Coders at Work
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Peter Seibel, seines Zeichens LISP-Experte und Autor, ist ein seltenes Exemplar: Im Unterschied zu anderen technischen Autoren hat er einen universitären Abschluss in Englisch in der Tasche, den er erwarb,

Peter Seibel, seines Zeichens LISP-Experte und Autor, ist ein seltenes Exemplar: Im Unterschied zu anderen technischen Autoren hat er einen universitären Abschluss in Englisch in der Tasche, den er erwarb, bevor er sich dem Programmieren zuwandte. Für die Rolle des Buchautors ist er also geradezu prädestiniert.

In Coders at Work standen Seibel 15 bedeutende Programmierer Rede und Antwort. Mit einem durchschnittlichen Umfang von gut 35 Seiten pro Interview bringt es sein Werk auf insgesamt stolze 560 Seiten. Seibels Gesprächspartner sind bekannte Größen aus alten Zeiten wie Donald Knutz oder Brad Fitzpatrick. Auch eine Koryphäe der Java-Welt ist hier vertreten: Joshua Bloch. Es handelt sich also um eine bunte Mixtur an interessanten Persönlichkeiten, die oftmals an den „ersten Versionen“ des Internets gearbeitet haben, wie Jamie Zawinksi. Auf so vielen Seiten lässt sich natürlich einiges erzählen und im ersten Moment mag man vielleicht die eigenen Kollegen vor Augen haben und sich fragen: Meine Güte, was sollte ein Programmierer schon zu erzählen haben? Den meisten reichte wohl ein DIN-A4-Blatt, um die interessanten Aspekte ihrer Arbeit herauszuarbeiten.

Anders aber in diesem Buch: Mit viel Charme, Geschick und äußerst interessanten Fragen geht Seibel einigen Aspekten auf den Grund, von denen zumindest ich nicht einmal gedacht hätte, dass sie mich interessieren würden. Jamie Zawinski zum Beispiel: Der findet Unit Tests im Prinzip in Ordnung. Aber, fügt er augenzwinkernd hinzu, ganz ehrlich, den Benutzer interessieren sie nun einmal nicht die Bohne. So wurden die ersten Versionen von Netscape denn auch fast ohne Unit Tests entwickelt – innerhalb kürzester Zeit, versteht sich, in der Befürchtung, dass einem jemand zuvorkommen würde. Dieses Szenario erinnert eigentlich an 2011, die Zeit, in der regelrechte Start-up-Kriege ausgebrochen sind und Entwickler schnell sein mussten. Abgesehen davon, dass heutzutage bekannte „Architekten“ von Unit Tests und High-Quality-Code schwärmen. Und auch sonst tut es einfach gut, den Programmierern, die in Seibels Buch zu Wort kommen, „zuzuhören“, jenen Älteren und Weiseren unter uns, die ohne Scheuklappen und meist vollkommen pragmatisch ihre Probleme gelöst haben. Die einfach mal zugeben, dass die Dinge nicht immer optimal laufen – und auch nicht optimal laufen müssen, solange man Lösungen findet. Gleichzeitig erfährt man viel über die Atmosphäre in der damaligen Hackerwelt. Guy Steele erzählt, wie er den Computer im Keller seiner Schule gefunden hat. Wie er von einem Blatt Papier Code abgelesen hat. Und wie er vorgeht, wenn er Software debuggt.

Coders at Work ist eine unterhaltsame Lektüre, von der man nebenbei auch noch einiges lernt – und sei es einfach nur eine gesunde Portion Pragmatismus. Es kann genüsslich in der Badewanne oder zwischen zwei Saunagängen gelesen werden und bietet somit eine schöne, fachliche Alternative zu denjenigen Programmierer-Schmökern, die mit kryptischen Zeichen und mathematischen Formeln gespickt sind. Prädikat empfehlenswert – auch zu mehrmaligem Lesen empfohlen!

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