Warum agile Methoden einfach keine gute Wahl sind

Der veraltete agile Überwachungsstaat
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Agile Methoden erfreuen sich großer Beliebtheit – und stehen gleichzeitig in der Kritik. Denn am Ende läuft das agile Arbeiten zumeist darauf hinaus, dass Mitarbeiter überwacht und längst überholte Prinzipien angewendet werden. Ein Überwachungsstaat aus dem Jahr 2001 hilft aber am Ende keinem. Er kann sogar großen Schaden anrichten!

Wer agil arbeitet, muss ständig Rechenschaft darüber ablegen, was er gerade tut. Jede Arbeitsstunde wird überwacht, auch kleinste Schwankungen der Leistungsfähigkeit erfasst. Hat ein Mitarbeiter mal eine schlechte Phase, sagen wir von ein oder zwei Wochen, lässt sich das nicht verbergen und kann sofort Konsequenzen haben. Ein gleichmäßig hohes Leistungsniveau des Teams ist nämlich eines der Kernkonzepte der agilen Arbeit und wehe dem, der mal nicht mithalten kann.

Unnötige Überwachung

Dabei ist es doch gar nicht nötig, jeden zu überwachen, um herauszufinden, wer nicht genug leistet! Das wissen Teams auch so – jeder weiß doch, welcher Kollege immer nur Pause macht. Eine solche Überwachung schafft insofern nur eine unangenehme Atmosphäre. Niemand möchte negativ auffallen, jeder hat Angst davor, es doch zu tun. Während einige Mitarbeiter dadurch motiviert werden, dass ihre Leistung ständig sichtbar ist, werden andere aus Angst abfallen.

Auch darüber hinaus sollte der Umstieg auf agile Methoden gut überlegt sein. Die kurzen Arbeitsphasen und ständigen Veränderungen an Aufgaben und Zielen haben nämlich auch ihre Nachteile. Immer wieder werden die Entwickler aus dem Arbeitsprozess gerissen, nie können sie wirklich in die Tiefe gehend an etwas arbeiten. Und zu komplexe Themen wie die Architektur gehören gar nicht mehr zu den Aufgaben des Entwicklerteams, weil sie sich nicht in zwei Wochen dauernde Abschnitte pressen lassen. Das macht gerade den guten Mitarbeitern keinen Spaß und löst auf Dauer doch nur Frust aus. So gehen Mitarbeiter verloren, die unter anderen Umständen dazu beigetragen hätten, das Projekt zum Erfolg zu führen.

Fehlende Karrierechancen

Aber welche Perspektive gibt es im Rahmen der agilen Arbeitsweise denn auch? Alle Entwickler stehen auf der gleichen Stufe; Möglichkeiten zum Aufstieg gibt es kaum. Innere Hierarchien, in denen Senior-Entwickler über Junior-Entwicklern stehen, sind einfach nicht vorgesehen. Karriere-Chancen? So etwas ist in der agilen Methodik nicht vorgesehen. Agile Methoden sind auf junge Entwickler ausgerichtet, die noch lernen müssen, selbstständig zu arbeiten. Erfahrene Mitarbeiter sind hier fehl am Platze.

Allerdings ist auch fraglich, wie denn überhaupt karriererelevante Skills erworben werden sollen. Wenn alle auf einer Ebene stehen und niemand langfristig an komplexen Aufgaben arbeitet, entwickeln sich Mitarbeiter nicht weiter. Es fehlt an Möglichkeiten, Projekte in die Hand zu nehmen und sich zu spezialisieren. Im engen agilen Korsett ist auch dafür kein Platz.

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Der tägliche Terror der agilen Meetings

Und dann gibt es ja noch die täglichen Meetings. Wer es geschafft hat, doch einmal durch die Stäbe des agilen Käfigs zu schlüpfen, kann immer noch nicht in Ruhe an seinen Aufgaben arbeiten. Immerhin müssen sich ja alle treffen, jeden Tag. Das ist so… 2001. Dieser Ansatz ist schlicht und ergreifend veraltet; er entstammt der Entstehungszeit des agilen Manifests im Jahr 2001, als es noch an guten Tools mangelte. Heute, mit Skype und Hangouts und Facebook und GitHub und all den anderen Optionen, Projekte bequem online zu verwalten und asynchron zu kommunizieren, sieht das ganz anders aus.

Wer das nicht so recht glauben möchte, möge sich die Open-Source-Szene ansehen. Dort ist es eher die Ausnahme, wenn sich bedeutende Teile der Mitarbeiter eines Projekts überhaupt jemals persönlich begegnet sind. Und trotzdem bringen diese Teams immer wieder großartige Software zustande. Das dürfte doch jeden davon überzeugen, dass der agile Grundsatz der täglichen persönlichen Treffen als Basis für gute Zusammenarbeit überholt ist.

Geschwindigkeit – an welchem Maßstab gemessen?

Ähnliches gilt auch für die schnelle Auslieferung von Software, die im agilen Manifest verankert ist. Was heißt schnell denn bitte heute? Täglich? Mehrfach pro Tag? Die Definition hat sich jedenfalls über die Jahre hinweg massiv verändert; ging es im Jahr 2001 noch um Wochen bis Monate, kann davon heute nicht mehr die Rede sein.

Insofern könnte man aber fast meinen, dass heute jedes Unternehmen in gewisser Weise agil ist. Immerhin liefern alle viel schneller aus, als noch im Jahr 2001. Allerdings geht das dann wohl doch am Sinn des agilen Manifests vorbei, wenn nun einfach jede Arbeitsweise für agil erklärt wird, weil sie ja zu schnellen Auslieferungen führt.

Ist Agile tot?

Natürlich kann man die agilen Prinzipien nun verbessern und aktualisieren, um einerseits den Grundsätzen, andererseits aber auch der modernen Realität zu entsprechen. Gerade Scrum als beliebte Methode bietet hier tolle Chancen. Und eine furchtbare Terminologie bringt es auch gleich mit. Ein Sprint hat doch wohl nichts mit einer langfristig konstanten Arbeit zu tun; er ist sogar schlicht und ergreifend das Gegenteil davon. Insofern ist das auch keine Lösung.

Vielleicht ist die agile Arbeitsweise einfach tot. Das glaubt jedenfalls einer der Autoren des agilen Manifests. Agil als Nomen zu verwenden ist für Dave Thomas bereits der erste Hinweis darauf, dass etwas mit der Art nicht stimmt, wie die Industrie mit dem Manifest umgegangen ist. Für ihn ist diese Benutzung des Worts ein Zeichen dafür, dass die Idee des agilen Arbeitens zum Marketing-Buzzword geworden ist – und sich damit zu weit von ihren Wurzeln entfernt hat.

“Do Agile Right” is like saying “Do Orange Right.”
Dave Thomas

Denn im Kern geht es im agilen Manifest nicht darum, alles straff durchzuorganisieren und Mitarbeiter bestmöglich zu kontrollieren. Im Kern steht eigentlich nur die Idee, dass große Projekte Schritt für Schritt angegangen werden und das eigene Vorgehen immer wieder an die aktuelle Situation angepasst wird. Wenn daraus allerdings eine Art Überwachungsstaat ohne Karriereleiter wird, läuft irgendetwas schief. Und das ist wohl viel zu oft der Fall.

Aufmacherbild: Laptop computer being watched in the office von Shutterstock / Aufmacherbild: Brian A Jackson

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