Freitag, 3. September 2010


Interview

Mittwoch, 6. Dezember 2006 | Interview

„Microformats werden überall sein“ – Marc Canter im Gespräch

(Link zum Artikel: http://www.entwickler.de/cod//033275)

Marc Canter ist Gründer und Geschäftsführer von Broadband Mechanics, Inc., einem US-amerikanischen Unternehmen, das auf die Erstellung von Software für Social Networks (siehe Glossar) spezialisiert ist. Zu seinen Kunden zählen unter anderem AOL und EMI. Im Rahmen eines Vortrags über die Social-Networking-Plattform PeopleAggregator auf dem Münchener Webmontag bot sich die Möglichkeit zu einem Interview über die von ihm gegründete Structured-Blogging-Initiative.

Hi Marc! Was macht ihr bei Broadband Mechanics?
Marc Canter: Wir entwickeln Software, die jeder dazu nutzen kann, sein eigenes Social Network aufzumachen, zum Beispiel für Leute mit gleichen Interessen oder Hobbies.

Warum nennt ihr die Software PeopleAggregator?
Marc: RSS-Feeds sind bekannt. Es gibt RSS-Feeds für das Wetter, für Sportereignisse und für die Finanzmärkte. Heutzutage kommen Podcasts und Vcasts hinzu. Während des Web 1.0 gab es Websites, die Informationen über Finanzmärkte zusammentrugen, aggregierten, und man nannte sie Portale. Aggregation gibt es bereits eine ganze Weile, aber niemand nutzte das Wort „Aggregator“. Vor einigen Jahren realisierte ich, dass es am interessantesten ist, Menschen zu aggregieren.

Was aggregiert PeopleAggregator nun genau?
Marc: Wir sprechen von all dem, was die Menschen online benutzen oder speichern: Fotos, Musik, Videos; Freunde aus Social Networks wie MySpace, openBC etc.; persönliche Profileinstellungen; irgendwelche Verknüpfungen, Bookmarks, Favoriten, RSS-Feeds.

Wo spielen die Microformats hier eine Rolle, und reichen die Microformats nicht aus oder warum hast du die Structured-Blogging-Initiative ins Leben gerufen?
Marc: Microformats werden überall sein und wir werden sie unterstützen. Da sind aber einige feine technische Lücken, die die Microformats offen lassen – zum Beispiel ignorieren Microformats, dass es Feeds gibt. Grundsätzlich wurde Structured Blogging gestartet, um dabei mitzuhelfen, die Vorteile von Microformats und Microcontent zu erklären und sie zu vermarkten.

Das „Semantische Web“ ist tot, lange lebe das „semantische web“? Ist die Vision von Tim Berners-Lee eines XML-basierten semantischen Webs gescheitert, und falls ja, warum war sie nicht erfolgreich?
Marc: Tim Berners-Lees Vision drehte sich nicht um eine XML-basierte Welt, sondern um eine auf RDF basierende. Tims Vision ist ziemlich esoterisch und theoretisch. Microformats sind dagegen sehr praktisch ausgelegt. Aber es ist nicht der Microcontent, der etwas mit dem „semantischen web“ zu tun hat, sondern vielmehr das Tagging. Folksonomies. Das ist es, was Tims Ansichten eines semantischen Webs direkt entgegengesetzt ist. Folksonomies widersprechen der Vorstellung von vordefinierten Taxonomien, also Kategoriensystemen. All die Forschungsgelder (für das Semantische Web) können die Tatsache nicht ändern, dass auch komplizierte Technologien einen direkten Nutzen für den Menschen haben müssen. Kannst du mir eine erfolgreiche Anwendung sagen, die RDF oder OWL benutzt?

Worin liegt die Relevanz von Structured Blogging und Social Networks für Business-Anwendungen?
Marc: Hier geht es darum, die Software innerhalb der Firewall zu halten und den Angestellten des Unternehmens zu ermöglichen, miteinander zu kommunizieren und sich gegenseitig kennen zu lernen, indem sie Blogs und Social Networks nutzen. Blogging bedeutet zu publizieren, Corporate Blogging bedeutet sicher und gesichert zu publizieren, sodass man über Unternehmensgeheimnisse reden kann und sich nicht darum sorgen muss, dass sie nach außen dringen. Jedes Unternehmen wird ein Social Network seinen Kunden anbieten, da es für gute Stimmung sorgt.

Siehst du nicht die Gefahr, dass, wenn die Leute anfangen, ihre Meinung über Bücher, Filme etc. in einer strukturierten Weise zu veröffentlichen, Marketing-Unternehmen diese Daten auswerten werden, um persönliche Profile zu erstellen?
Marc: Du glaubst, dass sie das nicht jetzt schon tun? Erstens können Marketing-Firmen diese Daten nicht sehen, wenn man eine Privacy-Kontrolle hat. Zweitens glaube ich daran, dass hieraus gute Dinge entstehen, wenn die Marketing-Unternehmen die Informationen auch zurück an den Endnutzer geben. Es geht um Aufmerksamkeit. Und ich möchte dies auch zu einem Standard machen, sodass einzelne ihre Aufmerksamkeit sammeln und verkaufen können.

Der Social-Network-Anbieter Facebook hat die Profile seiner Nutzer in einer maschinenlesbaren Form zur Verfügung gestellt und die Benutzer waren hiervon gar nicht begeistert. Was hat Facebook falsch gemacht?
Marc: Facebook konkurriert mit My-Space. Also mussten sie mit etwas Neuem kommen. Als Erstes haben sie bekannt gegeben, dass sie ein offenes API haben. Danach, dass sie dieses Monitoring haben und dann, dass sie das System öffnen und jeden reinlassen. Zehn Millionen Menschen sind eines Tages aufgewacht und sie sahen auf ihrem Desktop, was ihre Freunde machten. Und als sie realisierten, dass sie die Informationen über sich mit anderen teilten, da wollten sie nicht, dass das passiert. Und hier ist der Fehler, den Facebook gemacht hat: Das Feature war standardmäßig eingeschaltet.

In einem Podcast hattest du behauptet, dass du den aktuellen Entwicklungen stets zehn Jahre voraus wärst. Also, was kommt als Nächstes?
Marc: Personalisierbare Dienste für IPTV. Tools, um all die Dinge in deiner Garage herzunehmen und sie in einen Online-Shop reinzustellen, um sie alle zu verkaufen. Verbindung des Heimnetzwerkes mit dem Auto, einfachere Wege, um die Daten in und aus einem Handy zu bekommen, verbesserte internationale Präsenz im Web – über das Englische hinaus.

Marc, wir danken dir für das Gespräch!

Das Gespräch führte Martin Szugat.

Glossar: Social Software

Social Networks
Social Networks sind Websites, die den Zweck haben, Menschen miteinander online zu vernetzen, sei es um reale Kontakte nachzubilden und damit zu festigen oder um neue Kontakte auf Basis gemeinsamer Freunde, Ziele oder Interessen zu knüpfen.

Tagging
Beim Tagging ordnen die Nutzer einer Website Objekten wie Internet-Adressen, Fotos, Orten etc. ein oder mehrere frei wählbare Schlagwörter, so genannte Tags zu. Über diese Tags lassen sich die Objekte wieder auffinden. Hierzu werden die Tags meist in einer Tagcloud dargestellt, wobei häufig vergebene Tags größer als die übrigen Tags erscheinen. Dadurch entsteht der visuelle Eindruck einer Begriffswolke, die sich zudem mit der Zeit verändert, wenn bestimmte Tags anwachsen, andere dagegen an Bedeutung verlieren.

Folksonomies
Durch das Tagging entsteht ein von den Nutzern oder Leuten (englisch „folk“) getragenes Ordnungssystem, eine Taxonomie, daher das zusammengesetzte Kunstwort Folksonomy. Beziehungen zwischen verschiedenen Objekten werden über die Schnittmenge der gemeinsamen Tags hergestellt. Ebenso lassen sich zwischen einzelnen Tags Beziehungen ableiten, wenn beispielsweise zwei Tags jeweils zusammen für eine große Zahl von Objekten vergeben werden.

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