Donnerstag, 24. Mai 2012


Interview

Donnerstag, 24. Januar 2008 | Interview

Rokoko 2.0

(Link zum Artikel: http://www.entwickler.de/cod//040855)
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Aller guten Dinge sind drei. Und so gibt es in meinem Haus seit jeher drei elementare Grundsätze: Erstens, wer zur Tür hereinkommt, zieht die Schuhe aus. Zweitens, jeder räumt das, was er benutzt hat, wieder weg. Und drittens, auf keinem der in diesem Haus vorhandenen Computer wird ein RealPlayer installiert. Den letzten Grundsatz habe ich bereits in der Frühzeit des populären Webs gefasst, frühzeitig verbittert durch die aggressiven Werbeeinblendungen und Registrieraufforderungen.

Microsoft Silverlight – das neue Don't Go

Da das müde Aufbegehren von RealNetworks-CEO Rob Glaser kein ernst zu nehmendes Interesse für den RealPlayer mehr erzeugen möchte und Strategiepartner Amazon mittlerweile auch ein alternatives Streaming-Format anbietet, ist es Zeit für einen neuen Kandidaten in der Liste der Don't Go's! Heißester Kandidat derzeit: Microsofts Silverlight. Warum? Mit Flash/Flex gibt es seit vielen Jahren eine stabile Plattform für innovative Webapplikationen mit einer bisher von anderen Projekten unerreichten Anzahl von Installationen. Da Microsoft und Sicherheitslücken zusammengehören wie Dick & Doof, darf von einer Installation des Plug-ins derzeit getrost abgeraten werden.

Auch bin ich nicht sicher, ob ich Applikationen sehen möchte, die im Grunde nur eines illustrieren: Microsofts verzweifelten Wunsch, ein Scheibchen vom RIA-Markt abzuschneiden. Microsoft ist zum Second Mover und Verwalter längst vergangenen Ruhmes geworden. Auch die Bestrebungen, Teile des Silverlight-Quellcodes offen zu legen, entlarven sich vor diesem Hintergrund als müder Versuch, die grundsätzlichen Parameter erfolgreicher Webprojekte nachzuformen. Microsoft liest sich damit seit 10 Jahren als Synonym für das verzweifelte Unterfangen, die Innovationssprünge der Konkurrenz im Web mit Knete und noch mehr Knete aufzuholen.

Yahoo! und Google: Kontextfreie Zweitverwertung als Prinzip

Was uns zwangsläufig zum Verhältnis zwischen Yahoo! und Google führt. Vor nicht allzu langer Zeit hat Google einige Unbill mit dem hauseigenen webbasierten RSS-Reader auf sich gezogen, der jeglichen Hinweis auf den Autor einer News vermissen ließ. Verstehen wir das RSS/RDF-Format als bislang einzige halbwegs praxistaugliche Anwendung der Prinzipien des Semantischen Webs, kommt ihrer Verarbeitung eine besondere Rolle zu: Einfacher sind strukturierte Informationen aus der Sichtweise einer Suchmaschine nicht zu erhalten.

Das Prinzip der kontextfremden Zweitverwertung (neudeutsch: Mashup) hat Yahoo! jetzt zu einem vorläufigen Höhepunkt geführt: Mit Yahoo! Pipes wurde erstmals eine Webapplikation vorgestellt, die selbst über keinen Inhalt mehr verfügt und nichts anderes als einen angehübschten Container darstellt. Auch das innovative Interface von Pipes, auf der Basis der Yahoo UI Library, belegt, dass Web 2.0 mittlerweile dort gelandet ist, wo die Kunstgeschichte einst mit dem Rokoko stand: Alles ist Ornament, nichts ist Substanz.

Aber auch als ernst zu nehmenden Content-Container kann man Pipes nicht betrachten: Verweise auf den mit Yahoos Hilfe verurteilten chinesischen Dissidenten Li Zhi sucht man beispielsweise vergeblich. Aller guten Dinge sind drei. Also heißt es, Schuhe ausziehen, aufräumen und auf die nächste Produktvorstellung hoffen.

Es bleibt spannend!

Markus Nix

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