Kolumne: Soft Skills in der IT

Ein erfolgreiches Team braucht mehr als nur Fachwissen!
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Fachliche Fortbildungen bringen einerseits einen Mehrwert für das Unternehmen und können andererseits aber auch den Wert des einzelnen Mitarbeiters steigern. Doch sind Fachfortbildungen alles, was für den Erfolg notwendig ist? Und: Wird der Mehrwert, der von fachlichen Fortbildungen ausgehen kann, eigentlich schon optimal genutzt?

Dass Mitarbeiter in der IT-Branche ihr Fachwissen stets an die Anforderungen der Zeit und den aktuellen Stand der Technik anpassen müssen, ist unbestritten. Im Regelfall ist der Fortbildungsbedarf auch für jeden Mitarbeiter und Vorgesetzen gut zu identifizieren. Ob im Selbststudium oder über Konferenzen und Schulungen, dieser Bedarf wird in den meisten Teams ausreichend bis gut gedeckt, da ein Mangel an Fachwissen oder ein veraltetes Wissen ganz offensichtlich zu Problemen in der Umsetzung und Erledigung der Arbeitsaufgaben führen würde.

Nicht nur wenn die Technik sich verändert, findet allerdings eine Veränderung in Sachen Anforderungen an die Mitarbeiter statt. Selbiges gilt für Veränderungen in der Arbeitsumgebung. Immer wenn Teams sich neu sortieren, zum Beispiel

  • plötzlich abteilungsübergreifend arbeiten sollen wie in der DevOps-Philosophie,
  • Paar-Programmierung eingeführt wird als Instrument im agilen Prozess wie Extreme Programming (XP) oder
  • Usability als Qualitätsmerkmal ganz vorne steht,

ändern sich neben den fachlichen Anforderungen auch entscheidend die Anforderungen an die menschlichen Fähigkeiten, die Soft Skills. Werden die Soft Skills nicht regelmäßig an die veränderten Bedürfnisse der jeweiligen Systeme angepasst, so wird ein Team seine Spitzenleistung nicht erreichen können. So führen nicht ausreichend entwickelte Soft Skills im Laufe der Zeit sogar dazu, dass sie einen negativen Einfluss auf das gesamte Team nehmen. Missverständnisse, sinkende Motivation, Unzufriedenheit und schlechte Stimmung sind nur einige unerwünschte Nebenwirkungen von nicht ausreichend modifizierten Soft Skills, die unter anderem zu Zeit- und Qualitätsverlusten führen können. Doch die Identifikation der „weichen Fähigkeiten“, die modifiziert werden müssen, ist häufig nicht so einfach, da sie stark von inneren Einstellungen geprägt und oft nicht auf den ersten Blick erkennbar sind. Eine gute Beobachtungsgabe durch den Vorgesetzten und die Teammitglieder, verbunden mit der Bereitschaft zur Selbstreflektion von allen Beteiligten, ist zwingend erforderlich.

Soft Skills oder Fachwissen?

Das Thema Soft-Skills-Training wird häufig fälschlicherweise mit der Veränderung einer Person gleichgesetzt. „Ich bin wie ich bin!“ oder „Man kann einen Menschen nicht verändern!“, sind Aussagen, die in diesem Zusammenhang gerne bemüht werden. So sind in einer Umfrage bei IT-Freelancern und Auftraggebern durch die GULP Information Service GmbH zum Thema „Soft Skills in der IT“ drei Prozent der Befragten der Überzeugung, Soft Skills würden keinerlei Vorteile bringen, 17 Prozent halten Soft-Skills-Trainings für nicht sinnvoll und 36 Prozent haben bislang sich in diesem Bereich sich noch nicht fortgebildet. Dies erstaunt besonders, da 80 Prozent der Befragten aussagten, dass passende Soft Skills eine wichtige Rolle bei der Vergabe von Aufträgen spielen und die Bedeutung der Soft Skills in Zukunft noch zunehmen werde. Da diese Umfrage aus dem Jahr 2002 stammt, befinden wir uns heute schon in der Zukunft von damals, in der die Soft Skills noch mehr an Wichtigkeit gewonnen haben, denn nicht nur neue Ansätze wie DevOps, SaaS oder Continuous Delivery haben den Markt verändert, sondern auch die neue Generation Y oder Millenials erobern den Arbeitsmarkt und bringen Forderungen gerade auch nach Veränderungen im Bereich New Work – also neuen, flexibleren Arbeitsmodellen – mit.

Dabei geht es bei Soft-Skills-Training gar nicht darum, einen Menschen zu verändern, denn ändern kann ein Mensch sich immer nur selbst. Die Veränderung eines Charakters ist nicht Ziel solcher Trainings. Es geht vielmehr darum, die Zusammenhänge der Faktoren zu erkennen, die im zwischenmenschlichen Miteinander aktiv sind. Es sollen Wege aufgezeigt und erprobt werden, die es den einzelnen Personen und dem Team ermöglichen, eigenes Verhalten so zu modifizieren, dass das Miteinander angenehmer, effektiver und produktiver werden kann, um so die bestmögliche Leistung im Team zu erzielen. So können zum Beispiel Missverständnisse verringert, Vorbehalte abgebaut und Wissen geteilt werden. Wenn im Bereich von Softwarelösungen von „Customizing“ gesprochen wird, lässt sich hier der Begriff „Teamizing“ prägen, nämlich die Anpassung eigener Verhaltensweisen an die Bedürfnisse des Teams, der Aufgabe und der Strukturen. Hiermit wird aber auch schnell klar, dass das Training von Soft Skills kein einmaliges Event bleiben sollte, sondern ein regelmäßiger Soll-Ist-Abgleich sinnvoll ist, um notwendige Modifikationen zeitnah zu initiieren.

Erschwerend kommt hinzu, dass – anders als bei Fachwissen – Soft Skills nicht auswendig gelernt werden können und dann zur Anwendung bereit stehen. Vielmehr handelt es sich um einen Prozess, der damit startet, den theoretischen Hintergrund zu erkennen und das eigene Verhalten zu erfahren, um dann über das Trainieren, Reflektieren und wieder Trainieren Einzug in das tägliche Verhalten zu finden. Dieser Prozess kann durchaus einige Zeit in Anspruch nehmen, da alte Verhaltensweisen, Routinen und Muster erkannt, abgelegt und verändert werden müssen. In Soft-Skills-Trainings wird eine an den jeweiligen Menschen orientierte Brücke gebaut zwischen dem, was an „weichen Fähigkeiten“ situationsabhängig gefordert ist, und was die einzelnen Individuen mitbringen.

Selbstverständlich kann dieser Erkenntnis- und Erfahrungsprozess auch dazu führen, dass Menschen ihre Einstellungen und Ansichten verändern und damit auch sich selber verändern; allerdings sind diese Veränderungen dann immer selbstbestimmt und freiwillig!

Mein Scrum ist kaputt!

mit Sebastian Bauer (inovex GmbH) & Dominik Ehrenberg (Infineon Technologies AG)

Taming agile Architecture

mit Michael Haeuslmann (PHPragmatic.com)

Soft Skills für die IT! Aber welche?

In einem Punkt scheint sich die IT-Branche einig zu sein: Der introvertierte Computer-Nerd ist nicht mehr das Erfolgsmodell der Gegenwart und Zukunft! Vielmehr stehen „Think outside the Box – die Fähigkeit über den eigenen Tellerrand sehen zu können – sowie Teamgeist hoch im Kurs, denn ohne Kollaboration und Teamwork sind die komplexen Projekte und Aufgaben bei immer kürzeren Releasezeiten heute nicht mehr realisierbar. Flexibilität im Denken und Handeln und eine „Open minded“-Einstellung sind laut Umfragen essenzielle Fähigkeiten für das erfolgreiche Arbeiten in einem IT-Team. Das menschliche Netzwerken gehört inzwischen zum Arbeitsalltag dazu und geht häufig über den rein fachlichen Austausch hinaus. Kommunikationsfähigkeit [1] auf unterschiedlichsten Ebenen sowohl aktiv als auch passiv ist zwingend erforderlich, um in einem Team und im Projekt erfolgreich zu sein (Abb. 1). Hierbei spielen Empathie und Kritikfähigkeit eine ebenso wichtige Rolle wie die Konzentrationsfähigkeit und vernetztes, analytisches Denken. Dass es eines hohen Maßes an Konzentrationsfähigkeit bedarf, einen tauglichen Code zu produzieren, war stets unbestritten. Heute reicht das alleine nicht mehr; vielmehr muss ein Programmierer in der Lage sein, zwischen der Konzentration auf seinen Code und der bewussten Wahrnehmung seiner Umwelt und der Kommunikation mit eben dieser hin und her zu switchen.

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Abb. 1: Mithilfe des Kommunikationskreises wird deutlich, dass Kommunikation mit den verschiedensten Personen- und Berufsgruppen stattfindet; aktives Zuhören und Empathie sind für eine erfolgreiche Kommunikation von äußerster Wichtigkeit

Weiche Faktoren für die Softwareentwicklung

Des Weiteren stehen heute Begriffe wie Vertrauen und Engagement hoch im Kurs. Vorgesetzte suchen Mitarbeiter, die sowohl vertrauenswürdig als auch vertrauensvoll sind – und das sowohl unternehmensintern als auch extern. Leidenschaft, Engagement und Leistungsbereitschaft, die einer „Owner“-Mentalität gleich kommen, sind gerne gesehen, weil sie mehr Verbundenheit mit dem Unternehmen, den Projekten und dem Team erzeugen und nur somit bestmögliche Ergebnisse erzielt werden können.

Gerade auch im Bereich der Softwareentwicklung ist eine Kombination aus Qualitätsbewusstsein und Pragmatismus sehr förderlich, um hohe Qualitätsstandards in einem angemessenen Rahmen in Bezug auf Entwicklungszeit, Kosten, Pflege und Usability zu erzielen. Eine gut ausgeprägte Dienstleistungsmentalität ist in allen IT-Bereichen eine wichtige Fähigkeit – und das nicht erst seit SaaS! Eine gut ausgeprägte Lösungsorientierung – mit einem kreativen Mix aus Innovation und Bewährtem – gepaart mit der Fähigkeit, Probleme zu erkennen und zu analysieren, ist eine wertvolle Ergänzung im Bereich der Soft Skills. Erweitert wird das Soft-Skills-Portfolio für ITler noch durch den Bereich der Kundenorientierung – wiederum sowohl intern als auch extern. Hinzu kommen aufgrund des hohen Maßes an Internationalität in IT-Projekten Anforderungen an interkultureller Kompetenz geprägt von Toleranz und Respekt.

Ebenso wie verschiedene IT-Tools nicht zur selben Zeit und im selben Umfang regelmäßig zum Einsatz kommen, sind die einzelnen „weichen“ Fähigkeiten nicht nur je nach individueller Position, sondern auch nach der gerade aktuellen Tätigkeit oder Phase im Projekt unterschiedlich stark gefordert. Doch fest steht, dass sie gefordert werden – und dann sollten sie anwendbar sein!

Let’s get inTeam – für mehr Teamgeist, für mehr Effizienz!

Die Definition des Begriffes „intim“ lautet unter anderem: vertraut, eng verbunden, innerst, innerlichst. Und das genau ist es, was Teams sein sollten: miteinander vertraut und eng verbunden! Jedes Teammitglied sollte in der Lage sein, die jeweils anderen Peers in ihren Stärken und Schwächen, in ihren Bedürfnissen wahrzunehmen und dies auf das eigene Verhalten den anderen Peers gegenüber anzuwenden. Dabei dürfen aber auch die eigenen Bedürfnisse nicht vergessen werden. Hierzu ist es notwendig, zu beobachten, zuzuhören und selber mitzuteilen. Jeder sollte in der Lage sein, angemessenes, sachorientiertes Feedback zu geben aber auch, es anzunehmen. Alle Beteiligten sollten sich darüber bewusst sein, dass es notwendig ist, Wertschätzung den anderen gegenüber auszudrücken, sie aber auch anzunehmen. Ein erfolgreiches, aktives Wissensmanagement kann so in der Gruppe entstehen, ohne ein künstliches System dafür implementieren zu müssen. Gegenseitiges Verständnis, Respekt, Toleranz und Akzeptanz sind an dieser Stelle unumgänglich. Hinzu kommt die Offenheit und Bereitschaft, sich auf andere Typen – und seien sie noch so andersartig – einzulassen und zuzugehen! Wenn diese „InTeam-ität“ vorhanden ist, wird das Zusammenarbeiten einfacher, reibungsloser und damit effizienter!

Soft Skills – immer gefordert, selten explizit genannt

Dass Soft Skills unglaublich wichtig sind, aber selten explizit über sie gesprochen wird, ist deutlich in der ISO oder in Kundenanalysemodellen zu sehen. Selbst in der ISO 9126 zum Thema Softwarequalität ist der Grundstein für eine umfassende, abteilungs- und disziplinübergreifende Kommunikation gelegt (Abb. 2). Spätestens wenn es um die Frage der Usability geht, sollte die Entwicklerseite mit der Userseite sprechen – und zwar möglichst effizient und zielgerichtet – und nicht nur ein bloße Entwicklung am „grünen“ Bildschirm stattfinden lassen. Die Fähigkeit der Entwicklerseite, sich in das Denken und die Aufgaben der Anwender hinein zu versetzen, erleichtert die Arbeit ungemein und führt schneller zu brauchbaren Ergebnissen. Ebenso sollten auch der IT-Betrieb/Operations in der Lage und Willens sein, die Seite der Anwendungsentwicklung zu verstehen und respektieren.

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Abb. 2: Schaubild zur ISO 9126 – Softwarequalität: Spätestens am Punkt Usability ist eine Kommunikation über die Grenzen des eigentlichen Teams hinaus notwendig (grün hinterlegt)

Selbst im Kano-Modell (Kasten: „Das Kano-Modell“), findet die Forderung nach mehr Soft Skills indirekt Anwendung. Kommunikation, Verständnis für andere und deren Aufgaben und vernetztes, analytisches Denken sind notwendig, um die Wünsche und Erwartungen von Kunden zu erfassen und bei der Produktentwicklung zu berücksichtigen.

In fast allen Bereichen sind Soft Skills grundlegend erforderlich, um Forderungen und Qualitätsansprüche zu erfüllen. Doch selten werden sie ausdrücklich genannt, sondern werden eher als „selbstverständlich“ vorausgesetzt!

Das Kano-Modell als Forderung für mehr Soft Skills

„Das Kano-Modell ist ein Modell zur Analyse von Kundenwünschen. Aus der Analyse von Kundenwünschen leitete Noriaki Kano (* 1940), Professor an der Universität Tokio, 1978 ab, dass Kundenanforderungen unterschiedlicher Art sein können. Das nach ihm benannte Kano-Modell erlaubt es, die Wünsche (Erwartungen) von Kunden zu erfassen und bei der Produktentwicklung zu berücksichtigen.“ Wikipedia

Auch bei hausinternen Software- und IT-Projekten kann jeder User mit dem Begriff „Kunde“ gleichgesetzt werden.

Selbst der „Mehrwert“ aus fachspezifischen Weiterbildungen kann nur dann optimal genutzt werden, wenn alle Teammitglieder sich gut kennen, aktiv miteinander kommunizieren und bereit sind, Wissen zu teilen, statt dieses unter Umständen exklusive Wissen als „Alleinstellungsmerkmal“ zu nutzen.

Links & Literatur

[1] Vigenschow, Uwe; Schneider, Björn; Meyrose, Ines: „Soft Skills für Softwareentwickler. Fragetechniken, Konfliktmanagement, Kommunikationstypen und -modelle“, 2. überarbeitete und erweiterte Auflage, Heidelberg 2011

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