Kolumne: Karrieretipps

Ärger mit dem neuen Chef
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Unzufriedenheit im Job kann vielfältige Ursachen haben. Häufig aber ist der Frust am Arbeitsplatz unmittelbar mit dem Vorgesetzten verbunden, sei es, weil man das Gefühl hat, dass einem der Chef nichts zutraut und sich als Kontrolleur aufspielt oder er die spannenden Aufgaben an sich reißt, anstatt neben Routinearbeiten auch Verantwortung zu delegieren. Vielleicht geht einem auch einfach die Tatsache auf den Geist, dass sich der Chef in alles einmischt und Druck aufbaut, obwohl er selbst keine Ahnung von der Technologie oder den Inhalten hat. Er ist eben Manager und kein Entwickler.

Noch schlimmer stellt sich die Situation dar, wenn man es bislang anders kannte. Bis letzte Woche war die Welt noch in Ordnung. Das Verhältnis zum Vorgesetzten war spitze, man hatte alle Freiheiten der Welt, konnte sich auf seine Arbeit konzentrieren, durfte neue Tools ausprobieren, sich auf Konferenzen über neue Konzepte informieren, der Freitag im Home Office wurde kommentarlos akzeptiert und am Ende des Jahres war einem der verdiente Bonus sicher. Und dann der Super-GAU. Der Chef verlässt das Unternehmen, aus welchen Gründen auch immer. Mit einem Mal weht ein anderer Wind und man bangt um sein Gewohnheitsrecht. Schon als der Neue, der vom Wettbewerber kommt, sich vorstellt, wird einem klar: mit dem wird’s Ärger geben. Die ersten Wochen bekommt man von dem neuen Chef noch nicht viel mit, alles läuft erst einmal weiter. Aber das ist nur die Ruhe vor dem Sturm. Eines schönes Home-Office-Freitags erhält man einen Anruf vom neuen Chef, dass man doch bitte dringend ins Büro kommen soll, da es Probleme bei einer Softwarefreigabe gäbe, an der man mitentwickelt hat. Die Tester haben Fehler gefunden, für die man sich genau jetzt, ohne Vorwarnung, rechtfertigen soll.

Jetzt wird es deutlich: Der Neue fordert einen zum Duell heraus, lässt einen spüren, dass man am kürzeren Hebel sitzt. Wutentbrannt fährt man ins Büro, will zunächst mit einem Kollegen sprechen, was eigentlich los ist. Das Entwicklerteam sitzt aber schon mit dem neuen Chef zusammen und eine hitzige Diskussion über Testmethoden und unvollständige Spezifikationen ist in vollem Gange. So etwas gab es bisher nicht. In regelmäßigen Teamsitzungen wurden die Testergebnisse erörtert und Anpassungen gemacht, wenn nötig. Seit Monaten fanden solche Meetings aber erstmal nicht mehr statt, sodass man sich fragt, wer an dieser Misere letztlich Schuld ist. Und auch das ist neu: Schuldzuweisungen fliegen wie Granaten umher. Man geht in Deckung und denkt sich: „Früher war alles besser!“ Wenn Probleme auftraten, wurden sie im Team gelöst. Nun will der neue Chef klare Verhältnisse schaffen und allein entscheiden. Home Office ist erst einmal passé. Ab sofort wird vor Ort entwickelt, jeder hat jederzeit ansprechbar zu sein. Die regelmäßigen Meetings werden kurzum wieder eingeführt. Augenscheinlich hat der neue Chef zudem schon seine Lieblinge gefunden, die verschont bleiben, die machen dürfen, was sie wollen, während man selbst als alter Hase abgestraft wird und sich wieder ganz neu profilieren muss. Der Frustpegel steigt. Emotionale Diskussionen statt sachliche Kommunikation sind an der Tagesordnung. Es ist nur noch eine Frage der Zeit, bis einem der Kragen endgültig platzt. „Nur weg hier“, geht einem durch den Kopf. Und dann? Was ist die Alternative? Wenn man jetzt alles hinwirft, verliert man auch all seine Privilegien, die der Arbeitgeber als Hygienefaktoren bereitstellt, unabhängig vom Chef: überdurchschnittliches Gehalt, den Firmenwagen, die kurze Strecke zum Arbeitsplatz, die Altersvorsorge etc. Also legt man erst einmal den Hebel um, macht Dienst nach Vorschrift und hält die Füße still. Schließlich hat man schon viele Leute kommen und gehen sehen, aber leider bisher immer in anderen Abteilungen. Der neue Chef hält sich aber nunmehr schon über die Probezeit hinaus und kann bei der Geschäftsführung mit guten Ergebnissen punkten. Die ganze Situation hat daher ein Stadium erreicht, bei dem man realisiert: „Hier hält mich nichts mehr.“ Oder doch? Die Kollegen zum Beispiel, die mit den gleichen Problemen zu kämpfen haben und sich auch nach der „guten alten Zeit“ zurücksehnen. Außerdem sind die Themen, mit denen man hier zu tun hat, eigentlich spannend und innovativ. Soll man sich also nur aufgrund eines miesen Chefs vom Acker machen? Die Lösung liegt ja theoretisch nahe, denn was macht eigentlich der alte Chef jetzt? Gibt es hier vielleicht eine Chance, in sein neues Team oder zu seinem neuen Arbeitgeber zu wechseln?

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