Interview mit Wolfgang Pleus

„In Bezug auf die praktische Umsetzung ist Agile noch weit vom Mainstream entfernt“
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Auf dem Agile Day der JAX 2018 trafen wir uns mit Agile-Coach Wolfgang Pleus, der uns verrät, weshalb autonom agierende Agile-Teams oftmals schnellere Concept-to-Market-Zyklen erreichen.

Entwickler: Die agile Bewegung ist weit gekommen – von der Grassroot-Bewegung bis zum heutigen Mainstream. Was hat dich persönlich an Agile fasziniert?

Wolfgang Pleus: Für mich bieten agile Techniken die derzeit leistungsfähigste Möglichkeit, digitale Produkte herzustellen. Durch ständige Reflektion und Verbesserung entstehen passgenaue Verfahrensweisen, die dem Produkt und den Teams angemessen sind. Je nach Kontext variieren die Lösungsansätze, beispielsweise wenn es darum geht, die geeignete Granularität und Tiefe von User Stories zu finden. Die Arbeit in diesem Umfeld ist sehr kreativ. Das finde ich immer wieder spannend.

Die Arbeit im agilen Umfeld ist sehr kreativ. Das finde ich immer wieder spannend.

Entwickler: Vielen klassischen Unternehmen fällt es dennoch schwer, agil zu werden. Weshalb ist das so? Wo liegen die typischen Hürden, die es zu überwinden gilt?

Wolfgang Pleus: Jeder Mensch trägt einen Rucksack mit Erfahrungen, Werten und Handlungsoptionen, den er oder sie im Laufe seiner/ihrer persönlichen und professionellen Entwicklung gefüllt hat. Oft in einem nicht agilen Umfeld. Agil zu werden bedeutet nicht nur den bestehenden Rucksack mit neuem Inhalt zu ergänzen. Das wäre vergleichbar einfach. Vielmehr muss bestehender Inhalt entfernt werden, um Platz für neue Dinge zu schaffen. Umlernen also. Agil werden bedeutet für klassische Unternehmen oft einen Kulturwandel. Für viele ist das ein langer Weg.

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Entwickler: Auf dem Agile Day der JAX hattest du eine Session mit dem Titel „Vom Anforderungsmanagement in der agilen Welt: Vom Konzept zur Lösung in Rekordzeit.“ Dabei gehst du von Scrum-Teams aus, die sich selbst organisieren. Nun ist Selbstorganisation aus Management-Sicht auch immer ein Stück weit verbunden mit Kontrollverlust. Wie stellt man sicher, dass die Anforderungen an eine zu entwickelnde Software auch in selbstorganisierten Teams erfüllt werden?

Wolfgang Pleus: Der Schlüssel sind Rückkopplungsschleifen. Um es mit dem Scrum Guide zu sagen: Transparenz, Überprüfung und Anpassung. Gekoppelt mit enger Zusammenarbeit in einem vertrauensvollen Kontext. Scrum ritualisiert das unter anderem durch Reviews, Retrospektiven und Refinements. In einem solchen Rahmen entstehen Produkte, die den Anforderungen der Anwender sehr gut entsprechen. Richtlinien wie beispielsweise aktuell die Datenschutz-Grundverordnung werden dabei genauso berücksichtigt wie beim klassischen Vorgehen auch.

Entwickler: Du spielst mit dem Wort „Rekordzeit“ auch auf einen Geschwindigkeitsgewinn hin. Nun ist Selbstorganisation nicht logisch verknüpft mit schnelleren Ergebnissen – es könnte also durchaus auch länger dauern, wenn man den Weg zum Erfolg erst selbst finden muss und nicht von oben vorgegeben bekommt. Weshalb ist es aus deiner Sicht aber ein Trugschluss, dass man mit strikt hierarchischen Strukturen kürzere Concept-to-Market-Zyklen erreicht?

Wolfgang Pleus: Beim agilen Arbeiten geht es darum zu lernen und Ineffizienzen iterativ abzubauen sowie den Fokus konsequent auf das Produkt zu legen. Jedes neue Team durchläuft eine Lernphase, in der es seinen optimalen Modus entwickelt und immer wieder schärft. Reife agile Teams streben nach kontinuierlicher Verbesserung und sind dadurch in der Lage, in kurzer Zeit wertbringende Inkremente herzustellen, oder anders gesagt Ideen in Produkte zu verwandeln. Im Kern geht es darum, Verschwendung konsequent zu vermeiden. In der Folge entsteht daraus eine hohe Liefergeschwindigkeit.

Entwickler: Welcher aktuelle Trend in der agilen Bewegung findest du momentan besonders spannend?

In Bezug auf die praktische Umsetzung ist Agile noch weit vom Mainstream entfernt.

Wolfgang Pleus: Du hast eingangs erwähnt, dass die agile Bewegung inzwischen Mainstream ist. Das ist sicher richtig in Bezug darauf, dass es wohl kaum noch Organisationen gibt, die sich nicht damit beschäftigen. In Bezug auf die praktische Umsetzung ist es nach meiner Wahrnehmung noch weit vom Mainstream entfernt. Die große Aufmerksamkeit hilft, das Thema auch in Bereiche der Organisationen außerhalb der IT zu tragen. Dadurch entstehen Möglichkeiten, systemische Ansätze zu verfolgen und agile Ansätze wirkungsvoll zu implementieren.

Entwickler: Was ist die Kernbotschaft deiner Session, die jeder mit nach Hause nehmen sollte?

Wolfgang Pleus: Erfolgreiche Softwareentwicklung ist interdisziplinär und entsteht durch das sinnvolle Zusammenwirken von Technologie, Methoden und Menschen.

Entwickler: Vielen Dank für dieses Interview!

Wolfgang Pleus (PLEUS Consulting) begleitet und realisiert seit über zwanzig Jahren geschäftskritische IT-Projekte im technischen und methodischen Bereich.
Seit mehr als zehn Jahren wendet er agile Praktiken und Prinzipien in IT-Projekten an und kennt die damit verbundenen Herausforderungen sehr genau.
Er ist zertifiziert als Scrum Master und Scrum Professional.
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