Teil 1: Vier Gründe, warum agile Teams nicht schnell arbeiten

Warum ist mein agiles Team langsam?
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Wer auf Scrum, Kanban oder XP umstellt, erwartet sich davon zumeist nicht nur eine verbesserte Softwarequalität, sondern auch, dass Team schneller Ergebnisse liefern. Die Entwicklungsgeschwindigkeit soll hoch sein und konstant bleiben; im Vergleich zur vorherigen Arbeitsweise sogar deutlich ansteigen. Das gelingt allerdings nicht immer. Manchmal werden Teams sogar eher langsamer durch die Umstellung auf Agile. Das kann so viele verschiedene Gründe haben, dass wir euch heute die ersten vier präsentieren und in Teil 2 noch einige weitere vorstellen.

Die erste Frage ist wohl, von welcher Geschwindigkeit eigentlich die Rede ist, wenn es darum geht, dass Agile „schnell“ ist. Zweifellos hat Agile das Potenzial, schneller Produkte hervorzubringen, die dem Kunden präsentiert werden können oder sogar mit einem begrenzten Funktionsumfang produktionsreif sind. Das bedeutet aber nicht automatisch, dass das Team an sich schneller arbeitet – es geht nur anders vor, sodass schneller Ergebnisse sichtbar werden.

1. Veränderungen: Pro und Kontra

Andererseits ist aber auch leicht zu erkennen, auf welche Weise eine agile Projektorganisation Zeit einsparen kann. Wer dem Kunden alle zwei Wochen ein Zwischenergebnis präsentiert, muss am fertigen Produkt keine großen Änderungen mehr vornehmen. Kleine Anpassungen, die frühzeitig umgesetzt werden, brauchen meist weniger Zeit als große Veränderungen. Zumindest ist das die Theorie.

Der gleiche Faktor kann aber in der Praxis auch dazu führen, dass die Geschwindigkeit eines Teams immer weiter absinkt. Manche Kunden ändern einfach ständig ihre Meinung und wollen etwas ganz anderes haben als noch in der Woche zuvor, sodass alle fertigen Produktfeatures noch einmal überarbeitet werden müssen. Oder ein Kunde hält jede neue Idee für besonders wichtig, sodass sie vor allem anderen umgesetzt werden muss. Das hat natürlich Auswirkungen auf die Arbeitsgeschwindigkeit eines Teams.

So geht’s besser

Sich ändernde Anforderungen sind ein Kernaspekt der agilen Arbeitsweise. Es gehört einfach dazu, dass das Produkt am Ende ganz anders aussieht als zu Beginn geplant. Um gleichzeitig das Backlog im Blick zu behalten und neue Anforderungen auf die richtige Weise ins Projekt einzufügen, braucht es einen guten Scrum Master mit Erfahrung und der richtigen Ausbildung. Dieser koordiniert dann neu hinzukommende und alte Wünsche so, dass das Team möglichst ungestört arbeiten kann.

Auch eine grundsätzliche Entscheidung darüber, wann neue Anforderungen umgesetzt werden, kann hier helfen. Manche Teams implementieren neue Kundenwünsche in laufende Sprints, andere halten sich an den Grundgedanken des beliebten Frameworks Scrum, dass Sprints unverändert beendet werden. Beide Vorgehensweisen haben ihre Vor- und Nachteile und sind am Ende ein Thema, über das auf Teamebene entschieden werden sollte.

2. Der Planungsumfang

Agiles Arbeiten bedeutet aber grundsätzlich auch, dass nur wenig im Voraus geplant wird, was das Einbauen geänderter Wünsche vereinfacht. Der übernächste Sprint ist schon kaum mehr von Interesse, der danach gar nicht mehr. Das ist natürlich ein wenig übertrieben, aber am Ende doch nicht allzu weit entfernt von der Realität agiler Teams. Zwar existiert eine Produkt-Vision, die aber im Rahmen der vorgenannten Veränderungen auch immer wieder angepasst wird. Dadurch fehlt Teammitgliedern in manchen Situationen der Weitblick. So entstehen Roadblocks – wer unsicher ist, kann keine schnellen, guten Entscheidungen treffen.

So geht’s besser

Hier geht es darum, ein Gleichgewicht zwischen Planung und Flexibilität zu finden. Wer zu viele Sprints im Voraus plant, wird viel Zeit damit verbringen, seine Pläne wieder zu verändern. Wer zu wenig im Voraus plant, wird aber auch immer wieder auf Probleme stoßen. Am Ende kommt es auch auf den jeweiligen Projektbereich an. So müssen grundsätzliche Entscheidungen über das User Interface früh getroffen werden, während die Frage nach einem einzelnen Feature mehr Zeit hat.

Dabei kann es sich lohnen, für konkrete, übergreifende Aufgaben bereits frühzeitig Experten hinzuzuziehen. Während der Product Discovery oder eines Sprint Zero können so Leitfäden entwickelt werden, an denen sich das Team dann orientiert. Werden die Ideen dabei abstrakt und auf Ebene von Bedürfnissen statt konkreten Vorstellungen festgehalten, werden sie auch viele Veränderungen überstehen.

3. Vernetzung und Koordination

Zusammenarbeit mit anderen Fachrichtungen ist also wichtig, aber doch auch nicht in jedem Fall eine gute Idee. Wenn ein Team sich jede Woche drei neue Kundenwünsche anhören muss, über die das letzte Wort noch nicht gesprochen ist, sorgt auch das für Unsicherheit. Genau so ist es mit der Kommunikation mit Stakeholdern, wenn deren Ideen ungefiltert in die einzelnen Teams fließen. Auf der anderen Seite schadet es aber auch, wenn ein Team zu spät von neuen Ideen und Ausrichtungen erfährt.

So geht’s besser

Ein guter Projektleiter ist der Gatekeeper für sein Team. Relevante Informationen müssen allen Beteiligten immer zur Verfügung stehen, Unklarheiten dürfen aber nicht einfach so jedem Entwickler bekannt sein. Das Team muss sich darauf verlassen können, dass der Projektmanager ihm alle relevanten Informationen gibt und sich um alles kümmert, was außerhalb der Code-Ebene liegt.

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Um zu verstehen, wohin sich das Produkt insgesamt entwickeln soll, sollten außerdem regelmäßige Meetings mit Vertretern aller beteiligten Interessensgebiete stattfinden. Auch eine Art teamübergreifendes Pair Programming kann durchaus Sinn machen, wenn es um komplexe Fragestellungen geht. So sind dann Entwickler und Designer an allen Entscheidungen über die grafische Benutzeroberfläche beteiligt, wodurch sich unnötige spätere Konflikte zwischen den Abteilungen vermeiden lassen.

4. Teamwork

Wenn aber die Kommunikation schon innerhalb des Teams nicht gut funktioniert, kann das agile Arbeiten einfach nicht gelingen. Wer seine Kollegen kaum kennt, arbeitet nicht gut mit ihnen zusammen. Und wenn ständig Mitglieder hinzukommen oder gehen, entsteht keine Gemeinschaft, in der sich der Einzelne traut, offen über seine Ideen zu sprechen. Dann muss das Team immer wieder Zeit ins Kennenlernen investieren.

So geht’s besser

Teambildende Maßnahmen können dazu beitragen, dass agile Teams schneller werden. Gerade für die typischen Meetings finden sich dazu ganze Sammlungen von Ideen und Vorschlägen im Netz. So können beispielsweise kleine Spiele in die Routine eingefügt werden, um dem Team eine stabile Basis zu geben. Nur wer sich kennt und weiß, wo die Stärken des anderen liegen, wird gut zusammenarbeiten können.

Wird ein Team größer als ursprünglich vorgesehen, kann darüber nachgedacht werden, Sub-Teams zu bilden, die jeweils einen ganz bestimmten Aufgabenbereich haben. Bei 20 oder mehr Teammitgliedern wird es nämlich schwer, die ständige Kommunikation aller Teammitglieder aufrecht zu erhalten. Darüber hinaus können verschiedene Tools wie Messenger-Systeme zum Einsatz kommen, um den Austausch zu vereinfachen.

Daneben spielt auch die Arbeitsumgebung für die Frage eine Rolle, wie gut ein Team zusammenarbeitet. Gemütliche Sitzecken können die Begeisterung für den ständigen Austausch erhöhen; ein ständig verfügbarer Besprechungsraum hilft dabei, konsequent in der Umsetzung der regelmäßigen Meetings zu sein.

Viele Wege führen nach Rom

Die Geschwindigkeit agiler Teams ist aber natürlich auch jenseits aller Störfaktoren unterschiedlich hoch. Wer an einem komplexen Feature arbeitet, braucht mehr Zeit als jemand mit einer einfacheren Aufgabe; auch ist Agile kein Wundermittel. Trotzdem kann die Geschwindigkeit eines Teams oft mit einfachen Mitteln erhöht werden. Teil 2 des Artikels gibt weitere Hinweise darauf, wo Projektleiter und Teammitglieder ansetzen können, um die Arbeitsgeschwindigkeit des Teams zu erhöhen.

Lesen Sie jetzt Teil 2 von „Warum ist mein agiles Team langsam?“

 

Aufmacherbild: Modern hourglass sits on poolside via Shutterstock / Urheberrecht: Min Chiu

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