Teil 15: Endlich frei

Der Scrum Master: „Freiheit bringt Verantwortung“
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Freiheit bedeutet mehr Macht. Und mehr Macht, das wissen wir nicht erst seit Spider-Man, bringt viel Verantwortung mit sich. Was man so am Anfang einer Unternehmerkarriere bzw. Freiberuflerkarriere bzw. selbständigen Karriere (ja es gibt merkwürdigerweise einige Worte dafür) machen sollte, ist nicht gerade wenig…

Ich habe mich entschlossen, in die Freiberuflichkeit zu gehen, um endlich frei von unmenschlichen Systemen zu sein. Wird es mir gelingen? Es stehen nun viele Aufgaben an, einige habe ich in diesem Artikel nicht einmal bedacht, wie z.B. „Selbständigkeit beim Finanzamt beantragen“ und „Umsatzsteuernummer beantragen“, aber…

…endlich bin ich „frei“!

Ich bin jetzt Freiberufler und frei. Das fühlt sich großartig an. Ich bin mein eigener CEO. Und ich bin agil. Ich weiß, dass mein Erfolg nicht über Nacht kommen wird, zumindest erwarte ich es nicht. Ich weiß, dass ich auch für meine freiberufliche Karriere inkrementell arbeiten will. Ich brauche keinen fertigen Plan, aber eine oder mehre Visionen und dann gehe ich immer den nächsten Schritt.

Und Ideen habe ich mehr, als ich zum Umsetzen in der Lage bin. Ich will unbedingt ausprobieren als freier Grabredner zu arbeiten. Ich war schließlich auch einmal Pastor. Und mir liegt es am Herzen, dass man am Grab etwas sagt, das die Hinterbliebenen mit Dankbarkeit erfüllen kann und das hilft, den Trauerprozess anzunehmen. Eine Exkollegin hat mir von einem innovativen (agilen) Bestattungsunternehmer erzählt, der vielleicht offen sein könnte für mich. Ich habe mir seinen Namen und Telefonnummer notiert.

Mehr vom Scrum Master

Der Scrum Master ist eine Fortsetzungsgeschichte in vielen Teilen. Den Anfang der sehr realen und doch erfundenen Story finden Sie hier:

Einen Überblick gibt Ihnen außerdem die Tag-Page.

Ich habe auch Lust, Autor zu werden. Ich will schreiben. Ich will so gerne von dem, was mir auf dem Herzen liegt, anderen erzählen, damit sie lachen können und etwas von dem lernen, was ich erfahren habe. Ich beginne zu bloggen. Ich habe bei Numblr begonnen, Kolumnen zu schreiben. Über Lieder, die ich mag und was sie mir bedeuten. Dann entdecke ich Tertium, eine Plattform, die mir besser gefällt, und beginne dort verschiedene Reihen. Ich veröffentliche Predigten und Theaterstücke in eigenen Reihen. Dann beginne ich, in einer weiteren Reihe über agile Themen zu schreiben. Ich arbeite an einer neuen App mit, die Menschen in agilen Themen coachen will, ohne dass ein menschlicher Coach dabei ist. Ich finde die Idee innovativ und beginne, Content für die App zu schreiben, dabei lerne ich einige andere agile Aktivisten kennen. Mein Netzwerk wächst. Und ich schreibe über meine Begebenheiten in meinem Basketballverein: leicht übertriebene, witzige Geschichten.

Mit Hilfe eines Guides aus der entstehenden App peppe ich mein LungedOut- und mein Wing-Konto auf. Am Ende ist in beiden Plattformen mein beruflicher Werdegang abzulesen, so dass jeder, der sich damit auskennt, eigentlich keinen Lebenslauf von mir bräuchte. Ich verlinke dort meine Blogs. Und ich erstelle eine eigene Homepage.

Und ich habe natürlich noch mein Akquise-Flaggschiff: Freiberuflicher Scrum Master und agiler Coach. Ich melde mich bei unterschiedlichen Plattformen für freiberufliche Projekte an und suche nach „Scrum Master“ und „agiler Coach“. Aufgrund meiner aussagekräftigen Profile melden sich Headhunter bei mir. Es ergeben sich etliche potentielle Projekte. Ich versuche mir Rahmenbedingungen zu setzen: Wie weit will ich reisen? Was soll mein Stundensatz sein? Wie kalkuliere ich die Reisen in den Stundensatz?

Was zu tun und zu lernen ist

Und auch praktisch gibt es ne Menge zu lernen: Die freiberufliche Rentenversicherung muss ich selbst organisieren. Ich entscheide mich für die freiwillige Pflichtversicherung (kein Witz, das heißt so). Die deutsche Bürokratie ist faszinierend. Ich kann also in die normale Pflichtversicherung eintreten, aber jetzt freiwillig, weil ich Freiberufler bin. Übriges darf ich mich rechtlich jetzt sogar „Unternehmer“ nennen, denn das bin ich vor dem Staate, selbst wenn ich kein Unternehmen leite. Das versteht Amazon Business leider nicht, denn sie wollen nur Unternehmer, die eine Firma gegründet haben. Mit zähen Emails muss ich ihnen erklären, wie die Rechtslage in Deutschland gestrickt ist. Ach ja, und als Unternehmer muss ich regelmäßig eine Umsatzsteuererklärung abgeben. Ich lerne, dass Mehrwertsteuer und Umsatzsteuer dasselbe sind. Das war echt schwer zu kapieren, obwohl man es so simpel auf den Punkt bringen kann. Ich muss mich auch freiwillig krankenversichern. Ich will aber in einer gesetzlichen Krankenkasse bleiben. Die besorgte Krankenkassenmitarbeiterin ist sehr hilfsbereit, so dass ich in den ersten Monaten, in denen ich nur auf Projektsuche bin, sehr wenig bezahlen muss. Was ich verpasse ist es, eine freiwillige Krankengeldversicherung abzuschließen, die in der gesetzlichen Krankenversicherung immer integriert ist. Aber die deutsche Gesetzgebung integriert das nicht in der Krankenversicherung für Selbständige bzw. Unternehmer. Ich treffe Leute, die Freiberufler als unsozial einstufen, weil diese ja nur die Sozialversicherungsbeiträge sparen wöllten. Aber dass man als Unternehmer alle möglichen Hürden überwinden muss, um Sozialabgaben zu leisten, wenn man das will, das bleibt ihnen unbekannt. Schon schräg, denke ich mir, diese Zweiklassengesellschaft in Deutschland. Ich hätte mir für den Einstieg gewünscht, gleich behandelt zu werden. Dann wären viele formale Anträge unnötig gewesen. So bleibt es bis heute mein Wunsch, dass diese Dinge in einem Land für alle gleich geregelt würden. Keine Ausnahmen für Beamten und Unternehmer. Alle zahlen ein und alle bekommen was raus. Keine Vorurteile gegen Unternehmer und Beamte mehr. Wäre das nicht gerecht?

Akquise

Mir ist schnell klar, dass ich lernen muss, wie Akquise funktioniert. Ich muss mich verkaufen. Das hasse ich. So viele Zwänge. Ich bin eben anders. Viele scheinen das ja geradezu zu lieben. Mir ist es schon immer suspekt, meine Lebenszeit in Geld aufzuwiegen. Alles Denken kreist um Euros. Die Akquisearbeit wurde mir neben der Umsatzsteuer bislang von meinem Arbeitgeber abgenommen. Man darf diese Zeit bei seinen Aktivitäten auch mitkalkulieren. Es funktioniert nicht optimal, wenn man 100% arbeitet und on top noch Akquise macht und netzwerkt. Da kann man ausbrennen. Nur dass man für diese Aufwände primär keine Cent bekommt. Das ist für mich eine Belastung. Ich habe Familie, aber ich verdiene nicht gleich Geld. Einen Teil der Ausgaben, zumindest die Mehrwertsteuer, kann ich ja zurückbekommen, aber ich verdiene buchstäblich nichts. Ich habe es auch verpasst, irgendwelche staatlichen Subventionen für Gründer etc. zu beantragen. Das wäre auch clever aber noch mehr Aufwand gewesen. Ich melde mich auch nicht arbeitslos, weil Akquise meiner Meinung nach zur Arbeit des Unternehmers gehört. Ich werde quasi von einem Flugzeug in die Mitte des Meeres der Akquise abgeworfen und versuche, an Land zu schwimmen.

Die Familie versteht auch nicht so ganz, was ich da so treibe. „Papa, bist du gerade arbeitslos?“, fragen mich meine Kinder. Ich versuche zu erklären, was Akquise ist und dass ich jetzt Unternehmer bin, aber es ist kaum vermittelbar. Die Großeltern machen sich Sorgen, auch die Geschwister. Das Ganze lässt auch mich nicht ungerührt. Das Schlimmste sind die inneren Zweifel und Stimmen: „Du spinnst doch! Das klappt nie! Du bist verantwortungslos!“ usw. Gerne würde man durch Freunde und Verwandte ermutigt werden, aber das ist eher rar. Und es gibt einige wenige, die mich stärken und mir das zutrauen. Lieber Leser, bitte ermutige bei allen Fragen, die du haben darfst, deine Freunde und Verwandten, die den Weg der Selbständigkeit wählen. Zweifel haben sie in der Regel selbst genug, auch wenn sie es nicht zugeben. Vielleicht ist es ja auch unsere eigene Angst, das zu tun, was wir uns wünschen, die wir da auf andere projizieren.

Rechte und Pflichten des Arbeitgebers

Und noch zwei Dinge hat mein Arbeitgeber für mich geregelt: Arbeitsmittel und Büroplatz. Ich merke, dass es bei mir zu Hause zu eng ist. Ein Büroplatz wäre nicht schlecht. Hier zahlt sich das inkrementelle Arbeiten aus, denn ich werde im Rathaus aufmerksam auf einen Co-Working Space. Ein echtes Highlight sollte beginnen. Ich treffe mich mit der Verwalterin und wir haben sofort eine Verbindung. Es macht Spaß, mit ihr zu quatschen. Ich miete einen Büroplatz zum halben Preis im Durchgang zur Toilette. Also schon im Büro, aber jeder der zur Toilette geht kann einen Blick auf meinen Bildschirm werfen. Der Schwabe in mir ist zufrieden. Und als Agilist bin ich gern transparent. Die Arbeitsmittel sind denn auch etwas vom Schönsten in der Freiberuflichkeit. Mein CEO (also ich) genehmigt im Schnellverfahren neue Hardware, die ich selbst einkaufe. Ein neues Notebook mit SSD und zweiter Festplatte, einem aktuellen Prozessor… cool, dass das endlich mal so schnell geht. Ich besorge mir ein Flip Chart Board samt Papier und Stifte. Ich organisiere mir „Moving Motivators“ Karten für etwaige Kurse, die ich geben will. Ja, die Kurse habe ich beim Blumenstrauß meiner Ideen noch vergessen. Diese Freiheit ist schön, aber die wirtschaftliche Verantwortung drückt meine Seele. Ich habe zwar berechnet, dass wir mindestens ein Jahr durchhalten können, aber der innere Ankläger lässt sich damit nicht beruhigen.

Ich gehe bei der Akquise vor, wie es mein Freund beschreibt: Bei der Akquise schießt du Hunderte von Pfeilen ab und wartest welcher von ihnen einschlägt. Und den Einschlägen folgst du dann. Ob und wie gut das klappen wird? Wir werden es bestimmt in der nächsten Folge erfahren.

Bis dann, euer Scrum-Master. (-:

P.S: Ich freue mich über Feedback, was ihr über diese Episoden denkt. Feedback kann ermutigen und zur Verbesserung anregen.

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