Alles fließt: Als Entwickler im Flow arbeiten

Get in the flow! Mit diesen Tipps gelingt das Arbeiten im Flow
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Ist man „im Flow“ vergeht die Zeit wie im Flug. Hunger, Durst, Müdigkeit, all das wird nicht mehr wahrgenommen. Dafür geht die Arbeit aber umso leichter von der Hand. Zeile um Zeile fließt der Code auf den Bildschirm, beinahe mühelos. Viele Entwickler kennen diesen Zustand aus durchgearbeiteten Nächten und wissen, wie gut es sich anfühlt, danach das Ergebnis zu betrachten. Aber manchmal will es einfach nicht gelingen, in den Flow zu kommen. Woran liegt das, und wie lässt sich dieser Zustand leichter erreichen?

Komponisten berichten häufig davon, dass sie im Flow Musikstücke schreiben können, ohne auch nur darüber nachzudenken. Mancher behauptet sogar, sich selbst eigentlich nur noch bei der Arbeit zuzusehen, statt aktiv darüber nachdenken zu müssen. So geht es auch Entwicklern immer wieder. Immerhin ist das Schreiben von Code dem Komponieren von Musik gar nicht so unähnlich. Der kognitiv herausfordernde Charakter der Programmierung ist sehr gut dazu geeignet, Flow-Zustände auszulösen.

Begrenzte Aufnahmefähigkeit

Manchmal lässt der Flow allerdings auf sich warten. Das ist durchaus normal, natürlich führt nicht jede Aufgabe in den Flow. Schlussendlich ist es aber auch nicht dem Zufall überlassen, ob eine Arbeit im Flow endet oder nicht; es gibt eine Reihe von Faktoren, die das beeinflussen.

Betrachten wir erst einmal den Flow-Zustand an sich. Das menschliche Gehirn ist dem Computer in mancher Hinsicht sehr ähnlich: Es hat eine maximale Leistungsgrenze. Ist diese erreicht, können keine weiteren Daten parallel verarbeitet werden. Wenn das Gehirn vollständig mit einer Tätigkeit ausgelastet ist, geht alles andere unter. Das passiert im Flow – das Gehirn stellt die gesamte verfügbare Bandbreite (abzüglich der Lebenserhaltung) in den Dienst der anliegenden Aufgabe und lässt alles andere links liegen. Akustische Informationen? Nicht bedrohliche körperliche Zustände? Unwichtig!

Voraussetzungen schaffen

Damit dieser Zustand überhaupt erreicht werden kann, muss der Körper darauf vorbereitet werden. Das Gehirn benötigt Energie, um zu arbeiten, vor allem für Höchstleistungen wie einen Flow. Wer hungrig in den Flow einsteigt, wird irgendwann wieder spüren, dass er großen Hunger hat – und somit aus dem Zustand des Flows herausgerissen. Gleiches gilt wenn man mit einer vollen Blase, hochgradig gestresst oder maximal übermüdet an die Arbeit geht. Was schon für die durchschnittliche Leistungsfähigkeit schädlich ist, ist erst Recht kein guter Zustand für einen Flow.

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Auch sollte die Frage nach der eigenen Hochphase betrachtet werden. Wer am Morgen leistungsfähiger ist als am Abend, wird morgens auch eher in den Flow kommen. Ohne Konzentration gelingt das nämlich nicht. Stören unvermeidliche Umgebungsgeräusche die Konzentration, können Ohrstöpsel oder Kopfhörer dabei helfen, den Fokus ganz auf die anliegende Aufgabe zu legen.

Außerdem muss die Arbeitsumgebung angemessen gestaltet werden. Ist das Licht hell genug? Wann wurde das Zimmer zuletzt gelüftet? Niemand möchte den Flow mit Kopfschmerzen beenden, also sollte sichergestellt werden, dass alles optimal eingerichtet ist. Ein vergessener Wecker, der plötzlich klingelt, tötet zuverlässig jeden Flow. Abschalten, was sich abschalten lässt, ist hier die Devise.

Abschotten

Das gilt genauso für alle nicht notwendigen technischen Geräte. Jedes Smartphone hat einen Flugmodus; Posteingänge auf dem PC werden geschlossen, Messenger-Apps ebenfalls ausgeschaltet. Tools wie Leechblock können dabei helfen, Abstand zu Facebook und Co. zu halten. Jede Ablenkung wird aus dem Blickfeld entfernt, sodass es nur noch wenige Möglichkeiten gibt, spontan etwas anderes zu tun, als zu arbeiten.

Anwesende Personen sollten wissen, dass nun eine störungsfreie Arbeitsphase beginnt. Das ist natürlich unterschiedlich schwer umzusetzen. Mancher wird vielleicht sogar Kinder zu Hause haben, die das Konzept des Flows einfach nicht verstehen und muss trotzdem dort arbeiten. Dass der Kollege im Büro aber nicht unbedingt in einer Flow-Phase vorbeikommt, um über das letzte Wochenende zu plaudern, lässt sich mit Sicherheit einrichten.

Recherche

Danach folgt die Vorbereitung der Arbeit an sich. Wer nicht genau weiß was zu tun ist, kommt gar nicht erst in einen Flow. Aufgaben, über die wir nicht genug wissen, lösen nämlich Angst und Anspannung aus. Beides sind absolute Flow-Killer; solche Aufgaben werden häufig aufgeschoben. In diesem Fall bietet es sich an, mit Hilfe einer Eieruhr eine feste Zeitspanne festzulegen, in der die Arbeit begonnen wird, statt auf eine Flowphase zu hoffen, um alles auf einmal zu schaffen.

Die Aufgabe sollte allerdings auch nicht zu leicht sein – Langeweile ist ein weiterer emotionaler Zustand, der nicht in einen Flow führt. Das richtige Gleichgewicht zwischen Kompetenz und Herausforderung muss also gefunden werden. Die anliegende Aufgabe sollte im positiven Sinne als Herausforderung verstanden werden und ein klares Ziel haben.

Und los!

Wenn alle Voraussetzungen stimmen, beginnt die eigentliche Arbeit. Nun gilt es, die Konzentration so lange zu halten, bis das von alleine gelingt und der Flow da ist. Vorbeiziehende Gedanken zu anderen Themen sollten nicht beachtet werden. Ist etwas Wichtiges dabei, kann der Gedanke aufgeschrieben werden, um ihn loszulassen, aber nicht zu vergessen. Meditation ist hilfreich um zu erlernen, einen solchen Zustand bewusst herbeizuführen.

Um den Flow aufrecht zu erhalten, braucht man Feedback. Wer im Flow ist, muss etwas schaffen und es sehen, erleben können. Die geleistete Arbeit wird als Belohnung empfunden, das Ergebnis ist am Ende ja auch meist beeindruckend. Kurze Testzyklen, mit denen geschriebener Code unmittelbar überprüft wird, erweisen sich hier als hilfreich. Der Ablauf sollte allerdings bereits vertraut sein – wer erstmalig damit beginnt, Code unmittelbar nach dem Schreiben zu testen, wird bei den ersten Durchläufen mit der neuen Methode nur selten in einen Flow kommen. Zu zahlreich sind die Unsicherheitsfaktoren, die jeweils eine aktive Überprüfung der eigenen Arbeitsweise erfordern.

Agile Methoden

Die Unterteilung agiler Projekte in kleine Schritte ist ein guter Ausgangspunkt für das Arbeiten im Flow. Es ist jederzeit klar erkennbar, was nun zu tun ist; offene Fragen können zuvor im täglichen Meeting besprochen werden. Auch das für diese Methodik typische automatisierte Testen eignet sich gut zur Erfolgskontrolle.

Agile Projektplanung macht gut abschätzbar, wie viel Zeit die Arbeit an einem bestimmten Teil des Codes in Anspruch nehmen wird. Das ist hilfreich, um im Flow zu arbeiten. Wird nämlich eine zu umfangreiche Aufgabe für den Flow gewählt, ist der Frust vorprogrammiert. Egal wie gut es läuft, das Ergebnis wird dann nie mit den Erwartungen übereinstimmen. Die zu erledigende Aufgabe muss also zum verfügbaren Zeitfenster passen, auch wenn im Flow viel mehr geschafft werden kann als in einer regulären Arbeitsphase.

Nach dem Flow

Niemand sollte erwarten, nach einer Flow-Phase unmittelbar in die nächste eintreten zu können. Wer einige Stunden lang hochkonzentriert gearbeitet hat, hat dabei eine großartige Leistung vollbracht. Es ist also vollkommen in Ordnung, danach eine Pause zu machen, bevor das nächste Projekt beginnt. Was Körper und Geist nun brauchen, um sich zu regenerieren, ist individuell verschieden. Viele wissen aber aus eigener Erfahrung, dass nach dem Flow erst einmal Hunger, Durst und Müdigkeit darauf warten, wahrgenommen zu werden. Das ist okay und wichtig, um für den nächsten Flow wieder fit zu sein.

Trotz der besten Vorbereitung und der Vermeidung aller Ablenkungen wird immer noch nicht jede Arbeitsphase in einen Flow führen. Wer darauf wert legt, kann aber einmal beobachten, welche Faktoren es im Einzelnen sind, die den Unterschied ausmachen – ähnlich einer agilen Retrospektive. Mancher mag eine größere Herausforderung dafür brauchen; anderer kommen vielleicht nicht damit zurecht, zu Hause zu arbeiten. Das ist ganz individuell, aber doch beeinflussbar. Unser Gehirn ist nämlich in höchstem Maße darauf ausgelegt, große Leistungen zu erbringen. Wir müssen nur herausfinden, wie wir uns selbst am besten in diesen Zustand versetzen!

 

Aufmacherbild: Mountain river via Shutterstock / Urheberrecht: Kishko Vladimir

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