Sonntag, 12. Februar 2012


Interview

Donnerstag, 3. Dezember 2009 | Interview

Kevin Slavin über eine Plattform namens "Alltag"

(Link zum Artikel: http://www.entwickler.de/cod//052756)
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Kevin Slavin glaubt zu wissen, wo Mobile Marketing hingeht. Er gilt als Koryphäe in den Segmenten Location-based Services (LBS) und Augmented Reality.

CREATE OR DIE: Herr Slavin, bis auf ein paar iPhone-Anwendungen, vor allem Klassiker wie Browser oder E-Mail, ist im Bereich mobiler Anwendungen der Durchbruch noch nicht gelungen. Warum glauben Sie immer noch an eine rosige Zukunft für ortsgebundene Dienste?
Kevin Slavin: Sie liegen nicht ganz richtig. Im Bereich Gaming hat sich in den letzten Jahren schon einiges getan. Vor allem Alternate Reality Games erfreuen sich großer Beliebtheit.

Allerdings haben Sie Recht, wenn es um die Idee „ernsthaft“ gemeinter Anwendungen geht. Die meisten Anwendungen, die man heute sieht, fragen nur danach, was man in einem bestimmten Themengebiet mit Ortsdaten machen kann. Sie fragen viel zu selten danach, was die Leute an diesen Orten heute schon in der Realität tun, um sie dabei zu unterstützen.

Ein wichtiger Grund, warum ich immer noch an die Idee von Location-based Services glaube, ist die Tatsache, dass viele Menschen, viele Tiere und auch viele Dinge inzwischen zwei Leben führen: ein reales und ein digitales. Beide Leben finden häufig komplett unabhängig voneinander statt, die jeweiligen Bezugspartner wissen vielleicht gar nichts vom anderen Leben. Diese Leben miteinander zu verschmelzen oder bewusst falsch zu verbinden, erzeugt spannende Möglichkeiten.

Kevin Slavin mahnt an, dass die Entwickler genauer die Bedürfnisse der potenziellen Nutzer studieren sollen
Kevin Slavin mahnt an, dass die Entwickler genauer die Bedürfnisse der potenziellen Nutzer studieren sollen

CREATE OR DIE: Das klingt doch etwas diffus. Worauf stützen Sie ihren Optimismus?
Slavin: Ganz einfach: das Mobiltelefon, in dem die digitale und die reale Welt so perfekt miteinander verschmelzen können, wird immer weniger zum Telefonieren verwendet. Das sehen sie schon an der Evolution des Interface. Man sieht doch heute gar nicht mehr, dass Handys ein Mikro und einen Lautsprecher haben. Im Kontext muss man Mobile also als etwas viel größeres verstehen, als nur irgendwelche Anwendungen auf Mobiltelefonen.

CREATE OR DIE: Sie denken an RFID?
Slavin: Natürlich. Da kommunizieren nicht mehr nur Menschen mit Menschen, sondern auch Menschen mit Dingen oder sogar Dinge untereinander. Wenn Sie ihm Bus sind, können Sie dort drahtlos Fahrkarten kaufen. Der Mensch kommuniziert mit dem Bus. Das ist etwas Neues.

CREATE OR DIE: Aber es gibt doch auch eine Reihe alternativer Codeformate.
Slavin: Die gibt es und die sollten so schnell wie möglich verschwinden. Sie zerstören den Netzwerkgedanken. Wer heute eine Anwendung plant, die Netzwerkeffekte erzielen kann, dann muss er RFID benutzen. Nichts anderes.

CREATE OR DIE: Gibt es weitere, spannende Beispiele?
Slavin: Ja, Botanicals zum Beispiel. Das ist ein Sensor, der Pflanzen die Möglichkeit gibt, einen anzurufen, wenn sie Wasser brauchen. Nike Plus ist ein weiteres Beispiel. Der Turnschuh ist online. Der Läufer kommuniziert via Turnschuh mit dem Netz. Das ist alles andere als trivial.

Für National Geographic haben wir ein Spiel entwickelt, bei dem man als Haiforscher agieren kann. Man konfiguriert sein Schiff, setzt es aus und immer, wenn irgendetwas Spannendes passiert, rufen wir den Nutzer auf seinem Handy an. Die zu studierenden Haie sind echt. Sie tragen Sensoren an der Schwanzflosse.

Der Hintergrund ist: Das Handy erzeugt zu ganz bestimmten Zeitpunkten eine Verbindung zwischen digitaler und realer Welt. Es kann einen von der einen in die andere Welt transferieren.

Das mobile Netzwerk sieht so anders aus, als wir es uns heute vorstellen. Es gibt Cosmic Catch, den sprechenden Ball, der genau weiß, wie oft er gefangen wurde und von wem. Sogar wenn die Spieler es nicht mehr wissen – der Ball weiß es. In Los Angeles gibt es Kogi den Taco-Truck, der seine Position im Stadtraum twittert und dadurch eine Synchronisation zum persönlichen Standort eines jedes Einzelnen herstellt.

Das Konzept für die Nutzung von Mobile besteht also aus weit mehr als einem Telefon. Es ist eine Pflanze, ein Ball, ein Hai, ein Taco-Truck, Flugzeuge, Züge und auch alles andere. Alles kann mit allem sprechen, nicht mehr nur jeder mit jedem. Objekte werden zu sozialen Objekten. Nicht durch sich selbst, sondern durch das, was um sie herum passiert. Das gilt für Fotos auf Flickr oder für Bookmarks auf Delicious.

Im Spiel Sharkrunners kommen die Bewegungsdaten von echten Haien im Ozean
Im Spiel Sharkrunners kommen die Bewegungsdaten von echten Haien im Ozean

CREATE OR DIE: Das Handy wird zum Interface für viel größere Anwendungen?
Slavin: Genau. In Cleveland gibt es im Footballstadion eine Anwendung, mit der ein Besucher via SMS und Platznummer seines Sitznachbarn den Sicherheitsservice in Gang setzt, um den unliebsamen und möglicherweise stark alkoholisierten Fan zum Ausgang zu begleiten.

Wenn man das Handy als Eingabe-Device benutzt, erkennt man schnell, dass das Handy hören kann, sehen kann und es weiß besser wo man ist, als man selbst. Shazam zeichnet Musik auf, schickt das zum Server, analysiert nach Interpret und Stück und schickt die Infos per SMS zurück. Google macht dasselbe mit Bilderkennung.

Aber tatsächlich ist die Erkennung der aktuellen Position eines der spannendsten Themen, das sich jedermann schnell erschließt. Wir haben eine Art PacMan-Verfolgungsjagd im Stadtraum konzipiert. Die Spielfiguren, die sich bewegen, sind echte Menschen. Der Verfolger – ein Geist – existiert nur digital. Doch jedes Mal, wenn er einen Spieler einfängt, verliert er Zeit auf seinem Spielerkonto. Also rennen die Menschen auf der Flucht vor einem virtuellen Gespenst durch die Stadt.

Wir können also einer realen Umgebung eine ganz neue Metapher überstülpen.

Shazam zeichnet Musik auf dem Handy auf und schickt das Stück zur Auswertung an einen Onlinedienst
Shazam zeichnet Musik auf dem Handy auf und schickt das Stück zur Auswertung an einen Onlinedienst

CREATE OR DIE: In Deutschland werden schnell Sicherheitsbedenken laut, wenn es darum geht, die Positionsdaten von Handys auszuwerten.
Slavin: Stimmt. Es ist vermutlich eines der ersten Themen, über die man ernsthaft nachdenkt, wenn man beginnt, einen Location-based Service zu entwickeln. Die Nutzer haben in der Regel nur im Blick, welcher Bekannte diese Information erhält und wer nicht. Entscheidend aber ist die Frage, wem die Daten gehören. Gehören sie Google, oder Yahoo? Dennoch kann man deutlich erkennen, dass die Idee der Privatssphäre allmählich verschwindet, weil die Nutzer sich einen Mehrwert davon versprechen, Unternehmen oder Software ihren Standort mitzuteilen.

Und sobald das geschieht, stellt sich direkt die nächste Frage: Was ist der Wert von Privatsphäre? Das Konzept ist ja ein relativ modernes und entstammt der Idee, dass Fremde mit Fremden in Städten anonym zusammenleben. Jeder der in einer Kleinstadt wohnt, hat dazu ein ganz anderes Verhältnis.

Wenn wir jetzt unsere Privatsphäre verlieren oder aufgeben, müssen wir im Gegenzug bilanzieren, was wir dafür bekommen. Vielleicht erfahren wir dadurch besser, wer wir im Verhältnis zu anderen selbst sind.

CREATE OR DIE: Was macht Location-based Services erfolgreich?
Slavin: Ich glaube, es geht im menschlichen Alltag viel weniger darum, wo wir uns tatsächlich befinden, als was wir dort tun. Ein Dienst wie Google Latitude, der das permanente Tracking einzelner Personen erlaubt, wird zu einer Art Location Twitter. Da frage ich mich wirklich, was man damit machen soll?

CREATE OR DIE: Wohin wird sich das Konzept LBS entwickeln?
Slavin: Während die technischen Dienstleister immer noch daran feilen, die Positionsdaten noch genauer zu bestimmen, gehen wir eher den entgegengesetzten Weg. Wir wollen die räumliche Idee, die über einer bestimmten Location liegt, einfangen oder eine neue Idee erzeugen. Wir lösen uns also ein Stück weit von der realen Umgebung und delokalisieren. Ich glaube, da steckt noch viel Potenzial drin.

CREATE OR DIE: Herr Slavin, vielen Dank für dieses Gespräch.

Das Interview führte Frank Puscher

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