Frauen in der Tech-Branche im Portrait: Jessica Bell

Women in Tech: „Programmierer zu werden ist hart – für Frauen, wie für Männer“
Kommentare

In unserer Artikelserie „Women in Tech“ stellen wir ebenso spannende wie inspirierende Frauen vor, die erfolgreich in der IT-Branche Fuß gefasst haben. Heute im Fokus: Jessica Bell, Entwicklerin bei der Washington Post.

Die Tech-Industrie wird von Männern dominiert – so weit, so schlecht. Doch langsam, aber sicher bekommt der sogenannte Boys Club Gesellschaft von begabten Frauen: Immer mehr Frauen fassen in der Branche Fuß.

Aus diesem Grund wollen wir hier spannenden und inspirierenden Frauen die Möglichkeit geben, sich vorzustellen und zu erzählen, wie und weshalb sie den Weg in die Tech-Branche gewählt haben. Aber auch Themen wie Geschlechtervorurteile, Herausforderungen oder Förderungsmöglichkeiten kommen zur Sprache.

Unsere Woman in Tech: Jessica Bell

Jessica Bell arbeitet als Entwicklerin für die Washington Post vor allem an Front-End- und JavaScript-Projekten. Sie hat einen Abschluss im Fach Internationale Beziehungen und studierte an der San Francisco State University. Jessica sitzt in den Führungsteams von DC Tech Meetup und DCFemTech und ist aktives Mitglied von Women Who Code DC. Während des ganzen Jahres gibt sie Kurse für die Schulungseinrichtung General Assembly. Hier hilft sie den Kursteilnehmern die Grundlagen bzgl. Code und Webentwicklung zu verstehen. Ihr aktuelles Projekt heißt DC Tech Stories, ein Podcast über lokale Technologie-Angestellte.

Weitere Informationen zu ihren Projekten finden Sie auf Jessica Bells GitHub-Seite.

Was hat dich für die Technik begeistert?

Gefühlt habe ich mich wirklich erst recht spät für Technologie interessiert. Ich habe für die American Friends of the Alexander von Humboldt Foundation gearbeitet und habe in eine Kommunikationsposition gewechselt, die viele digitale Aufgaben enthalten hat. Es gab einen großen Relaunch unserer Website. Als die Neugestaltung umgesetzt war, habe ich die Betreuung der Seite übernommen. Ich musste schnell lernen und ich fand heraus, dass mir die Arbeit mit der Website wirklich Spaß machte.

Ich fing an, Onlinekurse zu besuchen und kleine Seiten zu bauen, und dann nahm ich an einem Bootcamp zum Thema Frontend-Web-Entwicklung von General Assembly teil. Kurz danach entschied ich mich, den Versuch zu wagen und Vollzeit als Webentwicklerin zu arbeiten. Ich fing einen 100-prozentigen Coder-Job an.

Ich habe einen Abschluss im Fach Internationale Beziehungen und auch meine erste Stelle war in diesem Bereich. Ich hätte nie gedacht, dass ich eines Tages im Tech-Sektor enden würde. Um ehrlich zu sein, ich mochte Technik nicht einmal besonders. Als ich anfing war mein technisches Vokabular ziemlich dürftig. Ich hatte also einen Berg an  Arbeit vor mir, um mich mit den richtigen Fachbegriffen zu wappnen. Erst dann konnte ich mit dem Lernen überhaupt anfangen.

Wie genau funktioniert beispielsweise das Internet? Wie wird Code hin und her gereicht? Wo läuft er? Wie wird Code geschrieben, gespeichert und angeboten? Einen Informatik-Grundkurs habe ich online besucht. Das hat mir wirklich sehr geholfen, einen Eindruck vom großen Ganzen zu bekommen. Und dann kam das Coden. Programmieren zu lernen beinhaltet, die spezifische Syntax der Sprache, in der man schreibt, zu lernen. Zusätzlich verbirgt sich darin aber auch die Art und Weise, wie man Probleme mithilfe der Logik löst, die ein Computer tatsächlich errechnen kann. Das ist schwieriger ist, als es auf den ersten Blick aussieht. Der nächste Schritt lautet, ein Programm zu erstellen. O.k., du kannst ein paar Funktionen schreiben… jetzt mach‘ ein ganzes Programm. Das ist ein großer Sprung!

Dann steht die Arbeit in der Technik auf dem Programm. Wie arbeitet man in einem Team zusammen an etwas, das sich wie ein sehr isoliertes Problem anfühlt? Was ist Source Control? Performance, Developer Operations, usw. – die Liste wird immer länger. Schließlich stellt man fest, dass man für den Rest seiner Tech-Karriere lernen wird und hört auf, sich dem Stress auszusetzen, alles wissen zu müssen, weil das schlicht unmöglich ist. Meine größte Herausforderung lag darin, mich mit meinem Lerntempo abzufinden und nicht alles zu wissen. Ich habe das Gefühl, Lichtjahre hinter jedem zurückzuliegen, obwohl in Wirklichkeit jeder nur seine eigene, kleine Teilmenge der Technik kennt und wir zusammen einige fantastische Programme schreiben können.

Die Leute denken, dass Computerwissenschaftler und Programmierer schüchtern und zurückhaltend sind, aber ich bin bei jedem Schritt auf meinem Weg erstaunlichen Mentoren, Helfern und Unterstützern begegnet.

Auf meinem beruflichen Lebensweg hatte ich tonnenweise Unterstützung. Ich habe ein paar sehr enge Freunde, die Programmierer sind und mich dazu gedrängt haben, dranzubleiben. Sie halfen mir, falsche Selbstbilder über Bord zu werfen. Dazu gehörte zum Beispiel, dass ich nicht klug genug sei, um Programmieren zu lernen, oder, dass es zu spät sei, um noch in der Technologie Fuß fassen zu können. Sie haben jeden noch so kleinen Meilenstein mit mir gefeiert. Das hat mir wirklich geholfen, durchzuhalten.

Kurze Zeit nachdem ich angefangen hatte, Programmieren zu lernen, begann ich, mich mit meinem Partner Seth zu treffen. Seth ist Programmierer und studierter Informatiker. Ich erinnere mich, zum Abendessen bei ihm zuhause gewesen zu sein und während er kochte, sprachen wir über Probleme mit meinem Lernstoff. Besonders ist mir der Moment im Gedächtnis geblieben, als er ein Blatt Papier zur Hand nahm, um mir aufzuzeichnen, wie Schleifen innerhalb von Schleifen in einem Programm ausgeführt werden und plötzlich machte es einfach klick. Die Leute denken, dass Computerwissenschaftler und Programmierer schüchtern und zurückhaltend sind, aber ich bin bei jedem Schritt auf meinem Weg erstaunlichen Mentoren, Helfern und Unterstützern begegnet.

Ich habe Leute getroffen, die mich nicht ernst genommen haben, meine Meinungen untergraben haben und mir keine guten Projekte gegeben haben, vielleicht weil sie mich für zu jung hielten, oder vielleicht wegen unbewusster Voreingenommenheit. Nachwuchsentwickler auszubilden bedeutet eine Menge Arbeit. Einige Unternehmen oder Manager stellten junge Leute ein, weil sie billiger sind. Allerdings bekommen sie dann keine richtige Ausbildung oder Förderung, sodass sie auf einem Lernniveau stecken bleiben und ihre Fähigkeiten nicht ausbauen können. Solche Unternehmen habe ich sehr schnell wieder verlassen. Der Trick ist, Gleichgesinnte zu finden. Wenn du dich in einer Situation wieder findest, in der niemand hinter dir steht, befreie dich davon. Es gibt Unternehmen, die vielfältige Tech-Talente schätzen, sowohl was Background als auch Identität angeht. Gib dich nicht mit einem zufrieden, das das nicht tut.

Ein Tag in Jessicas Leben

Zurzeit arbeite ich als Webentwicklerin für die Washington Post. Ich arbeite in erster Linie mit JavaScript, aber das Engineering-Team bei der Post ist ziemlich groß und es gibt viele Projekte. Also ist meine Arbeitsweise nicht wirklich repräsentativ. Mein Tag startet in der Regel mit einem Kaffe während ich zur Arbeit laufe. Dann beantworte ich E-Mails, schaue nach neuen Jira-Tickets und programmiere ein paar Stunden. Anschließend esse ich oben auf dem Dach oder in einem Park in der Nähe des Büros zu Mittag. Nach der Pause steht wieder ein E-Mail-/Ticket-Check an. Der Tag endet mit Coden, Aufräumen und meinen Code an einen sicheren Ort verschieben. Ich mag meine Arbeit sehr – sie ist gerade so wichtig, intellektuell anregend und in meinem Team lässt es sich sehr entspannt arbeiten. Bei der Washington Post zu sein, ist gerade jetzt super aufregend!

Tatsächlich hat es während meiner Karriere viele Momente der Freude und des Stolzes gegeben. Ich hatte am Anfang Probleme, den Einstieg zu finden. Aber jetzt bin ich sehr stolz auf meine Fähigkeit, mich verändern, anzupassen und Lösungen finden zu können. Programmieren lernen ist hart und ich bin stolz darauf, dass ich tapfer genug war, die Chance zu ergreifen und genug Schneid hatte, dranzubleiben. Daneben gehe ich aufmerksam mit meiner sich immerzu ändernden Rolle als Entwicklerin, Community-Organisatorin und Lehrerin um.

Wenn mir jemand vor fünf Jahren gesagt hätte, was ich jetzt mache, hätte ich ihn einen Lügner genannt.

Warum gibt es nicht mehr Frauen in der Technikbranche?

Das ist eine komplizierte, nuancierte, sich immer wieder verändernde Frage. Sie lässt sich in einem einzigen Interview nicht wirklich beantworten. Zusätzlich gibt es keine Glaskugel, die die Lösung für dieses Problem liefern wird. Es ist einfach großartig, zur einer Lösung beizutragen, Mädchen schon in jungen Jahren für Technologie zu begeistern. Das sollte auch weiterhin so geschehen, allerdings haben wir aktuell eine ganze Menge Frauen in der Technik, die keine Förderungen, Ausbildung oder Gelegenheit bekommen, Fortschritte zu machen.

Programmierer zu werden ist hart – für Frauen, wie für Männer. Zusätzlich wird es für Frauen oder unterrepräsentierte Gruppen schnell sehr ermüdend. Das sind beispielsweise unbewusste Vorurteile bei Einstellung und Beförderung, „Bro-Culture“-fokussierte Arbeitsplätze, Veranstaltungen/Events, bei denen Mädels nur als Deko eingesetzt werden, durchgehend rein männliche Panels und der omnipräsente Boys Club.

Vielfalt im Denken, bei den Backgrounds und der Identität würde es uns als Gesellschaft helfen, kreativer im Umgang mit Fragen und Problemen zu sein. Mehr Einfühlungsvermögen und Verständnis gegenüber Lebensentwürfen und Gemeinschaften jenseits der eigenen Weltsicht zu haben, wird eine breitere Palette von Ideen hervorbringen, an denen gearbeitet wird. Wenn man immer den gleichen Daten-Input benutzt, werden kaum unterschiedliche Resultate herauskommen. Wer den Input variiert, wird Verbindungen und Muster entdecken, bei denen er nie auf die Idee gekommen wäre, überhaupt nach ihnen zu suchen.

Hürden

Tech ist für jeden anstrengend. Der Sektor befindet sich ständig im Wandel, kann wahnsinnig herausfordernd sein und gleichzeitig wieder todlangweilig. Es braucht Mut, um dazuzulernen und aus all den Fehlerbehebungen, dem schlechten Code, schlechten Projektmanagern und vielem mehr zu lernen. Hinzu kommt, dass es isoliert, die einzige Frau im Team oder auf der Konferenz zu sein.

Es sollte nicht die Frau im Team sein, die die anderen Mitglieder ständig daran erinnert: „Hey, hier sind auch Frauen mit an Bord!“ Es kann dich echt herunterziehen, keinen Zugang zum Boys Club zu haben, in dem Kontakte geknüpft werden, die am Ende zu besseren Projekten, Beförderungen und anderem führen.

Tipps & Tricks

Wenn ein Unternehmen mehr Frauen möchte:

  1. Mehr Frauen einstellen
  2. Sicherstellen, dass die ausgeschriebene Stelle für alle Backgrounds geeignet ist
  3. Den Frauen zuhören, die bereits im Unternehmen arbeiten.

Wenn ein Einzelner helfen möchte:

  1. Versuchen, mehr Programmiererinnen auf Social Media zu folgen – sie retweeten und sie öffentlich loben
  2. Schlechtes Benehmen ankreiden. Sie müssen nicht unhöflich sein, sagen Sie einfach „Hey Kumpel, das ist nicht so cool“ oder „Wow, diesem Panel fehlen die Frauen, es sollten wirklich einige hier sein“
  3. Frauen aus dem Team vor Vorgesetzten loben oder, falls man selbst in einer Führungsrolle ist, für Projekte auszeichnen. Geben Sie ihnen herausfordernde Projekte und fördern Sie sie als Mentor. Seien Sie sich bewusst, dass es ein Problem ist, für dessen Lösung es Menschen braucht, die sich ehrlich darum sorgen und die Sache in die Hand nehmen.
Unsere Redaktion empfiehlt:

Relevante Beiträge

Meinungen zu diesem Beitrag

X
- Gib Deinen Standort ein -
- or -