Gefahr für Softwarearchitekten: Was bleibt von einer Idealarchitektur am Ende übrig?

Angriff der Archi-Termiten
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Termiten sind recht unangenehme Zeitgenossen. Wenn sie mal ein Bauwerk mit einem adäquaten Holzanteil ins Visier genommen haben und man hat dem nicht rechtzeitig vorbeugen oder zumindest nicht rechtzeitig darauf reagieren können, so kann es sein, dass das Gebäude kaum noch zu retten ist – sie fressen es quasi von innen auf. Übel, nicht wahr?

Doch haben Sie schon von der Gattung der Archi-Termiten gehört? Diese besonders gefährlichen und unscheinbaren Tierchen verlagern ihr Unwesen weit nach vorne, auf die Phase vor der Entstehung des Bauwerks. Ihre Vorgehensweise ist der der normalen Termiten sehr ähnlich, doch fressen sie nicht das Holz, sondern die Entwürfe und Ideen von innen auf und gefährden somit den gesamten Bau als solchen. Lernen Sie sie doch kennen – hier, in dieser kurzen Geschichte. Vielleicht haben Sie die eine oder andere von ihnen schon gesehen …

Pleased to meet you

So, die Arbeit wäre getan. Der Architekt lehnt sich zufrieden zurück. Wochen harter geistiger Anstrengung liegen nun hinter ihm. Unzählige Interviews mit dem Kunden und den Stakeholdern, unzählige Fragen und Abstimmungen, zahlreiche Versuche, die recht planlos und chaotisch wirkenden Wünsche in eine gewisse Harmonie zu bringen und in dem ganzen Nebel noch so weit nach vorne zu schauen, dass man erkennen kann, was für übermorgen gefordert ist. Der Architekt ist der Meinung, jetzt ist der Entwurf, der gerade auf dem Reißbrett ausgebreitet liegt, reif für den ersten Feldversuch, mit dem man dann schrittweise starten könnte.
Der Architekt schlürft leicht verträumt an seinem Kaffee und merkt nicht, wie ein klitzekleines Tierchen – ein Aufklärer – unter den Entwurf flitzt und in der Mitte stehen bleibt. Es sieht sich um und riecht ganz offensichtlich an der noch frischen Tinte. Das ist übrigens eine Archi-Termite. Und da, wo eine ist, da kommen bald ganz viele nach. Wovon unser Architekt im Moment noch keine Ahnung hat. Aber bald.
Dem Tierchen gefällt ganz offensichtlich, was es sieht. Es knabbert nochmal kurz am Papier und gerät in Rage. Es flitzt ganz geschwind weg vom Reißbrett und verschwindet für eine kurze Weile aus der Handlung, bis es im Büro dunkel wird und der Architekt nach Hause geht. Zuvor sieht er sich sein Werk noch einmal an und überlegt sich voller Wonne, wie er am nächsten Morgen mit dem tollen motivierten Team, das man ihm zur Seite gestellt hat, den Bau anpacken würde. Eine tolle Geschichte, eine ganz interessante Aufgabe, eine wunderbare Architektur, und ganz viel zu lernen, dabei gar nicht überladen – einfach optimal. Ideal, würde man sagen. Passend.

Die Botschaft höre ich wohl

Der nächste Morgen. Voller Tatendrang kommt der Architekt ins Büro. Ein verspieltes Lächeln auf den Lippen, kindische Funken in den Augen. Er will loslegen. Er geht zum Reißbrett und… Was ist denn das? Was er sieht, haut ihn buchstäblich aus den Socken: Sein Entwurf ist zwar immer noch da, einige Stücke davon wurden jedoch ganz offensichtlich irgendwie herausgefressen. Hier fehlt eine Teilkonstruktion, da ein Teilmechanismus. Es sieht noch nach der ursprünglichen Idee aus, aber diverse interessante Momente fehlen eben, und man kann klar und deutlich erkennen, dass das Papier nicht wahllos gefressen, sondern ganz spezielle Teile der Skizze mit Bissen entfernt wurde.
Der Architekt ist empört. Was soll denn das? Natürlich hat er keine Sicherheitskopie. Wer rechnet denn mit so was? Aber vor allem ist es die schiere Machtlosigkeit, die ihn in diesem Augenblick so wütend macht. Er sieht sich nach Hinweisen um – vielleicht haben die Täter irgendeine Spur hinterlassen, irgendetwas, woran man erkennen kann, wer es war und vor allem, warum sie es getan haben. Und diese Hinweise muss er nicht lange suchen. In einer Ecke des Zimmers bemerkt der Architekt viele Büroklammern, die auf den ersten Blick wahllos herumliegen. Doch beim näheren Hinsehen erkennt er eine Gesetzmäßigkeit, und beim noch näheren Hinsehen eine Botschaft. Die Büroklammern bilden ganz eindeutig einen Satz, und dieser sagt: „Mach’ das weg! Begründung: zu viele Linien. Es ließ sich an diesen Stellen nicht schnell genug fressen. Archi-Termiten“
Der Architekt lässt sich in seinen Stuhl sinken. Wer zum Teufel sind die Archi-Termiten? Wieso fressen sie seinen Entwurf? Was genau hat die Fressgeschwindigkeit mit dem künftigen Bauwerk zu tun? Er ist entsetzt und geschockt zugleich. So etwas hat er noch nie erlebt. Er ist nachdenklich. Was tun? Was er gelernt hat, ist die eiserne Selbstmotivation. Architekten werden mit der Zeit zu Zynikern, und um noch immer Spaß an der Arbeit zu haben, müssen Sie sich stets selbst motivieren. Aus dem Nichts. Mit nichts. Selbstmotivation eben. Wie Selbstentzündung.
Und unser Architekt denkt sich also, was soll’s? Schauen wir uns doch an, was diese Archi-Termiten weggefressen haben, und ob man ohne diese Stückchen leben kann. Aha, ok, diese Teile waren schon interessant und an sich notwendig, aber man kann sie so und so ersetzen. Prompt klebt der Architekt besonders leichte und dünne Papierfetzen unter die Löcher und zeichnet sehr einfache Alternativen ein, in der Hoffnung, dass er richtig versteht, wie die Archi-Termiten gerne fressen wollen. Er hält das Ganze absichtlich sehr einfach, sodass auch das kleinste und zarteste Archi-Termiten-Baby den Entwurf komfortabel genug verschlingen kann.
Nach mehreren Stunden Arbeit ist der Ersatzentwurf fertig, von dem der Architekt überzeugt ist, dass er diese bösen Tierchen beruhigt. Der Architekt pfeift sogar wieder ein Lied, und es ist zwar nicht mehr die ursprüngliche Motivation, die er hatte, aber trotzdem kein Grund für Trübsal. Er sieht sich um, aber keine Spur von den Archi-Termiten – es war klar, dass sie zu feige sind, um sich zu zeigen, oder er unterschätzt sie, und sie beschnuppern ihn im Moment nur, um zum entscheidenden Schlag auszuholen. Wer weiß. Der Architekt trinkt noch ein Glas Wein, aber keiner kommt, um sich an seinem Entwurf zu vergehen… Verzeihung, zu erfreuen. Schließlich macht er das Licht aus und geht nach Hause. Vielleicht war es das schon.

Hügel oder Haufen?

Und wieder ein Morgen. Wie in jedem Projekt, bekommt auch diesmal der Architekt Alpträume. Nur kommen sie diesmal komischerweise recht früh – noch bevor überhaupt richtig losgegangen ist. Und er träumte von unsichtbaren Wesen, die an ihm selbst knabberten und ihn schließlich verschlangen. Scheußlich. Erschreckend.
Unausgeschlafen kommt der Architekt ins Büro. Und das Erste, was er sich ansieht, ist sein Entwurf auf dem Reißbrett. Und ein mittelgroßer Kothaufen, der einen bestimmten Bereich des Entwurfs verdeckt. Keinen zufälligen Bereich, sondern den ganzen Stolz des Architekten, quasi das Herzstück des Entwurfs. Den zentralen, innovativen Mechanismus, um den sich das ganze Gebilde dreht. Das wirklich Fortschrittliche, das Neue, was mit etwas Lernaufwand allen etwas bringen würde.
Da liegt jetzt ein Kothaufen drauf. Und der ist total vertrocknet. Mit einem Lineal versucht der Architekt, den Haufen von der Stelle zu bewegen – vergeblich, denn der klebt fest am Papier. Und das wirklich Erstaunliche ist nicht der Haufen selbst, sondern die Botschaft, die mit kleinen Linien in den trockenen Haufen hinein gedrückt ist, als ob das viele kleine Füße auf der noch frischen Masse gemacht hätten. Die Botschaft lautet: „Gefällt uns nicht! Begründung: falscher Tintendruck. Der Kot haftet kaum. Archi-Termiten“

Wow. Das ist nun wirklich der Hammer. Der Architekt ist nicht mehr wütend wie beim ersten Mal. Er ist einfach sprachlos. Die erste Kontaktaufnahme hat er insgeheim noch für einen Scherz gehalten, doch das hier übersteigt seine Vorstellungskraft. Wo ist er denn gelandet? Im Kindergarten? Soll er vielleicht beim oberen Management nachfragen, was da los ist? Aber aus bitterer Erfahrung der vergangenen Projekte weiß er, dass das zum einen zu nichts führen würde, und zum anderen vor allem ihn selbst den Kopf kosten kann. Denn von ihm wird erwartet, dass er mit einem Kindergarten fertig wird. Egal, welcher Art dieser Kindergarten ist. Er ist dafür da, aus dem Kindergarten ein solides Haus zu machen. Oder so ähnlich. Zumindest denkt sein Management so: Ich habe hier einen, der löst das schon. Ohne Jammern. Fürs Jammern ist er zu teuer.
Also, das Management gleich vergessen – ist generell keine passende Stütze bei Konflikten innerhalb des Projekts. Selbst lösen? Aber wie, wenn sich die feigen Viecher erst gar nicht zeigen wollen? Selbst zu ähnlichen Kommunikationsmethoden greifen und adäquat markante Botschaften hinterlassen? Die werden bloß lachen. Nein, so nicht.
Sich in den… Ellenbogen beißen und den Entwurf wieder anpassen. Das muss wohl die Lösung sein. Also, nimmt der Architekt ein Messer in die Hand und schneidet um den Kothaufen herum das Stück heraus. Mann, ist das Loch riesig. Sämtliche Anbindungsstellen müssen ebenfalls dran glauben. Na ja, sei’s drum. Und wieder wird ein Stück leicht verdaulichen Papiers unter das große Loch geklebt und anstelle der innovativen modernen Errungenschaft eine recht farblose, jedoch auch funktionierende und den Archi-Termiten sicherlich besser „schmeckende“ Krücke eingezeichnet, diesmal mit dicken Stiften und nur ganz wenigen symmetrisch geordneten tiefen Linien, damit die besagte klebrige Masse in Zukunft möglichst daran haften bleibt.
Sind die denn diesmal zufrieden? Langsam geht dem Architekten die Geduld aus – irgendwann müsste man mit der Umsetzung anfangen, und der Entwurf gleicht inzwischen dem Kunstwerk eines Zweijährigen. Der Architekt ist diesem Abend ohne sein übliches Glas Wein nach Hause gegangen, tief versunken in seinen unerfreulichen Gedanken. Da reicht nicht mehr ein Glas – da muss eine ganze Flasche her. Die Archi-Termiten schafften ihn langsam.

Mama, ich will auch!

Umso schlimmer ist seine Stimmung am nächsten Morgen. Er hat Sodbrennen, will nichts essen, hat einen irren Blick, der mit Sicherheit auf andauernde Schlaflosigkeit zurückzuführen ist, und ist äußerst mies gelaunt. Archi-Termiten, Archi-Termiten… Das ist der einzige Gedanke, der ihm durch den Kopf geht. Denn er weiß, dass sie noch lange nicht fertig sind. Mit ihm und seinem Entwurf. Zu zahlreich sind die noch unberührten Stellen. Zu einfach sieht es bislang aus… Und siehe da – tatsächlich. Er traut sich kaum in sein Büro. Aber er muss. Jahre des geübten Masochismus zwingen ihn dazu, sich in Richtung des Ziels zu bewegen. Er sieht verstohlen ins Büro und auf das Reißbrett. Äußerlich keine sehr große, auffallende Veränderungen. Nur sieht die Zeichnung irgendwie blass aus. Er nähert sich ganz vorsichtig dem Meisterwerk, kaum atmend. Ja, was ist denn das?
Die ganze Zeichnung ist nun mit Salz überstreut. Die Linien schimmern gerade so durch, sind aber noch leicht erkennbar. In der Mitte der Salzschicht ist wieder mit den vielen kleinen Füßchen eine Botschaft hineingetreten. Die gibt dem Architekten fast den Rest, denn er erschaudert und starrt sie eine ganze Weile ungläubig an, als wenn er einen Geist gesehen hätte. Die Botschaft lautet: „Wir wollen bessere Tinte! Der andere Termitenhügel darf sie haben, warum wir nicht? Archi-Termiten“

Nicht schlecht. Der Architekt hat sofort noch mehr graue Haare am Kopf. Er wird wahrscheinlich nie wieder einschlafen können. Er dachte, er hätte schone schlimme Kunden gesehen, die ihre Wünsche jeden Tag geändert haben, aber noch nie wurde er mit derartigem Nonsens konfrontiert. Und offensichtlich hatten diese (vermutlich) kleinen Viecher ausreichend Einfluss in der Organisation, wenn sie dieses Projekt so zielgerichtet torpedieren konnten. Oder zumindest große Erfahrung darin.
Der Architekt setzt sich auf den Stuhl und fasst sich am Kopf. Was tun? Was meinen die denn mit besserer Tinte? Welche Rolle spielt das überhaupt? Es zählt doch das, was gebaut wird, oder hat er in den vielen Jahren irgendwas falsch gemacht? Haben die Archi-Termiten vielleicht die Weisheit mit… was auch immer sie dazu verwenden, gefressen?
Mit dem letzten Rest der Motivation, der vielmehr aus dem Wunsch herrührte, mit dem Ganzen endlich aufzuhören, macht sich der Architekt an die Arbeit. Er entfernt das Salz, dünnt die Tinte auf dem gesamten Entwurf aus und übermalt die Linien mit der teuersten Masse, die er auftreiben kann (vorher fragt er vorsichtshalber nach, welche die „anderen“ verwendet hatten, und besorgt die noch viel bessere). Die Arbeit nimmt mehrere Tage in Anspruch, die der Architekt ohne viel Schlaf direkt im Büro verbringt. Er arbeitet wie besessen durch und macht nur Pausen für die allernötigsten physiologischen Prozesse. Er denkt nur an die Archi-Termiten und ist dem Wahnsinn nahe. Und am Ende wirft er seine Werkzeuge einfach hin, geht, ohne sich umzudrehen, und betrinkt sich bis zur Bewusstlosigkeit in einer nahe gelegenen Bar. Bis der Arzt kommt. Was dem Architekten auch recht ist.

This is the end …

Einige Tage später kehrt er, der alte zähe Hund, halbwegs erholt, aber immer noch sehr nervös und angeschlagen, an seinen Arbeitsplatz zurück. Er entschließt sich, der Wahrheit direkt ins Gesicht zu sehen und sich selbst nicht lange auf die Folter zu spannen. Er sieht sich um – der Entwurf liegt unverändert da. Hm, komisch. Er sieht sich weiter um. In einer Ecke entdeckt er endlich die gesuchte Botschaft, diesmal aus Kaffeebohnen gelegt. Und die lautet: „Du kannst dein Ding jetzt bauen. Aber wir haben ein Auge auf dich. Archi-Termiten“

Epilog

Architekten haben einen doppelt schweren Job. Zum einen müssen sie, ständig im Nebel tappend, versuchen, aus den mageren und wirren Kundenwünschen heraus zu extrahieren, was die Kunden morgen und übermorgen benötigen könnten, um daraus ein solides, zukunftssicheres Konzept abzuleiten und für dieses gleich zu Beginn die richtigen Weichen zu stellen und im weiteren Entwicklungsverlauf dafür zu sorgen, dass dieses auch eingehalten wird.

Aber zum anderen müssen sie oft mit völlig irrationalen Motiven, Widerständen und politischen Reibereien kämpfen, die ein System ebenso stark wie die eigentlichen Anforderungen beeinflussen und die für dessen tatsächlichen Zweck völlig irrelevant sind. Trotzdem müssen diese irrationalen Dinge berücksichtigt werden, weil sonst das System u. U. erst gar nicht entwickelt wird. Und der Architekt muss sich einfach damit abfinden, dass im schlimmsten Fall bis zu 80 % (Achtung: pure Empirie) des Idealsystems für solche irrationalen Kompromisse aufgebraucht werden, um es jedem, der den Mund aufmachen darf, auch recht zu machen.
So ist das Architektenleben: das Sitzen mit dem Allerwertesten auf einem Archi-Termitenhügel. Und nur ein Architekt, der sich schnell genug bewegen und auch teilweise irrationale Kompromisse schließen kann – also agil agiert – kann diesen „Tanz“ vernünftig meistern. Und da ist nichts Schlimmes dabei, denn wäre es sonst nicht todlangweilig?

Aufmacherbild: Black and gold ant 3d illustration isolated von Shutterstock / Urheberrecht: Baurz1973

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