Torsten Zimmermann Freelancer

„Das explosionsartige Wachstum der Komplexität mit inflationären Ausmaßen stellt in meinen Augen die größte Herausforderung für die Industrie 4.0 dar.“

Der Begriff Industrie 4.0 wurde in der Forschungsunion der deutschen Bundesregierung sowie in einem gleichnamigen Projekt aus der Hightechstrategie der Bundesregierung geboren und zählt zu den Kernthemen der Digitalen Agenda. Er soll die Verzahnung der industriellen Produktion „mit modernster Informations- und Kommunikationstechnik“ bezeichnen. Zentraler Erfolgsfaktor und wesentlicher Unterschied zu Computer-integrated Manufacturing (Industrie 3.0) soll die Anwendung der Internettechnologien zur Kommunikation zwischen Menschen, Maschinen und Produkten sein. Cyber-physische Systeme und das „Internet der Dinge“ bilden hierbei die technologische Basis.

Ein altes Sprichwort sagt: Nichts ist stetiger als der Wandel. Und dieser Satz scheint mehr denn je für unsere heutige Welt zu gelten: An die Stelle der Ost-/West-Konfrontation, die nach dem Zweiten Weltkrieg über Dekaden die Welt beherrschte, trat eine politische und vor allem wirtschaftliche Globalisierung. Dieser grundlegende Wandel hat in der ganzen Welt dazu geführt, dass Nationen, Ökonomie und Organisationen ihre eigenen Strategien und Ausrichtungen gemäß den Veränderungen anpassen mussten. Hieraus bildeten sich neue Kräfteverhältnisse, die auch die Zusammenarbeit zwischen den einzelnen Partnern dramatisch beeinflusste. Über Jahrzehnte galt die politische und wirtschaftliche Führungsrolle der westlichen Welt als gegeben. Heute ist dies jedoch alles andere als selbstverständlich. Die von den Industrienationen in den 70er-Jahren noch als Dritte Welt bezeichneten Staaten durchliefen eine Metamorphose zum politischen und wirtschaftlichen Partner mit globaler Bedeutung. Die einzelnen Wirtschaftsregionen wandelten sich in der Folge sehr unterschiedlich. Deutschland und Österreich sind hierbei die einzigen der führenden westlichen Industrieländer, die den Anteil des produzierenden Wirtschaftssektors in den vergangenen zwanzig Jahren halten konnten: Seit den Neunzigerjahren des vorigen Jahrhunderts bestätigt Deutschland jährlich seinen Anteil im produzierenden Sektor von zwischen 23 Prozent und 30 Prozent am Bruttosozialprodukt. Österreich liegt auf einem ähnlichen Niveau nur knapp dahinter.

Im Jahr 2015 schrieb beispielsweise das Statistische Bundesamt: „Die deutsche Industrie hat ihren Anteil am Bruttoinlandsprodukt (BIP) in Deutschland in den vergangenen zwanzig Jahren nahezu gehalten. Im Zeitraum von 1994 bis 2014 erhöhte sich die preisbereinigte Bruttowertschöpfung des Verarbeitenden Gewerbes jährlich um durchschnittlich 1,7 % gegenüber einem gesamtwirtschaftlichen Zuwachs der Bruttowertschöpfung von 1,4 %. Der Anteil des verarbeitenden Gewerbes an der Bruttowertschöpfung aller Wirtschaftsbereiche lag in Deutschland im Jahr 2014 bei 22,3 %. Dies entsprach fast dem Wert von 1994 (23,0 %). In den EU-Staaten insgesamt hatte die Industrie 2014 einen Anteil von durchschnittlichen 15,3 % am BIP. In Frankreich lag der Anteil bei 11,4 % und in Großbritannien bei 9,4 %.“

Dies ist insbesondere bemerkenswert, da die durch die Bankenkrise in 2008 ausgelösten wirtschaftlichen Einbrüche von Deutschland und Österreich bereits 2011 überwunden wurde. Dies gelang ansonsten nur noch der USA, jedoch auf wesentlich geringerem Niveau. Alle anderen Industrienationen indes bewegen sich mittlerweile auf die 10-Prozent-Marke zu oder haben sie bereits erreicht. Diese Tendenz motivierte international betrachtet schon zum Abgesang des produzierenden Gewerbes. Viele Industrienationen setzten folglich auf Finanzdienstleistungen: Man ließ dort produzieren, wo die Produktionskosten günstiger waren. Industrieanlagen, Know-how und Mitarbeiter wurden deshalb abgebaut. In Deutschland hingegen blieb das produzierende Gewerbe ein sehr wichtiger Wirtschaftsfaktor. Die deutsche Industrie ließ die Produktion weitestgehend im eigenen Land und setzte verstärkt auf Automation als Antwort auf gestiegene Lohn- und Produktionskosten. Auch hier führte es zu einem umfassenden Strukturwandel mit wirtschafts- und sozialpolitischen Aspekten. Dabei sind auch einige Branchen teilweise verschwunden (Beispiele: Textilindustrie, Unterhaltungselektronik, Teile des Schiffbaus), aber auch andere entstanden (Beispiele: Automobil, Flugzeugbau, Medizintechnik, Maschinen- und Anlagenbau). Die Nachfragen nach deutschen Produkten aus den zuletzt genannten Bereichen sind stärker denn je. Entscheidend hierzu sind die Produktmerkmale Qualität, Zuverlässigkeit und innovative Funktionalitäten, die oft den Ausschlag geben, dass der Wettbewerb aus anderen Nationen nicht vom Markt ausgewählt wird. Der Preis spielt also hierbei eine sekundäre (?) Rolle. Ergänzend unterstützen hochwertige, produktbezogene Dienstleistungen die Anwenderakzeptanz und Kundentreue für deutsche Qualitätsprodukte. Wie ist das der deutschen Industrie gelungen? Hierzu sind folgende zentrale Punkte zu nennen:

  1. Die hohe Sicherheit bzw. Robustheit in den Entwicklungs- und Fertigungsprozessen repräsentiert die Basis, um im Ergebnis qualitativ hochwertige Produkte zu fertigen.
  2. Die umfassende Automatisierung mit hoher Prozessqualität lässt eine Produktion mit hohen Stückzahlen zu, wobei auch Produktvarianten unterstützt werden.
  3. Der äußerst effektive Einsatz neuer Technologien (insbesondere der IT-Werkzeuge für Engineering, Produktvalidierung, Produktionsplanung, Inbetriebnahme und Fertigung), womit sich die deutsche Industrie deutlich vom Wettbewerb unterscheidet.
  4. Die geschickte Einbettung von Software in alle Produktarten und -kategorien (Embedded Systems), die die weltweit begehrten innovativen Funktionen oft erst möglich machen.

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Windows Developer 3.17 - "Volle Kontrolle"

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579767079Industrie 4.0 – Vorsprung durch Software
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