Kolumne: Karrieretipps

Bedenkliche Bedenkzeit: Was bei Entscheidungsfristen von Jobangeboten zu beachten ist
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Eigentlich könnte es nicht besser laufen. Man ist mit drei Bewerbungen ins Rennen gegangen und von Unternehmen A liegt einem bereits ein durchaus interessantes Angebot vor. Aber die Firmen B und C lassen mit ihrer Entscheidung noch auf sich warten. Dabei liefen auch die Interviews bei einem lokalen Softwarehaus und einem internationalen Beratungsunternehmen sehr überzeugend ab. Bevor man sich also für Unternehmen A entscheidet, will man auf jeden Fall noch die Ergebnisse der anderen Vorstellungsgespräche abwarten. Wie lange aber kann man die Angebotsfrist eines Vertragsangebots ausreizen?

Warum warten?

Da sitzt man nun über dem Vertragsangebot von Unternehmen A und prüft Absatz für Absatz die Inhalte. Alles klingt fair und plausibel. Das Gehalt ist marktgerecht, alle weiteren Konditionen durchaus attraktiv. Was man im Vorstellungsgespräch über das Unternehmen und die Aufgabe erfahren konnte, deckt sich im Großen und Ganzen mit dem, was man sich so vorstellt. Die Mitarbeiter, die man kennengelernt hat, haben sich als potenzielle neue Kollegen qualifiziert und der Chef scheint auch in Ordnung zu sein. Warum also noch zögern? Warum abwarten, ob sich bei den anderen beiden Unternehmen nicht noch bessere Konditionen ergeben? Weil der Mensch zumeist Alternativen prüfen möchte. Er möchte sicher sein, dass seine Entscheidung die richtige ist. Er neigt dazu, die Optimierung aller Umstände anzustreben, die er in irgendeiner Weise beeinflussen kann. Letztlich ist es daher die eigene innere Einstellung, welche die Situation entweder zum Fluch macht, mehrere Alternativen zu haben und sich nur schwer entscheiden zu können oder man es als Segen empfindet, dass man so gefragt ist und die Wahl hat. In den meisten Fällen jedoch bringt einen diese doch eigentlich komfortable Situation schnell in die Zwickmühle und sorgt zeitweise für schlaflose Nächte. Vor allem, wenn man von Unternehmen B und C nach den Interviews ein positives Feedback erhalten hat, nun aber auf ein konkretes Vertragsangebot ewig wartet.

Unternehmen A räumt einem zwei Wochen Entscheidungsfrist ein. Also greift man nach Werktag vier zum Hörer und ruft Unternehmen B und C an, um sich nach dem Stand der Dinge zu erkundigen. Bei Unternehmen B, das einem inhaltsmäßig eigentlich am meisten interessieren würde, da es langfristig die besten Karriereperspektiven bietet, wird man vertröstet. Der Entscheidungsträger ist diese Woche auf Geschäftsreise, die Personalabteilung hält sich noch bedeckt. Bei Unternehmen C, das dem eigenen Heimatort am nächsten ist, erhält man eine mündliche Zusage, aber noch keine Vertragsdetails. Die erste Woche ist somit verstrichen. Auch in der zweiten Woche tut sich nicht viel mehr. Der Entscheidungsträger von Unternehmen B ist zwar wieder zurück, aber ständig in Meetings, immerhin hat sich nun die Personalabteilung schon mal vorsichtig geäußert, dass man wohl mit einem Vertragsangebot in der nächsten Woche rechnen könne und man voraussichtlich diese Woche nähere Details dazu erfährt. Bei Unternehmen C nachgefragt, heißt es, dass das Vertragsangebot erstellt wird, aber noch eine Anhörung vom Betriebsrat zu erfolgen hat. Vor nächster Woche hat man hier also auch nichts in der Hand.

Konkrete Schritte

Nun stellt sich die Frage, wie verfahre ich nun mit Angebot A? Die Entscheidungsfrist läuft morgen aus und da man die Details der anderen potenziellen Angebote noch nicht kennt, kann man sich also auch noch nicht guten Gewissens entscheiden. Wenn man sich eine neue digitale Spiegelreflexkamera kaufen möchte, dann hat man zuvor ja auch alle Testberichte und Preistabellen verglichen, sich in Foren und bei Freunden informiert, bevor man sich schließlich für ein Modell entscheidet, da kann man sich ja wohl bei einer so essenziellen Entscheidung wie der Jobwahl nicht wahllos dem erstbesten Angebot hingeben. Somit muss nun also ähnlich vorgegangen werden wie beim Kauf einer neuen teuren Kamera. Man muss nochmal zu allen drei Alternativen die subjektiv wichtigsten Aspekte und Argumente vergleichen. Nur fehlen zu den Alternativen B und C noch entscheidende Details, wie z. B. das Gehaltspaket. Somit sieht der Schlachtplan also zunächst wie folgt aus:

  1. Fehlende Details herausfinden: Rufen Sie nochmal bei den Unternehmen B und C an und erklären Sie Ihren Entscheidungsdruck. Bitten Sie darum, ein schriftliches Angebot unter Vorbehalt zumindest schon mal per E-Mail zu erhalten, damit Sie die für Ihre Entscheidung relevanten Kriterien, wie Gehalt, Arbeitszeiten etc. besser vergleichen können. Zudem haben Sie dann zumindest schon mal etwas in der Hand. Aber Achtung: ein Vertragsangebot ohne Unterschrift einer unterzeichnungsberechtigten Person ist noch nicht rechtswirksam. Einige Firmen verschicken den Vertragstext jedoch vorab schon mal zur Prüfung per E-Mail.
  2. Bitten Sie um Verlängerung der Entscheidungsfrist: Wenn B und C Ihre letztliche Entscheidung unabhängig vom Gehalt durchaus noch beeinflussen könnten, dann rufen Sie bei Unternehmen A an und schildern Sie offen Ihre Situation. Machen Sie deutlich, dass Sie Unternehmen A eine klare Präferenz einräumen, dass Sie aber bei einer derart essenziellen Entscheidung gerne noch die Alternativen im Detail prüfen möchten. Gehen Sie dabei aber von einem angemessenen Zeitrahmen aus. Betrug die Entscheidungsfrist bereits zwei Wochen, sollte man nicht mehr also eine weitere Woche für die Entscheidung fordern.
  3. Nutzen Sie die Zeit: Nutzen Sie die Verlängerungswoche, um sich nochmal über alle drei Unternehmen genauestens zu informieren. Nehmen Sie Kontakt mit Ihrem Netzwerk auf und versuchen Sie Insiderinformationen zum Arbeitsalltag zu bekommen. Prüfen Sie Beurteilungen und Erfahrungsberichte auf Arbeitgeberbewertungsportalen wie „kununu“ kritisch und stufen Sie nur solche Kommentare als relevant ein, die sachlich und authentisch und nicht von reinen Nörglern aber auch nicht von Marketingmitarbeitern geschrieben wurden.
  4. Entscheidungsmatrix: Notieren Sie nochmals alle Kriterien, die für Ihre Jobwahl wichtig sind in einer Tabelle, also z. B. Aufgabengebiet, Innovationsbereitschaft des Unternehmens, Karriereperspektiven, Reiseaufwand, Teamwork etc. Sortieren Sie die Kriterien nach ihrer Priorität und vergeben Sie für jedes Unternehmen pro Kriterium Punkte auf einer Skala von 1 bis 3 (Sehr gut, durchschnittlich, nicht so gut), so lassen sich die drei Alternativen nochmal besser vergleichen. Lassen Sie das Gehalt zunächst außer Betracht.
  5. Pokern Sie nicht: Sollten Sie letztlich alle drei Angebote vorliegen haben, und Ihre Entscheidungsmatrix hat ergeben, dass Sie sich für Unternehmen A entscheiden sollten, obwohl Unternehmen C ein höheres Angebot ausgesprochen hat, lassen Sie sich nur nicht dazu verleiten, bei Unternehmen A um mehr Gehalt zu pokern. Das hinterlässt keinen guten Eindruck.
  6. Stehen Sie zu Ihrer Entscheidung: Meistens fühlt man sich regelrecht erleichtert, wenn man nach einem intensiven Alternativenvergleich endlich zu einer Entscheidung kommt und diese auch kundgetan hat. Beginnen Sie nicht, im Konjunktiv zu denken: „Vielleicht hätte ich doch …“, sondern stehen Sie zu Ihrer Entscheidung und teilen Sie diese allen Unternehmen zeitnah mit. Auch hier sollten Sie sich nicht mehr auf Pokerspiele einlassen für den Fall, dass Unternehmen B nach Ihrer Absage bereit wäre, noch etwas draufzulegen. Machen Sie deutlich, dass Ihre Entscheidung nicht ausschließlich auf monetären Faktoren beruht. Bleiben Sie auf dem von Ihnen nun eingeschlagenen Weg.
  7. Bleiben Sie in Kontakt: Je offener und professioneller Sie mit allen drei Unternehmen in Verhandlung waren, umso eher können Sie die Kontakte zu einem späteren Zeitpunkt wieder aufleben lassen. Vernetzen Sie sich daher mit den Gesprächspartnern über XING oder LinkedIn und beobachten Sie, wie sich die Unternehmen weiterentwickeln. Zu gegebener Zeit ist Alternative B dann vielleicht doch die richtige Entscheidung für den nächsten Karrieresprung.
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