Fördert Brainstorming die Kreativität?
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Kreatives Denken ist ein integraler Bestandteil im Webdesign. Und – wer kennt es nicht: Ein neues Projekt steht an und die schwierigste Stufe ist immer der Start. Denn der Beginn stellt die einzige Phase dar, in der etwas quasi aus dem Nichts erschaffen werden muss. Im alltäglichen Arbeitsbetrieb bedeutet das häufig: Auf Knopfdruck kreativ sein. Und oftmals fangen hier die Probleme an.

Der Alltag im Büro mit seinen routinierten Arbeitsabläufen ist kein optimales Umfeld für kreatives Arbeiten – im Gegenteil. Kreativität beschränkt sich hier zumeist auf altbewährte Lösungsstrategien. Die Erstellung einfallsloser und repetitiver Designs ist auf Dauer jedoch nicht nur für den Webdesigner frustrierend. In vielen Fällen wird deshalb versucht, mit unterschiedlichen Methoden und Techniken die Kreativität im Arbeitsalltag zu fördern.

Etabliert hat sich der Einsatz sogenannter Brainstorming-Sessions. In diesen Meetings soll ein Denken gegen Regeln etabliert werden, welches von den üblichen Normen abweicht und ein Ausbrechen aus verfestigten Denkstrukturen ermöglicht. Allerdings bleibt fraglich: Kann kreatives Arbeiten durch eine etablierte Methode wirklich gefördert werden? Oder wird hier der Teufel mit dem Beelzebub ausgetrieben?

Was ist überhaupt Brainstorming?

Brainstorming wurde 1939 vom Werbeexperten Alex Osborn erfunden und 1942 in seinem Buch „How To Think Up“ erstmals veröffentlicht. Osborn war von der Effektivität seiner Idee und deren Erfolg fest überzeugt – und behielt Recht. Binnen kürzester Zeit übernahmen Unternehmen wie DuPont oder IBM seine Methode; aber auch die Regierung der Vereinigten Staaten setzte auf Brainstorming. Am Ende des 20. Jahrhunderts hatte sich die Praxis weltweit durchgesetzt und fand Eingang in das Repertoire großer Unternehmen und Organisationen. Die Methode des Brainstormings versprach, kreative Lösungen für nahezu sämtliche Business-Probleme liefern zu können.

Wie funktioniert Brainstorming?

Brainstorming-Sessions stellen Meetings dar, in denen die einzelnen Teilnehmer dazu motiviert werden sollen, für ein vorgegebenes Problem gemeinsam Lösungen zu entwickeln. Die Teilnehmer schlagen Ideen vor, welche von den anderen Anwesenden aufgegriffen und wiederum zu neuen Vorschlägen formuliert werden. Neben den Diskussionen können auch Hilfsmittel wie Listen oder Diagramme als Grundlage für Gedankenanstöße dienen.

Wichtige Regel hierbei: Vorschläge dürfen nicht kritisiert werden – egal wie ungewöhnlich oder absurd sie erscheinen mögen. Auf diese Weise soll für eine lockere Arbeitsatmosphäre gesorgt werden, welche es den Teilnehmer ermöglicht, unbefangen neue Ideen zu erforschen und zu entwickeln – eben ein kreatives Arbeiten abseits verfestigter Denkstrukturen. Und einen netten Nebeneffekt besitzt das Brainstorming auch noch: Gemeinsam und ohne Druck im Team zu Arbeiten macht vor allem eins – Spaß. Nicht nur werden neue Lösungswege durch Brainstorming-Session ausgearbeitet, sondern zugleich der Zusammenhalt in der Belegschaft gefördert.

Alles nur schöner Schein!?

Scheinbar ist der Erfolg des Brainstormings mehr als berechtigt. Die quälende Leere eines kreativen Lochs wird gemeinschaftlich überbrückt und macht am Ende sogar noch Spaß – was will man mehr. Kein Wunder also, dass die Methode so großen Anklang in unterschiedlichsten Unternehmen und Organisationen gefunden hat. Verspricht sie doch, routinierte Alltagsprozesse auf nahezu spielerische Art und Weise zu durchbrechen und so für kreative Lösungsvorschläge sorgen zu können. Problem gelöst? Nein!

In seinem Artikel „Brainstorming Does Not Work – Why people who brainstorm are wasting their time” setzt Kevin Ashton den Mythos des Brainstormings ein Ende. Die Methode ist zwar weithin anerkannt; man darf aber nicht den Fehler machen, Verbreitung und Erfolg gleichzusetzen. Das Brainstorming besitzt nur deshalb eine so große Anziehungskraft, weil es auf Voraussetzungen basiert, die selbst nicht überprüft worden sind. Laut Ashton können diese Annahmen aber durch einfache wissenschaftliche Tests widerlegt werden.

Fehlerhafte Grundannahmen

Die grundlegende Idee des Brainstormings lautet: In Gruppen können die Teilnehmer mehr Ergebnisse produzieren als alleine. Ein Experiment mit Versuchspersonen kam allerdings zu einem interessanten Ergebnis. Es wurde untersucht, ob ein Unterschied in der Arbeitsproduktivität festgestellt werden kann, wenn alleine, in kleinen oder in großen Gruppen gearbeitet wird. Einen Unterschied gab es – allerdings widersprechen die Testergebnisse völlig den Vorstellungen des Brainstormings. Der Untersuchung zufolge arbeitet man alleine produktiver als in der Gruppe. Die Produktivität nimmt sogar ab, je größer der Kreis wird. Allgemein gilt: Die Erträge von Gruppenarbeiten sind quantitativ und qualitativ schlechter als die Arbeiten von Einzelpersonen.

Ebenso fraglich ist eine weitere grundlegende Annahme: Der Verzicht auf Kritik. Forscher in Indiana fanden heraus, dass in Gruppen, welche keine Kritik üben, zwar quantitativ mehr Ideen erzeugt werden als in Gruppen, die Kritik zuließen. Qualitativ produzierten aber beide Gruppen die gleiche Anzahl von Ergebnissen. Arbeiten ohne Kritik führt nur zu mehr schlechten Resultaten und nicht zu besseren Lösungen.

Eindimensionale Kreativität

Für Ashton beweisen die wissenschaftlichen Ergebnisse, dass kreative Lösungsansätze nicht durch harmonische Gruppenarbeit gefördert werden. Kreativ ist man am besten allein – und Kreativität braucht Kritik. Auch der Alltag im Büro unterstützt die wissenschaftlichen Beweise.

Brainstorming-Meetings sind nur vermeintlich harmonische und vergnügsame Veranstaltungen. Sie werden meistens nur aus einem Grund einberufen: Um Lösungen zu finden. Die Teilnehmer stehen unter Druck und haben das Gefühl, etwas liefern zu müssen. Deshalb werden oftmals auch schlechte Ideen als angeblich neue Lösungsvorschläge präsentiert. Einmal in der Gruppe etabliert, ist es für den einzelnen äußerst schwer, noch erfolgreich Einwände erheben zu können. Gruppenbeschlüsse stellen deshalb meistens nur eindimensionale Ausschnitte dar und bilden nicht die gesamte Bandbreite aller möglichen Ideen der Mitglieder ab. Auch ohne Kritik: In Brainstorming-Session kommt es zu negativen Gruppendynamiken, die kreatives Arbeiten mehr behindern als fördern.

Brainstorming wird seinem Ruf also nicht gerecht. Anstatt von üblichen Normen abzuweichen und verfestigte Denkstrukturen zu durchbrechen, unterdrückt die Gruppenpraxis die Kreativität des Einzelnen. Die Aufgabe, selber kreativ zu sein, kann einem nicht abgenommen werden – auch nicht im Webdesign.

Aufmacherbild: Design Team Planning via Shutterstock / Urheberrecht: Rawpixel

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