Vier Gründe, warum agile Teams nicht schnell arbeiten

Warum ist mein agiles Team langsam? [Teil 2]
Kommentare

Agiles Arbeiten soll zu schnellen Ergebnissen führen; manchmal werden Teams durch die neue Methodik aber sogar langsamer. Das kann viele Ursachen haben, vier davon haben wir im ersten Teil bereits vorgestellt. Aber auch die Ausbildung der Mitarbeiter spielt eine Rolle, genau wie der Umgang mit Bugs oder die Unternehmenskultur!

Hier sind nun die nächsten vier Gründe dafür, dass agiles Arbeiten nicht immer ganz einfach ist. Nicht jedes Projekt scheitert gleich daran, wenn es an einer Stelle nicht so recht läuft und viele Teams benötigen etwas Zeit, bis sie so richtig gut agil arbeiten können. Oft wurde in die Umstellung auf agile Methoden aber auch viel Geld investiert, sodass der Chef erwartet, dass nun eine sichtbare Verbesserung eintritt. Insofern lohnt es sich, einmal genauer zu betrachten, warum die Geschwindigkeit hinter den Erwartungen zurück bleibt.

5. Die Ausbildung

Wie gut wissen die Teammitglieder eigentlich, was genau sie sich unter Agile vorstellen müssen? Häufig bekommen diese nur eine kurze Schulung im agilen Arbeiten, sodass sie danach zwar eine Grundidee davon haben, was agil ist, aber immer noch sehr unsicher sind. In einem System, das auf der Idee der selbstorganisierenden Teams basiert, ist das natürlich toxisch für die Arbeitsgeschwindigkeit eines Teams. Trotzdem wird Agile viel zu oft wortgetreu nach einer Anleitung praktiziert und nicht individuell variiert.

So geht’s besser

Der optimale Einstieg ins das agile Arbeiten ist das Training on the Job. Dazu kann ein Scrum Trainer engagiert werden, der die Umstellungsphase begleitet und jederzeit als Ansprechpartner zur Verfügung steht. Langfristig können bereits im agilen Arbeiten erfahrene Teams herangezogen werden, um weitere Teams durch die Umstellungsphase zu begleiten.

6. Die Unternehmensstruktur

Auch wenn das Unternehmen an sich nicht auf agile Arbeitsweisen ausgelegt ist, sinkt die Geschwindigkeit des Teams. Wird Druck auf das Team ausgeübt, weiterhin an bestimmten Methoden aus dem Wasserfall festzuhalten, kann es sich nicht entfalten. Darf es nicht offen mit den Vorgesetzten kommunizieren, kann es keine eigenen Entscheidungen treffen. Werden Entscheidungen gleich von oben herab getroffen, funktioniert die gesamte agile Arbeitsweise nicht.

So geht’s besser

Die Führungsebene eines Unternehmens braucht ebenfalls eine gute Schulung, um die neuen Strukturen wirklich zu verstehen. Die Angst vor dem Kontrollverlust muss vermindert, Ansätze des Mikromanagements müssen im Keim erstickt werden. Das gelingt häufig, indem die Führungsebene ebenfalls eine neue Methodik an die Hand bekommt und beispielsweise mit Ansätzen aus dem Lean Management arbeiten kann, wenn Agile eingeführt wird.

Lesen Sie auch Teil 1: Vier Gründe, warum agile Teams nicht schnell arbeiten

7. Bug-Management

Agiles Arbeiten ist auf eine hohe Softwarequalität ausgelegt. Darum gehören enge Testzyklen zu den Grundkonzepten der Arbeitsweise. Trotzdem ist Code nie fehlerfrei und ein Test ist noch kein Bugfix. Wer um Fehler weiß, kann sie dennoch einfach auf einen Backlog setzen, weil gerade einfach so viel anderes anliegt. Und dann ist die Sammlung der Probleme plötzlich so groß, dass der Entwicklungsfortschritt zum Stillstand kommt, um endlich mal alle Fehler auszumerzen. Oder es tritt ein großes Problem auf und schon geht gar nichts mehr vorwärts, weil sich alle auf die Lösung konzentrieren müssen.

So geht’s besser

Lange Bug-Backlogs sollten von Anfang an vermieden werden. Wer immer einen gewissen Prozentsatz der Arbeitszeit eines Teams zur Aufarbeitung von Bugs einplant, ist dadurch zwar vielleicht nicht ganz so schnell, spart aber nach hinten heraus doch Zeit. Bugs verschwinden ja nicht einfach von selbst wieder! Am Ende ist der Kunde mit einem fehlerhaften Produkt auch nicht zufrieden.

Stellen Sie Ihre Fragen zu diesen oder anderen Themen unseren entwickler.de-Lesern oder beantworten Sie Fragen der anderen Leser.

Um großen Problemen zu begegnen, kann ein Teil des Teams zur Bug-Feuerwehr ernannt werden. Wird ein massiver Bug entdeckt, widmen sich diese Mitarbeiter ausschließlich dem Problem, während alle anderen (so weit wie möglich) weiterhin ihren eigentlichen Aufgaben nachgehen können. Dadurch sinkt die Entwicklungsgeschwindigkeit nicht ganz so weit ab.

8. Motivation

Manche Mitarbeiter wollen einfach nicht agil arbeiten. Manchmal haben erfahrene Entwickler den Eindruck, dass sie durch das agile Arbeiten plötzlich auf einer Ebene mit den Anfängern stehen oder an Einfluss verlieren. Unter Umständen könnte auch die Idee aufkommen, dass die kurzen Iterationen keine Entwicklungsmöglichkeiten mehr bereithalten. Das ist natürlich keine gute Ausgangslage um Mitarbeiter für die neue Methode zu gewinnen.

So geht’s besser

Wichtig ist, dass erfahrenen Mitarbeiter im Zuge der Umstellung auf das agile Arbeiten eine attraktive Position angeboten wird. So könnten sie, je nach Qualifikation, eine bestimmte Rolle wie die des Product Owners einnehmen oder einem Team mit besonders komplexen Aufgaben zugewiesen werden. Zu viele Veränderungen an der Teamzusammensetzung sind zwar keine gute Idee; wenn Mitarbeiter aber doch eher negativ von einer Umstellung betroffen wären, kann es Sinn machen, sie zu versetzen. Gleiches gilt für notorische Nörgler, die der Methode beim besten Willen nichts abgewinnen können. Andererseits können aber viele Mitarbeiter auch durch eine gute Schulung für das neue Vorgehen gewonnen werden, weil sie verstehen, wie viele Freiheiten sie danach haben werden.

Was ist Velocity überhaupt?

Die Arbeitsgeschwindigkeit eines agilen Teams hängt also von vielen Faktoren ab. Gemessen wird sie häufig daran, ob die Velocity gleichbleibend hoch ist. Dabei handelt es sich um eine Maßeinheit, die vor allem betrachtet, wie viele Feature-Punkte pro Sprint abgearbeitet wurden. Welche Störfaktoren eine Rolle gespielt haben, wird nicht erfasst. Insofern kann die Velocity eines Teams zwar gut verwendet werden, um Sprints zu planen; als Bewertungsgrundlage eignet sie sich hingegen eher nicht. Aus den gleichen Gründen ist auch das Messen anhand der Fertigstellung bestimmter Funktionen zu gewissen Terminen schwierig. Natürlich muss ein Team seine Deadlines einhalten – wenn der Kunde in der Zeit aber mehrfach neue Ideen einbringt, müssen auch die Termine verschoben werden.

Die hohe Flexiblität macht es schwierig, eine genaue Aussage darüber zu treffen, ob Agile zu einer höheren Arbeitsgecshwindigkeit führt. Zu Beginn der Umstellung auf agile Methoden sollte allerdings niemand mit einem hohen Tempo rechnen – so lange das Team seine eigene Arbeitsweise nicht gefunden und verinnerlicht hat, kann es nicht schneller sein, als zuvor. Danach können agile Methoden aber durchaus dabei helfen, Arbeitsabläufe zu optimieren und somit zu einem höheren Tempo führen. Es ist jedoch sinnvoll, neben der reinen Geschwindigkeit auch immer die Qualität der entwickelten Software zu betrachten. Wird diese bei gleichbleibendem Zeitaufwand besser, spricht das ja auch durchaus für einen Erfolg der neuen Methode.

Lesen Sie auch Teil 1: Vier Gründe, warum agile Teams nicht schnell arbeiten

Aufmacherbild: Businessman riding turtle via Shutterstock / Urheberrecht: BsWei

Unsere Redaktion empfiehlt:

Relevante Beiträge

Meinungen zu diesem Beitrag

X
- Gib Deinen Standort ein -
- or -