Psychologie: Selbstkontrolle oder Motivation?

Getting Things Done: Was hilft wirklich bei der Arbeit?
Kommentare

Willenskraft ist eine begrenzte Ressource und wir sollten uns gut überlegen, wofür wir sie einsetzen. Ist es also doch völlig egal, wie viele Entscheidungen wir am Tag treffen, solange wir nur wirklich wollen?

Das Konzept von Willenskraft als begrenzter Ressource, die wohl überlegt eingesetzt werden sollte, ist als Ego-Depletion-Modell bekannt. Neue Forschungsergebnisse zeigen aber, dass die Theorie falsch sein könnte. Könnte es am Ende des Tages also gar nicht entscheidend sein, wie viele Entscheidungen wir täglich treffen – vorausgesetzt man steht wirklich hinter seinen Entschlüssen?

Jedes Mal, wenn wir eine Entscheidung treffen oder einen Impuls unterdrücken, verbrauchen wir Willenskraft. Das sagt das Ego-Depletion-Modell. Spätestens, seitdem 1998 eine große angelegte Studie dazu durchgeführt wurde, die diesen Effekt nachwies, ist er in aller Munde. Jeder spricht darüber: Wenn Steve Jobs immer nur die gleiche Kleidung trug, dann tat er das, um einen Teil der alltäglichen Entscheidungen zu umschiffen, die uns wieder und wieder Willenskraft kosten. Und genau darum war er so gut in dem, was er getan hat! So besagt zumindest die Legende um den Apple-Guru. Auch wir haben uns bereits mit dieser Perspektive auf Willenskraft und Arbeitsleistung beschäftigt.

Die Sache mit der Selbstkontrolle

Die Theorie dahinter ist einfach und sehr eingängig: Das Gehirn funktioniert laut dieser Theorie wie ein Muskel. Es verbraucht einen Teil seiner Energie, wenn wir eine Entscheidung treffen – umso mehr, je schwerer uns die Entscheidung fällt. Und am Ende ist die Energie irgendwann aufgebraucht, wir sind erschöpft von all den Dingen, die uns Selbstbeherrschung gekostet haben.

Die Forschung zu dieser Theorie sagte sogar, dass die Zufuhr von Energie oder das Nachgeben bei bestimmten Entscheidungen dabei helfen könne, unsere Willenskraft aufrecht zu erhalten. Ein Glas Limo mit echtem Zucker sei somit hilfreich, um schwierige Aufgaben zu bewältigen, weil es unsere Willenskraft wieder herstellt. Auch wenn wir eigentlich statt sind. Außerdem sollte unser Gehirn trainierbar sein, um unsere Willenskraft zu stärken.

Dass das menschliche Gehirn auf Übung und Training anspricht, ist aus vielen Gebieten bekannt. Wir lernen durch Wiederholung, und wer häufig und viel lernt, tut sich daran leichter als jemand, der zum ersten Mal seit Jahren etwas Neues lernen muss. Neue Verhaltensweisen werden nach einer Weile zur Gewohnheit, sodass sie ganz leicht werden. Aus alldem wurden zwei Schlüsse gezogen: Die richtigen Entscheidungen zu treffen, beispielsweise gegen die Prokrastination und für die Erledigung anstehender Aufgaben, wird leichter, wenn wir uns darin üben. Und: Hat das Gehirn zu viel mit alltäglichen Entscheidungen zu tun, ist der Muskel ausgelastet und wir kriegen eine Art des kognitiven Muskelkaters. Alles fällt uns auf einmal schwer. Das könne sogar zum Burnout führen!

Umstrittene Studienlage

Dieses Modell der Ego-Depletion ist inzwischen allerdings umstritten. Diverse Experimente, teilweise mit über zweitausend Teilnehmern, konnten die Ergebnisse der Studie von 1998 nicht reproduzieren; auf der anderen Seite steht aber auch durchaus eine ganze Menge an Forschungsergebnissen, die für den Effekt sprechen. Was heißt das nun also? Insgesamt zeigt sich doch, dass der Effekt nicht stabil in Experimenten replizierbar ist, also nicht immer auftritt. Daraus folgt, dass die allgemeine Vorstellung einer generellen Ego-Depletion falsch sein könnte. Zumindest spielen wohl auch andere Faktoren eine Rolle.

Eine Studie geht sogar noch einen Schritt weiter. Sie legt nahe, dass der Glaube an das Konzept der Ego-Depletion an sich erst zu den darunter summierten Effekten führt:

Willenskraft ist kein Muskel

Der Glauben an eine unbegrenzte Willenskraft hat Studierende also erfolgreicher gemacht. Diese Beschreibung geht auf eine Studie von Veronika Job und Kollegen zurück, die 2013 veröffentlicht wurde. Das könnte erklären, warum das Konzept der Ego-Depletion unserer alltäglichen Erfahrung entspricht, auch wenn es experimentell nur bedingt belegt werden kann. Wer einen schweren Tag hatte, dem fällt es nicht leicht, abends noch etwas zu tun, was viel Willenskraft erfordert. Vielleicht geht es dabei aber nur um unsere Überzeugung, unseren psychologischen Zustand und nicht um die Willenskraft an sich. Wir glauben daran, dass es uns erschöpft, kognitive Aufgaben zu erledigen; wir glauben daran, dass es leichter wird, wenn wir uns etwas gönnen. Also erleben wir es genauso – und das könnte eigentlich eine emotionale Sache sein.

Manche Aspekte der Theorie der Ego-Depletion wurden vollständig widerlegt. Das Gehirn verbraucht nicht mehr Energie, wenn wir etwas geistig Herausforderndes tun, sondern konstant gleich viel; es ist kein Muskel. Selbst wenn man dem Modell der begrenzten Willenskraft erst einmal folgen wollte, finden sich außerdem Inkonsistenzen: Der Zucker aus einem Glas Limonade geht nicht schnell genug ins Blut über, um den in Studien gefundenen Effekt auf unsere Selbstkontrolle auszulösen. Dieses Argument führt Daniel Engber neben vielen weiteren dafür an, dass die Theorie der Ego-Depletion vielleicht nicht so ganz zutreffend ist. Die oben benannte Studie von Job und Kollegen zeigt außerdem, dass auch die Wirkung von Limo auf die Selbstkontrolle nur dann eintritt, wenn die Versuchspersonen an diesen Effekt glauben. Das alles spricht für das emotionale Modell der Willenskraft.

Emotionen, nicht Selbstkontrolle

Emotionen funktionieren anders als Muskeln. Natürlich können wir uns darin üben, eine bestimmte Perspektive gegenüber Ereignissen einzunehmen und unsere Emotionen zu kontrollieren. Und trotzdem weiß wohl jeder, dass das nur zu einem gewissen Grad funktioniert. Unsere Emotionen sind da, ob wir wollen oder nicht. Aus dieser Perspektive betrachtet könnte das, was als erschöpfte Willenskraft beschrieben wird, ein temporärer Mangel an Motivation sein, der einen konkreten Auslöser hat. Genauso, wie wir (normalerweise) nicht wütend werden, ohne dass dafür ein Grund vorliegt, verlieren wir auch unsere Motivation nicht so einfach. So beschreibt es Nir Eyal zumindest und gibt auch gleich ein Beispiel dafür, das wohl ebenfalls viele Menschen kennen: Wer sich für eine Aufgabe begeistern kann, bleibt dran und ist davon nicht erschöpft, auch wenn er viele Entscheidungen treffen muss.

Was bedeutet das also im Kontext all der schönen Tipps dafür, wie sich Willenskraft am besten aufrechterhalten lässt? Das Internet ist voll von verschiedenen Ansätzen, die allesamt zu erklären versuchen, wie wir mit unserer limitierten Selbstkontrollfähigkeit am besten umgehen sollten. Die gute Nachricht lautet: Nicht alles davon ist falsch! Die schlechte: Manches schon.

Keine Erschöpfung durch Entscheidungen

Je stärker diese Tipps an die Theorie des Gehirns als Muskel anknüpfen, desto fragwürdiger erscheinen sie im Licht der neusten Forschung. Manches ist wahr, allein aus einem Alltagsverständnis heraus: Was zur Gewohnheit wird, fällt uns leicht – hier stimmt die Metapher des Muskels. Aber mehr als eine Metapher ist es eben nicht. An anderer Stelle lohnt es sich hingegen, noch einmal neu über derartige Wahrheiten nachzudenken, wenn diese auf der Annahme aufbauen, dass zu viele Entscheidungen automatisch zu mentaler Erschöpfung führen. Wenn das Ego-Depletion-Modell falsch ist oder nur auf wenige Situationen zutrifft, muss man sich kaum Sorgen darum machen, dass Entscheidungen zu Erschöpfung führen.

Geht es hingegen eigentlich um Motivation, sollte man genau hinterfragen, warum eine Aufgabe schwer fällt, bevor man sich an die Lösung des Problems macht. Wer ständig auf Facebook abschweift, kann es natürlich mit der Pomodoro-Methode versuchen; die Unterteilung von Aufgaben in kleine Portionen, die innerhalb von 25 Minuten erledigt sind, kann dabei helfen, motiviert zu bleiben. Immerhin hat man so im Idealfall alle 25 Minuten ein Erfolgserlebnis! Auch für Aufgaben, für die man grundlegend wenig Motivation aufbringen kann, ist das hilfreich. Wer sein gesamtes Arbeitsleben so verbringt, könnte aber durchaus ein anderes Problem haben als die Menge der Entscheidungen im Alltag. Stimmt das Arbeitsklima? Sind die Aufgaben interessant genug? Ist man über- oder unterfordert? All diese Faktoren beeinflussen die Motivation.

Agile für mehr Motivation

Agile Methoden können dabei helfen, das Problem der eigentlich unbegrenzten Willenskraft, aber doch schwankenden Motivation zu lösen. Selbst gewählte Aufgaben, sichtbare Erfolge, schnelle Rückmeldungen: Das alles trägt dazu bei, Menschen zu motivieren. Speziell der Aspekt der eigenen Aufgabenwahl kann dabei helfen, die intrinsische Motivation zu erhöhen. Und das ist besser als jede Belohnung, die eine extrinsische Motivation darstellt. Das legen zumindest psychologische Studien nahe.

Auch das Arbeitsklima, das in agilen Teams besonders wichtig ist, kann dazu beitragen, Motivation zu erhalten. Angst kann natürlich auch zu einem gewissen Grad antreibend wirken; wer Angst davor hat, arbeitslos zu werden, wird einiges dafür tun, dies zu vermeiden. Allerdings geht es um mehr als das. Neue Dinge auszuprobieren, kreativ zu sein, entspannt zu arbeiten – das trägt dazu bei, Menschen dauerhaft motiviert zu halten, während sich Angst auch hemmend auf die Erledigung anstehender Aufgaben auswirken kann und das Treffen von Entscheidungen erschwert. Und das führt dann dazu, dass die Motivation sinkt. Darum ist das Klima der psychologischen Sicherheit in agilen Teams förderlich, um die Motivation der Mitarbeiter zu erhalten.

Was motiviert mich?

Die entscheidende Frage bei alldem ist immer die gleiche: Was motiviert mich, wie erhalte ich meine Motivation? Wer darauf eine Antwort findet, wird weniger Probleme mit der Anzahl der Entscheidungen im Alltag haben. Natürlich wird es auch dann diejenigen geben, die gerne immer die gleichen Kleidungsstücke tragen, weil sie sich darin wohlfühlen oder morgens nicht über ihr Outfit nachdenken müssen. Auch wenn das Gehirn kein Muskel ist, hat nämlich jeder Mensch andere Präferenzen im Alltag und findet eigene Wege, sich emotional gut zu fühlen und somit die optimale Voraussetzung für viel Motivation zu schaffen. Ob es Rituale sind oder erreichte Ziele: Darauf kommt es nicht an. Aber auch nicht so sehr um die Anzahl unserer Entscheidungen – es geht darum, sich gut zu fühlen und Motivation aus dem zu ziehen, was man tut.

Unsere Redaktion empfiehlt:

Relevante Beiträge

Meinungen zu diesem Beitrag

X
- Gib Deinen Standort ein -
- or -