Samstag, 11. Februar 2012


Interview

Montag, 29. März 2010 | Interview

webinale-Interview: Julian Koschwitz verspricht die Usability-Revolution

(Link zum Artikel: http://www.entwickler.de/cod//054693)
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Julian Koschwitz ist Interactive Art Director bei Colors Magazine. Seit 2006 arbeitet er als freischaffender Interaction Designer für verschiedene Kunden und Agenturen und wurde mit einem Stipendiat des Kommunikationszentrums von Benetton, Fabrica, ausgezeichnet. Schwerpunkte seiner Arbeit sind interaktive Installationen, generative Gestaltung und die Schnittstellen von interaktiver Gestaltung und Printmedien. Seit 2008 ist er als Gastdozent an der Universität Complutense Madrid und der Nuova Accademia Di Belle Arti in Mailand tätig. Stefan D'Amore hat mit dem Design-Talent gesprochen.

webinale: Herr Koschwitz, hält mit dem, was Sie unter dem Begriff "Augmented Editorial Design" in Ihrem webinale-Vortrag fassen, eine Technologierevolution Einzug in unseren normalen Alltag?
Julian Koschwitz: Eher eine Usability-Revolution. Denn anstatt QR-Codes für Mobiltelefone und diverse lange oder Tiny-URLs, die in Webbrowsern zu audiovisuellen Inhalten, Blogs oder Member-Bereichen führen, kann alles über einen Code zugänglich gemacht werden. Und dieser Code ist nun nicht mehr als Barcode zu verstehen, sondern kann jedes gedruckte Bild, jede Grafik oder jedes typografische Layout sein. Die Technik verschwindet und wird in den Inhalt eingebettet. Dann ist alles über eine Webseite zu erschließen.

webinale: Mal ganz ehrlich: Handelt es sich bei Augmented Reality nicht eher um eine weitere Technologie, die mal wieder keiner braucht? Wo sehen Sie den Hauptnutzen?
Julian Koschwitz: Wie von Bill Buxton festgehalten, ist jede Technologie gut für eine und ein Übel für andere Anwendungen. Augmented Reality wurde nach dem Flash-Durchbruch voreilig als Spielerei für alberne Werbezwecke verwendet und wurde als solche schnell abgetan. Doch kommt hinter dem visuellen Nutzen, Drucksachen anzureichern, eine völlig neue und sehr viel einfachere Methode, Webcontent zu erschließen und inhaltlich passend zu platzieren.

webinale: Printpublikationen wurden ja schon des Öfteren totgesagt. Meinen Sie, dass über die Verbindung von realen und virtuellen Inhalten beispielsweise Printmagazine Absatzmärkte zurückerobern können?
Julian Koschwitz: Bei richtiger Anwendung garantiert! Als Vilem Flusser sein Buch „Die Schrift“ auf einer Diskette für MS-DOS veröffentlichte, um damit das Ende einer Ära zu unterstreichen, hatte er wahrscheinlich auch nicht erwartet, dass es schon ein paar Jahre später keine Disketten – und nichtmal deren Nachfolger – jedoch einen großen Markt für Onlinebuchhändler gibt. Natürlich ist Augmented Reality in der momentanen Form auch nur ein Übergang, doch als solcher ein sehr richtungsweisender für die Magazine, denn es wird das Gewicht auf das Magazin gelegt, anstatt dass eine Webplattform, ein paar Blogs, ein Video-Channel etc. im WWW verteilt werden und nicht richtig klar wird, wo nun der Schwerpunkt ist, und vor allem, wo die inhaltlichen Bezüge bestehen.

webinale: Hat das Augmented Editorial Design Auswirkungen auf das Webdesign?
Julian Koschwitz: Ja. Denn die Struktur einer Webplattform, die für z. B. ein Magazin besteht, muss anders aufgebaut werden.

webinale: Gibt es Fragestellungen, die über das Webdesign hinausgehen? Hat Augmented Reality also Auswirkungen auf unsere bisher genutzten Technologien?
Julian Koschwitz: Über das Webdesign hinaus gehen die AR-Anwendungen in den öffentlichen Raum und werden mobil genutzt.

webinale: Wie lange braucht es aus Ihrer Sicht, bis sich die Technologien so weit verbreitet haben, dass sich für Verlage Investitionen in neuartige Print-Konzepte lohnen, die Augmented Reality einbeziehen?
Julian Koschwitz: Ich denke, nachdem unzählige Magazine, wie Red Bulletin für Extremsportarten, Esquire und InStyle für Entertainment, Colors für Reportage oder Dazed&Confused für Mode, gezeigt haben, wie diese Technologie verwendet werden kann, ist es nur noch ein Frage der Zeit, bis diese Technologie nicht mehr ein Aufmacher, sondern ein integraler Bestandteil ist. Wenn jedes Foto eines Magazins auch gleichzeitig ein Video sein kann, eine Foto-Slideshow oder auch nur eine Audiospur, muss nur noch die richtige visuelle Sprache gefunden werden, dass das auch verstanden werden kann.

webinale: Führt Augmented Reality nicht zu einer Zweiklassengesellschaft? Ist Augmented Reality nicht eher was für Tekkies im Gegensatz zu älteren Lesern, die mit den neuen Entwicklungen gar nicht mehr mithalten können? Worauf muss man also bei der Kombination von realen und virtuellen Inhalten achten, damit auch nicht so technikaffine Anwender einbezogen werden?
Julian Koschwitz: Ich denke, bei allem technologischen Fortschritt darf man nie vergessen, dass der Inhalt immer entsprechend gut sein muss. Ein state-of-the-art Multimedia Webangebot macht keinen Sinn, wenn auf der anderen Seite Redakteure entlassen und Inhalte von Agenturen bezogen werden, auch wenn das für einen Augenblick mehr Profit verspricht. Das soll heißen, dass ein Magazin ohne Web relevant sein muss. Durch Online-AR wird dieser Standard dann noch erweitert und somit noch spannender.

webinale: Wie ist Ihr Eindruck von der internationalen Agentur-Branche? Ist sie schon gerüstet für solche neuartigen Konzepte, oder wird im Hintergrund schon längst an Lösungen gearbeitet, die wir uns noch gar nicht vorstellen können?
Julian Koschwitz: Ich denke ja. Nach der ersten Runde der "AR-Magazinbeilagen" oder als Werbeanzeigen kann nun ein Schritt tiefer gegangen werden, da der Umgang mit der Technologie langsam im allgemeinen Leser/Nutzer-Kreis bekannt ist. Eine der ersten AR-Gimicks, das GE-Windrad, war kommerziell effektiv, hat aber leider das Feld von der für Magazine unbrauchbarsten Seite geöffnet, als Gimick ohne viel mehr als einen Wow-Effekt. Dies wurde durch guten Videocontent überwunden und nun muss der Schritt zu einem runden System gefunden werden, bei dem AR mehr ein Schlüssel als eine Plattform ist.

webinale: Können Sie uns etwas über das Colors Magazine und Colors Lab erzählen?
Julian Koschwitz: Unsere Idee zu Colors Lab, an dem Joao Wilber als Designer und Anna Grassi als Redakteurin arbeiten, ist ein erster Schritt zu einem System, das wir ganz simpel Web-Print-Web nennen. Dabei geht es darum, unerwartete und spannende Inhalte zu einem Thema über mehrere Monate online zu sammeln. Dabei bekommen wir Material von professionellen Fotografen oder auch Kids aus beispielsweise der Mongolei. Dieses Material wird aufgearbeitet und im gedruckten Magazin veröffentlicht. Dann gehen wir mit AR den Schritt zurück zum Web, sodass man wiederum Videos und Audio online streamen kann.

webinale: Unsere abschließende Standardfrage: Was erwarten Sie von der webinale 2010, worauf freuen Sie sich?
Julian Koschwitz: Ich bin sehr gespannt, Eric Gehl zu hören und auch besonders Alexander Richter und Florian Ott.

Zusatzinfos
Name: Julian Koschwitz
Alter: 27 Jahre
Website: koschwitz.org
Hot Website 2010: android.com/market/

(fs)

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