Java Magazin 12.2001
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Java Magazin 12.2001

Ein Kater namens Tom

Eine der stabilsten Entwicklungen der Open Source Community neben dem Betriebssystem Linux stellt der Web-Container Tomcat dar. Tomcat ist nicht nur offiziel- le Referenzimplementierung der aktuellen Servlet- und JSP-Spezifikationen, sondern ganz einfach im Praxisein- satz unschlagbar. Wer vergeudet heute noch seine Zeit, die Funktionen Tomcats selbst zu entwickeln, steht doch der Quellcode allen offen? So kommt inzwischen kaum ein Application Server ohne integrierten Tomcat daher. Dieses Teil wurde nun mit einer neuen Architektur na- mens Catalina quasi vollständig neu entwickelt, weshalb wir das vorliegende Heft dem Phänomen Tomcat nebst einem Blick auf den aktuellen Stand der Spezifikationen für Java Servlets und JavaServer Pages gewidmet haben (Seiten 30 und 39).

Wer braucht ein Java.NET?

Erst waren’s nur Gerüchte, doch allmählich verdichteten sich die Hinweise, dass der ewige Provokateur aus Red- mond sich wieder einmal mit der Sache Java beschäftige. Das Projekt trägt den – aus Sicht der Java-Community – durch anstößigen Namen „Visual J# .NET“ und ent- puppte sich nach wenigen Tagen als simpler Aufguss der bereits existierenden Visual J++-Technologie, welche vor drei Jahren in der Versenkung verschwand, weil Sun es dem Konkurrenten auf dem Gerichtswege verboten hat- te, irgend etwas mit der Sprache Java zu tun zu haben. Aber es kann Entwarnung gegeben werden, „Visual J# .NET“ richtet sich vor allem an diejenigen, die ihre J++- Projekte in die neue Microsoft-Welt namens .NET überführen wollen, und so ist das Herstück der Compi- ler, welcher nicht mehr Java-Bytecode mit Windows- Elementen erzeugt, sondern den neuen Microsoft-Byte- code namens Intermediate Language (IL). Auch wenn Microsoft mit seiner Differenzierung zwischen ‚Java – der Sprache’ und ‚Java – der Plattform’ erneut gegen die von Sun vorgetragene Definition, derzufolge Java eine Programmiersprache plus Plattform ist, verstößt, sollte man die Bedeutung der Streiterei nicht überbewerten, denn man muss klar sehen, dass eine der fundamentalen Eigenschaften des .NET-Projekts dessen Sprachenun- abhängigkeit ist. Nicht nur Microsofts hauseigene Sprachen Visual C++, Visual C#, Visual Basic.NET und ASP.NET werden künftig in der Lage sein, .NET-Code zu erzeugen, sondern es sind etwa 15 weitere Sprachen in Vorbereitung, darunter auch so Microsoft-ferne wie z.B. Perl. Die J#-Geschichte genießt in diesem Zu- sammenhang keinen privilegierten Rang, auch wäre es absolut zu hoch gegriffen, spräche man von einem er- neuten Pollution-Versuch seitens Microsoft. Wussten Sie im übrigen, dass auch die Open Source- Community, beileibe nicht gerade bekannt als Micro- soft-freundlich, an einer .NET-Implementierung für Li- nux arbeitet? Das vom Unternehmen Ximian geleitete Projekt namens Mono setzt sich zum Ziel, eine Ent- wicklungsumgebung samt Comiler sowie eine IL-fähige Virtual Machine für das Linux-Betriebssystem zu ent- wickeln, erste Prototypen werden demnächst erwartet (www.go-mono.com).

Eclipse: Ein Entwickler-Traum?

In den Hügeln hinter Nizza stellte IBM kürzlich das neue Eclipse-Projekt vor. In diesem Projekt soll, mit IBM-unabhängiger Organisationsstruktur, die Java- basierte Workbench bereit gestellt und vor allem weiter entwickelt werden. Bei der Workbench handelt es sich in kurzen Worten um eine Software, welche mittels offe- ner Schnittstellen verschiedene Entwicklungsprodukte wie Editoren, Debugger, Modellierungswerkzeuge oder Teamverwaltungen unter einer einheitlichen Oberflä- che bereit stellen soll (siehe ausführlicher Bericht auf Seite 12). Eine Art Portal für Entwickler also, nur aufga- benbedingt nicht Web-basiert, sondern lokal auf dem guten alten Desktop installiert. Ob es sich dabei wirk- lich um das handelt, wovon Entwickler bereits seit Ge- nerationen träumen (wie IBM behauptet) und ob sich vor allem genügend Partner an dem Projekt beteiligen werden (noch sind die zitierten 150 Partner allesamt IBM-Partner; die Konkurrenten BEA, Borland, Oracle usw. haben sich noch nicht dazu geäußert), ist gegen- wärtig unklar. Wenn es bei den Unternehmen bleibt, die ohnehin schon IBM-Partner sind, dann ist Eclipse ein nettes Open Source-Projekt, welches hier und da be- stimmt großen Nutzen bringen kann. Wenn sich aller- dings auch die IBM-Konkurrenten dazu entschließen sollten, an dem neutralen Projekt zu partizipieren, dann würde dies die Art und Weise, wie wir eBusiness-An- wendungen entwickeln, nachaltig beeinflussen! Natür- lich stellt auch dieses Projekt eine Antwort auf Micro- softs .NET dar, denn die Integration unterschiedlichster Entwicklungstools innerhalb eines einheitlich gehalte- nen Systems finden wir auch in Visual Studio .NET, frei- lich ohne den offenen Charakter und ohne Unterstüt- zung von Java. Wir werden Sie jedenfalls über das Projekt, das sich merkwürdigerweise mit „Finsternis“ übersetzt, informieren!

Viel Spaß bei der Lektüre !

Sebastian Meyen


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