Alte Hasen und junges Gemüse: Die Altersstruktur der Softwarebranche
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Robert C. Martin, mit 61 Jahren selbst ein Veteran des Programmierergewerbes, beschäftigt sich auf seinem Blog mit der Altersstruktur der Softwarebranche und...

Robert C. Martin, mit 61 Jahren selbst ein Veteran des Programmierergewerbes, beschäftigt sich auf seinem Blog mit der Altersstruktur der Softwarebranche und den sich daraus ergebenden Problemen. Die Grundlage seiner Überlegungen bildet ein Blogpost von Peter Knego, der knapp 37.400 Profile auf Stackoverflow analysiert hat.

Wenig überraschend das Ergebnis: Je älter die Programmierer, desto größer ihre Erfahrung und ihr Wissen. Dabei handelt es sich jedoch nicht um veraltetes Wissen: Ältere Programmierer beantworten auf Stackoverflow deutlich mehr Fragen als ihre jüngeren Kollegen; gleichzeitig stellen sie auch weniger Fragen als diese.

Man könnte die Ergebnisse auch folgendermaßen deuten: Die älteren Programmierer können nicht nur deshalb mehr Fragen beantworten, weil sie über mehr Wissen und Erfahrung verfügen, sie haben aufgrund dieses Wissens und dieser Erfahrung auch genug Zeit dafür; sie lösen anstehende Probleme ruhiger, systematischer, gleichzeitig schneller und mit weniger Code.

Die Altersstruktur der Softwarebranche …

Doch wo sind die ganzen älteren Programmierer, die Generation 50+? Ausgebrannt und Ausgeschieden? Aufgestiegen ins Management? Die Antwort ist einfach: In den 1970er- und 1980er-Jahren gab es sowohl im Verhältnis wie in totalen Zahlen einfach nicht so viele Programmierer wie heute. Tatsächlich wächst deren Anzahl jedes Jahr um einen beträchtlichen Faktor. So schätzt Martin auf Grundlage einer Studie des IDC, dass es weltweit zur Zeit ca. 22 Millionen Programmierer gibt was, ca. 0,3 % der Gesamtbevölkerung entspricht. Im Jahr 1974 gab es weltweit schätzungsweise ca. 100.000 Programmierer, was gerade einmal 0,0025 % der Gesamtbevölkerung entsprach. In den vergangenen 40 Jahren hat sich die Zahl der Programmierer also um den Faktor 220 erhöht. Die jährliche Wachstumsrate beträgt damit 14,5%, d.h. alle 5 Jahre verdoppelt sich die Anzahl der Programmierer. Zum Vergleich: Nach aktuellen Prognosen verdoppelt sich die Weltbevölkerung insgesamt nur alle 61 Jahre!

Daraus ergibt sich, dass nur ein Bruchteil der Programmierer älter als 40 Jahre ist; nur 0,5 % der Programmierer ist älter als 60 Jahre; die Hälfte aller Programmierer ist unter 30, davon sind wiederum die meisten unter 28 Jahre, und diese verfügen über weniger als 6 Jahre Berufserfahrung.

… ihre Folgen …

Was sind die Folgen dieser demographischen Struktur? Die Antwort ist wiederum recht einfach: Bei gleichbleibenden, exponentiellen Wachstumszahlen wird sich das Missverhältnis zwischen jungen, wenig erfahrenen und älteren, erfahrenen Programmierern immer weiter verschlimmern.

Es wird immer weniger Lehrer und Vorbilder geben; viele Teams müssen in Zukunft potenziell ohne erfahrene Leitung und Supervision auskommen und Erfahrungsmäßig auf der Stelle treten. Oder, wie Martin es umschreibt: die gesamte Softwareindustrie wird sich in einem Stadium der permanenten Unreife befinden.

… und was man dagegen tun sollte

Seine Forderung an alle Programmierer ab 40 lautet deshalb, so oft wie möglich die Rolle des Lehrers und Mentors zu übernehmen; die jüngeren Programmierer unter ihre Fittiche zu nehmen. Anstatt alleine sollten sie immer im Paar mit einem jüngeren Programmierer arbeiten; weniger Aufgaben selber erledigen, sondern anderen bei deren Aufgaben helfen. Anstatt ins Management abzuwandern sollten sie Teams leiten – was natürlich eine höhere Bezahlung dieser Posten notwendig machen würde.

Was aufgrund des zu erwartenden Mehrwerts auch gerechtfertigt wäre: Ein erfahrener Programmierer kann, ähnlich einem Fußballtrainer, einem Team die nötige Ruhe, Disziplin und Arbeitsmoral nahebringen und gleichzeitig dafür sorgen, dass seine Schützlinge sich nicht über die Maßen verausgaben, sondern wenn nötig auch einmal schonen. Netter Nebeneffekt: Auf diesem Weg wird der Grundstock für die nächste Generation von Lehrern/Mentoren gelegt. Das ideale Verhältnis von jung zu alt sieht Martin dabei bei 5:1, aufgrund der demographischen Gegebenheiten ist das Verhältnis jedoch eher 16:1. Eingedenk der genannten Vorteile durch die Mitarbeit erfahrener Programmierer empfiehlt er allerdings – insbesondere Startups – sich diesem Verhältnis so weit wie möglich anzunähern.  Aufmacherbild:

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