen so, wie wir wachsen. Und im Grund genommen denke ich, dass dieses Wachstum ein positives Zeichen ist, ein Reaktion des Interesses an Eclipse. Aber wir müssen im Umgang mit den Erwartungen sehr sorgsam umgehen.
Ich denke auch, dass es völlig in Ordnung ist, Projekte zu beenden, die nicht erfolgreich sind oder die aus irgendeinem Grund nicht weiter betrieben werden. Tatsächlich haben wir im letzten Jahr vier Projekte bereits beendet. Es ging mit diesen nicht mehr weiter vorwärts. Und ich halte es für eine gute Sache, die Kompetenz zu zeigen, solche Projekte identifizieren zu können, die keinen Erfolg haben, und sie dann zu beenden.
Offen gestanden war ich immer der Meinung, dass man niemals versagt, wenn man es gar nicht erst versucht. Wir wollen auf jeden Fall Innovationen und versuchen, interessante Dinge zu machen. Wir müssen in der Lage sein, Niederlagen zu akzeptieren - und genau das tun wir.
EM: Gibt es hier einen Reifeprozess?
Milinkovich: Wir haben in der Tat einen sehr gut definierten Reifeprozess für Projekte. Wenn ein Projekt vorgeschlagen wird, wird es erst einmal begutachtet. Dann erhalten wir Feedback, dann wird das Projekt geschaffen, der Code wird ins CVS eingebracht und eine initiale Gruppe an Committern wird bestimmt. Dann fängt das Projekt an, eine Community aufzubauen. Im Incubator prüfen wir das Projekt: Hat das Projekt unterschiedliche Committer aus verschiedenen Firmen und Organisationen? Wie sieht's mit Code aus? Wie verhält es sich mit der Qualität des Codes und wie wird diese Qualität garantiert? Verstehen sie auch die Plattform und Tools der anderen Projekte? Das möchten wir sehen. Und schließlich gibt es ein Review Release, wenn die Version tatsächlich an den Start geht.
Das ist unsere Vorstellung von Eclipse-Qualität. Bevor es eine Version 1.0 eines Projekts geben kann, muss es erst einmal ein API haben. Das ist eines der Dinge, das wirklich einzigartig an Eclipse ist. Wir sind sehr an Qualitäts-Projekten auf der Plattform und an der Qualität der Plattform selbst interessiert. Voraussetzung ist die Entwicklung von APIs und Frameworks, damit die Leute auf diese Projekte aufbauen können und sich in die von den Projekten zur Verfügung gestellte Funktionalität einklinken können, um damit etwas Neues zu entwickeln. Das ist eines der Dinge, die bei Eclipse wirklich anders sind. Unter all den anderen Open-Source-Projekten sehe ich nicht eines, das darauf ausgerichtet ist, eine Plattform zu bauen, die so ist wie die Eclipse-Plattform.
EM: Es gibt nun neuerdings auch Projekte, die sich nicht so sehr auf die Rich-Client-Entwicklung fokussieren, sondern eher in Richtung serverseitige Entwicklung gehen. Zum Beispiel die Rich Server Platform oder die Rich AJAX Platform ...
Milinkovich: ... nicht zu vergessen: Corona, Equinox, ECF, Higgins.
EM: Glaubst du, dass es in der Zukunft eine der Hauptrichtungen für die Eclipse-Plattform sein wird, den serverseitigen Zweig zu erweitern?
Milinkovich: Ja und nein. Ich sehe z.B. nicht, dass Eclipse jemals einen Java EE Application Server haben wird. Wir haben schon jetzt genug zu tun, auch wenn die Idee nicht schlecht ist (lacht). Wir haben zum Beispiel großes Interesse daran, wie es mit dem OSGi-Komponentenmodell weitergehen wird. Er wird auf dem Server weiterlaufen. Und ich glaube, es wäre dumm zu versuchen, diese Richtung zu stoppen oder rückgängig zu machen. Wenn etwas erst einmal einen Hügel herunterrollt, dann kann man es nicht aufhalten. Es ist nichts, bei dem man aktiv Einfluss nimmt.
Die Community ist anscheinend sehr daran interessiert, wohin sie mit dieser Technologie kommen wird und wie sie angewendet werden kann. Ich finde das großartig. Eine der schönen Sachen bei Eclipse ist, dass wir nicht religiös, sondern sehr pragmatisch sind. Nach dem Motto: Die Leute können ihre technischen Probleme mit dieser Technologie lösen. Es passt, sie arbeitet, sie skaliert. Es klappt gut.
EM: Es wird also keine Kampfansage des serverseitigen Eclipse oder von OSGi auf dem Server an den Aplication-Server-Markt geben?
Milinkovich: Ich sehe das eher komplementär. Es ist doch eher interessant zu sehen, dass es so viele verschiedene Wege gibt. Es gibt viele Java EE Application Server, die auf OSGi basieren. Es existieren Application Server, bei denen OSGi sich im Servlet Container befindet. Es gibt solche mit OSGi im EJB-Container. Im Grunde gibt es jede mögliche Kombination und Berechnung. Was die Leute versuchen, ist, echte Probleme zu lösen. Sie sitzen hier und haben eine OSGi Runtime Single Servlet Container und eine Command Shell and Command Line Interaction und versuchen Plug-ins in den Servlet Container zu laden. All diese wichtigen Plug-ins und interaktiven Eigenschaften funktionieren, während sie in einem Servlet Container laufen. Das ist sehr cool! Man kann jede Menge Sachen machen, und dann bekommt man was zurück, was auf der gesamten Infrastruktur aufbaut. Das ist sehr interessant zu betrachten. Ich sehe es nicht als etwas an, dass mit Java EE konkurriert. Es ist etwas, das den Leuten im Hinblick auf Anwendungen mehr Möglichkeiten geben wird.
EM: Es gibt jetzt den JSR 291 für die OSGi-Integration. Was hältst du davon davon?
Milinkovich: Ich halte das für großartig. Ich glaube, die Schnittmenge zwischen Open Source und offenen Standards ist ideal. Ich fände es sehr positiv zu sehen, wenn noch mehr dieser Kooperationen passieren würden. OSGi selbst ist ja ein Java-Standard und Sun war eine der Firmen, die OSGi mit gestartet haben. Es ist gut zu sehen, wie zwei Standardisierungs-Organisationen zusammenkommen und ihre Technologien zusammenbringen.
EM: Wird es denn noch mehr Bereiche geben, in denen die Teams von Sun und Eclipse zusammenarbeiten?
Milinkovich: Es gibt im Moment eine nahe liegende, pragmatische Angelegenheit: Wir haben unseren ersten Committer von Sun bekommen, da Sun möchte, dass Eclipse auf Solaris x86 läuft. Sun zeigt hiermit, dass sie sich aus den richtigen Gründen mit Eclipse zusammenarbeiten. Ich glaube, dass Sun positiv überrascht sein würde, wie viel Geld sie durch Eclipse gewinnen könnten. Aber das müssen sie selbst entscheiden. Von dem Tag an, an dem ich mit Java angefangen habe, habe ich gesagt, es steht jedem frei, sich Eclipse anzuschließen. Ich habe zweimal mit ihnen gesprochen, aber sie haben sich bis jetzt noch nicht entschieden.
EM: Eine andere Frage. Wie wird das Software-Business in einigen Jahren aussehen? Wird Open Source mehr und mehr Einfluss darauf haben, wie das Business überhaupt läuft? Wie sind die Chancen für Firmen, im Open-Source-Kontext Geschäfte zu machen?
Milinkovich: Ich denke, wir erleben eine Reihe neuer und neu entstehender Geschäftsmodelle in der Software-Branche. Es gibt auf jeden Fall Wege für Unternehmen, im Softwarebereich eine Menge Geld zu machen (siehe Google). Ich glaube, das alte Geschäftsmodell, also Software zu entwickeln, in eine Kiste zu stecken und die Kiste dann zu verkaufen, wird aussterben.
Ich glaube nicht, dass Open Source fundamental etwas daran ändern wird, dass man, wenn man Wert liefert, Geld damit macht. Die Änderung liegt eher darin, wie die Software zusammengebaut wird. Firmen werden mehr Zeit damit verbringen müssen, sich um den Energieverbrauch zu kümmern, oder darum, was wirklich innovativ ist. Es gibt ja so viele neue Software-Produkte, so viele Betriebssysteme. Es gibt so viele Technologien, um Software zu entwickeln.
Manche Kunden kümmern sich nicht darum, ob eine Lösung Open Source ist oder nicht. Sie stecken ihr Geld nur in die Lösung ihres Problems. Ich glaube zum Beispiel nicht, dass die Software-Industrie verschwinden wird. Sie spielt innerhalb der Gesellschaft eine zu gewichtige Rolle, also gibt es für Firmen die Möglichkeit, profitable Geschäfte aufzubauen. Die Modelle werden sich ändern, wie ich gesagt habe, weil das Box-Modell nicht der Weg der Zukunft ist.
EM: Viele Open-Source-Projekte werden von Firmen initiiert - so auch bei Eclipse. Aber es gibt eine Menge Freiberufler und Leute, die in ihrer Freizeit entwickeln. Ich glaube, dass viel von dem Open-Source-Benefit durch diese zusätzlichen Leistungen kommt, die Leute in ihrer Freizeit einbringen. Wie wird sich das in Zukunft auf das Leben der Entwickler auswirken? Werden wir alle nachts an Open Source arbeiten, weil unser Tagesgeschäft uns keine Zeit dafür lässt? Sollten wir uns vielleicht nach Firmen umsehen, die uns für die Open-Source-Entwicklungen bezahlen?
Milinkovich: Ich glaube, das Tolle an Open Source ist, dass es eigentlich auf reiner Meritokratie basiert. Eine Menge Leute, die Open Source nicht besonders gut kennen, glauben, dass es auf Demokratie basiert. Aber so ist es nicht. Es ist Meritokratie. Der Grund dafür, dass eine Menge Entwickler nicht in Open-Source-Projekten arbeiten, liegt darin, dass es ihre Manager einfach nicht interessiert. Es wird ihnen von den Chefs nicht erlaubt, in Open-Source-Projekten mitzuarbeiten. Diejenigen, die in Open-Source-Projekten arbeiten, sind dort, weil es um Werte geht. Deine Reputation und deine Beiträge hängen absolut davon ab, wie technisch fundiert deine Beiträge sind. Es gibt eine Art von Ehrlichkeit, wenn man in Open-Source-Projekte involviert ist, die es nicht gibt, wenn man in IT-Unternehmen arbeitet. Der Projektmanager sagt dir, du machst dies, du machst das ... vieles von oben auf oktroyiert. Das sind aber dann oft Dinge, die von der Technologie-Seite nicht unbedingt so wichtig ist, wenn man sich für ein bestimmtes Projekt interessiert. Ich kenne eine ganze Reihe von Lebensläufen, wo die Leute angefangen haben, abends in Open-Source-Projekten zu arbeiten. Und es wurde zu ihrer Leidenschaft. Mit der Zeit fanden sie genau das, nach dem sie für sich selbst gesucht haben. Sie bauten sich eine enorme Reputation dadurch auf, dass sie in das Projekt involviert waren. Ich weiß nicht, ob das der Maßstab ist, ich weiß nicht, ob das eine Basis für eine Karriere ist. Aber ich halte das für einen interessanten Weg für Menschen, die sonst gar nicht dazu in der Lage wären. Es ist eine sehr interessante Dynamik.
EM: Wie sieht deine Vision für Eclipse und die Eclipse Foundation aus? Was wird in den nächsten fünf bis zehn Jahren passieren? Wird es eclipse.org in zwanzig Jahren immer noch geben?
Milinkovich: Meine Vision für Eclipse erstreckt sich nicht auf fünf bis zehn Jahre. Ich will, dass Eclipse eine Institution ist, die sehr lange Bestand haben wird. Ich möchte wirklich, dass es sehr lang existiert. Meine Vision für Eclipse ist, eine Community aufzubauen, die sehr lange Zeit bestehen bleibt und Open-Source-Projekte aufbaut, die sich auf die richtigen Tools und Frameworks fokussieren und die sehr pragmatisch sind. Ich habe kein Interesse daran, Eclipse als eine Art Religion zu betrachten. Wenn man sich mal an den Beginn von Java in den Neunzigern erinnert oder die erste JavaOne, das war eine der unheimlichsten Erfahrungen für mich. Ich fand es total verrückt. Das ist sicher nichts, was ich mir für Eclipse wünschen würde. Ich möchte, dass man Vertrauen in Eclipse hat, das man Eclipse Anerkennung zollt, weil es großartige Softwareprodukte produziert. Und eine der Sorgen, die wir im Moment haben, ist dieser Hype und diese enormen Erwartungen an Eclipse. Vieles schießt über das hinaus, was wir in der Lage sind zu leisten. Nämlich Open-Source-Projekte zu entwickeln.
Einige der neuen Projekte laufen gerade an, und sie werden eine Weile brauchen, bis sie auf der Plattform präsentiert werden können. Software braucht Zeit. Wir brauchen die Zeit, damit die Realität mit dem Hype auf eine Stufe kommt. Ich habe den Eindruck, dass die Sache insgesamt sehr gut läuft.
EM: Was macht ihr, um die Community aufzubauen? Gibt es bestimmte Mittel?
Milinkovich: Es gibt eine ganze Reihe von Communitys. Ich sehe hier die Committer Community, die Plug-in-Enwickler-Community und schließlich ist da noch die User-Community.
Für die Committer Community haben wir Ward Cunningham (der Erfinder des Wiki; Red.). Sein Job besteht darin, dass er unterwegs ist und mit den Leuten redet, schaut, was sie so innerhalb der Eclipse Community machen. Zu seinem Job gehörte auch, die Callisto-Release-Richtlinien für die beteiligten Projekte zusammenzubringen. Wir haben gemerkt, dass viele Committer von Eclipse sich nicht kennen und gar nicht miteinander agieren, weil wir einfach so schnell wachsen. Also haben wir Ward gebeten, mehr Vernetzung in der Eclipse Committer Community zu schaffen.
Die Plug-in-Entwickler-Community sollte eine sehr stabile Plattform sein. Stetige Verbesserungen in der Plug-in-Entwicklung sollten es den Leuten erleichtern, Plug-ins in Eclipse zu bauen. Im Moment ist diese sicherlich das Herz der gesamten Eclipse-Community.
Eine Sache, die die ursprünglichen Entwickler von Eclipse ganz ganz toll hinbekommen haben, ist die gesamte Plug-in-Architektur. Das ist die Architektur für Eclipse. Eclipse ist einfach und geradeaus. Kommt dazu, baut darauf Sachen auf! Das ist wirklich das Herz und ist die Seele des Eclipse-Öko-Systems. All diese Plug-in-Entwickler probieren Sachen aus und bauen Dinge, die auf Eclipse basieren.
Auf Seiten der User zugegebenermaßen tun wir nicht genug. Wir müssen viel mehr tun, um eine User-Community aufzubauen. Etwas, das ich sehr frustrierend finde, ist, dass ich nicht viele Leute treffe, die Eclipse nutzen und zudem richtig involviert sind. Ich weiß nicht, warum das so ist. Wir haben nicht genug getan, um Leute, die Eclipse einfach nur benutzen, versteht ihr, die tagtägliche Erfahrung im Entwickeln mit Eclipse haben, mit ins Boot zu nehmen, sie dazu zu bringen, uns ein Feedback zu geben.
EM: Warum fragt ihr sie nicht direkt. Verbesserungen für die Plattform beispielsweise. Ich kann zwar Bugs einreichen, um eine Verbesserung vorzuschlagen. Das ist schon OK, aber die User würden vielleicht eher ein Feedback geben, wenn man sie darum bittet, anstatt dass sie kommen müssen, um etwas vorzuschlagen. Warum macht ihr nicht ein paar Umfragen und fragt, was für die User das interessanteste Feature ist? Auf diese Art bekämt ihr sicherlich Feedback.
Milinkovich: Ja, wir müssen mehr tun. Wir haben in der Vergangenheit auch schon Umfragen gemacht. Wir haben eine ganz schöne Zahl von Hits erhalten, einmal hatten wir über eine Million Besucher, aber nur 20 Leute haben an den Umfrage teilgenommen. Das ist ein ziemlich großes Missverhältnis. Wie ich schon sagte: Da müssen wir mit Sicherheit viel mehr Arbeit investieren.
EM: Eine letzte Frage noch. Wenn du einen Wunsch frei hättest, was würde das sein?
Milinkovich: (denkt lange nach) Das ist eine schwierige Frage. Ich denke, es gibt da etwas, was ich bei Eclipse gerne sehen würde, in ein bis zwei Jahren. Es gibt immer noch einige Projekte, die noch keine vielfältige Committer-Community haben - die Projekte rund um das Plattform-Projekt sind in dieser Hinsicht ideal. Für die Projekte wird Vielfältigkeit der Schlüssel für die Open-Source-Communitys sein. Ich möchte gerne einen Weg finden, um die Anzahl der Beteiligten in einigen Projekten beträchtlich zu erhöhen, ja, dass diese Projekte viel mehr Anklang finden in der Gesamt-Community. Das Eclipse-Öko-System, das auf der Plattform basiert, ist ein Teil davon. Viele von den Jungs, die da arbeiten, arbeiten jetzt seit sieben Jahren an Eclipse. Das sind sieben Jahre an zusätzlichen Committern. Es ist an der Zeit, dass es mehr Leute werden.
EM: Vielen Dank für das Gespräch!
Die Fragen stellten Peter Friese und Martin Lippert.