APIs und die Verlage – so viel Potenzial, so wenig Mut
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Während sich viele Medien selbst bemitleiden und den Niedergang ihrer alten Geschäftsmodelle beklagen, haben einige Verlage, Medienhäuser und Fernsehsender die Zeichen der Zeit längst erkannt: Statt zu lamentieren und nur zu reagieren, ergreift man die Initiative und ermöglicht den Zugriff auf Inhalte via APIs. 

Immer mehr Menschen nutzen immer mehr digitale Geräte und Plattformen, um auf die verschiedensten Inhalte zuzugreifen. Für Medienhäuser, Verlage und Fernsehsender wachsen dabei stetig die Herausforderungen, denn digitaler Konsum von Inhalten sorgt für rasant schwindende Einnahmen aus traditionellen Distributionskanälen. Deshalb lautet die Königsfrage: Wie bringt man im digitalisierten Zeitalter seine Inhalte mit optimaler Reichweite und möglichst rentabel unters Volk?

Eine einfache Antwort darauf gibt es nicht. Ein erster Ansatz für Verlage und Medienhäuser sollte jedoch sein, genau zu analysieren, was der digitale Wandel für das eigene Geschäftsfeld bedeutet und wie man in diesem Prozess agieren, statt nur reagieren kann. Dabei können gerade Entwickler eine entscheidende, weil wegbereitende Rolle spielen.

APIs – besserer Zugriff auf Inhalte

Schon jetzt lassen sich die von Verlagen und Medienhäusern angebotenen Inhalte in einem Umfang personalisieren, der vor den Zeiten des Internets undenkbar war. Darüber hinaus werden die Inhalte immer responsiver und reagieren auf die Location und den Kontext, in dem sich die Konsumenten befinden. Aus diesen Personalisierungsmöglichkeiten ergeben sich auch neue Möglichkeiten, bereits vorhandene Inhalte aus der Versenkung zu holen und zu recyclen, denn der verfügbare Markt war nie größer.

Der entscheidende Punkt in diesen Bemühungen: Inhalte müssen möglichst einfach und effizient an die Konsumenten ausgespielt werden können.

Die Hürde: Die Unmengen an digitalen Geräten und Plattformen, mit denen und auf denen die Konsumenten digitale Inhalte konsumieren.

Bei der Überwindung genau dieser Hürde kommen Entwickler ins Spiel. Zugegeben, den wenigsten kommen als erstes Entwickler in den Sinn, wenn es darum geht, die Inhalte von Verlagen und Medien unters Volk zu bringen.

Hat man hingegen in den Führungsebenen erkannt, wie wichtig eine breit aufgestellte Strategie für den Zugriff auf Content ist, können Entwickler einen entscheidenden Beitrag leisten: Sie können mit APIs neue Zugriffsmöglichkeiten auf Inhalte ermöglichen und dadurch diesen mehr Wert verleihen. Die Entwicklung entsprechender Schnittstellen versetzt wiederum andere Entwickler in die Lage, Applikationen zu entwickeln, mit denen Content auf die verschiedensten Geräte und Plattformen ausgespielt werden kann. Vor allem in den USA und Großbritannien haben einige große Medienhäuser solch ein API-Konzept bereits verinnerlicht, allen voran die New York Times.

New York Times

Das Traditionsblatt, das als eines der wenigen Verlagshäuser ein erfolgreiches Paid-Content-Modell betreibt, sieht sich nicht nur als Lieferant von Nachrichten und Informationen, sondern auch von Daten. Auf der hauseigenen Developer-Website stehen Entwicklern momentan 14 APIs zur Verfügung. Mit deren Hilfe lassen sich beispielsweise die Artikeldatenbank oder die berühmte Bestsellerliste durchsuchen, Leserkommentare, Filmbesprechungen oder die beliebtesten/meistgeteilten Beiträge abrufen. Die APIs nutzen JSON/JSONP, XML und serialized PHP als Formate für die Response. Ein Blick in die Beispielgalerie führt vor Augen, was man mit diesen APIs so alles anstellen kann. So wird das Movie Review API in Kombination mit Microsoft Silverlight eingesetzt, um in der Windows Phone App „Windows 7 Movies“ Filmbesprechungen zur Verfügung zu stellen. Justin Binder hat auf seinem Blog das Article Search API genutzt, um eine geografische Visualisierung von Tweets zu New-York-Times-Artikeln zu erstellen. Und die iPhone-App Dewey D. bedient sich der Besteller-API, um Lesern die Organisation ihrer Leseliste zu erleichtern.

Die App Dewey D. nutzt die "Best Sellers API" (Screenshot: http://developer.nytimes.com/deweyd_app).

Daneben versucht die Times das Ökosystem von API-Entwicklern durch regelmäßige Events zu fördern. Auf den seit 2010 jährlich stattfindenden Hack Days entwickeln Developer neue Ideen API-Nutzungsszenarien. Darüber hinaus lohnt sich der Besuch der New York Times Respositorys auf GitHub.

USA Today

Auch die Tageszeitung USA Today betreibt sein eigenes Developer Network und bietet dort derzeit zehn APIs an, darunter ebenfalls APIs um personalisierte Artikel-Feeds zu erstellen, News, Bestseller-Listen oder Buch-/Filmbesprechungen abzurufen.
Neben JSON, JSONP und XLM sind auch RSS+XML sowie ATOM+XML als Response-Formate möglich. Darüber hinaus bietet man Entwicklern SDKs für PHP, Java und Ruby an sowie ein Tool für YQL (Yahoo! Query Language).
Ebenfalls verfügbar ist das Webinterface I/O Docs, mit dem man API-Anfragen schnell testen kann. Eine interessante Anwendungsmöglichkeit für das Bestseller-API von USA Today präsentierte die Entwicklergruppe Kover auf dem Techcrunch Disrupt Hackathon 2012.

The Guardian

Der Guardian startete bereits im März 2009 seine Open Platform, die neben dem sogenannten Content API auch noch Tools anbietet, die Entwicklern das Interagieren mit Guardian-Inhalten erleichtern. Mit dem Content API erhält man Zugriff auf über eine Million Artikel, die seit 1999 erschienen sind. Das Politics API bietet Informationen und Daten rund um Wahlen, beispielsweise Ergebnisse, Kandidaten, Parteien und Wahlbezirke. Als Response-Formate kommen XML und JSON zum Einsatz.
Das Besondere an dem Content API: Es wird in der Cloud gehostet, um es möglichst schnell skalieren zu können. So können Serverkapazitäten nach Bedarf hinzugefügt oder entfernt werden. Überhaupt präsentiert sich der Guardian in puncto API und dahinter steckender Technik so offen und auskunftsfreudig wie kein anderer Verlag. Um möglichst zukunftssicher zu sein und eine Evolution des API zu ermöglichen, beispielsweise durch die Einführung neuer Content Typen oder Metadaten, steht als Technologie hinter dem API Apache Solr, eine Open Source Suchplattform, die diese Anforderungen meistern kann.
Auch bei dem Guardian Content API darf eine API Console für das Testen von API-Querys nicht fehlen. Umfangreichen Support findet man in der Google Group Guardian API Talk.

Die API Console der Guardian Content API (Screenshot: http://explorer.content.guardianapis.com/#/).

Weitere Beispiele für internationale Verlags- oder Medienhäuser, die APIs anbieten sind das Pollster API der Huffington Post (Zugriff auf Meinungsumfragen ), das Trove API der Washington Post oder die BBC, die im Rahmen von fünf verschiedenen APIs die Möglichkeit anbietet, BBC Inhalte zu „remixen“ oder „Mashups“ zu erstellen.
Relativ neu und ein Exot ist das Marvel Comics API, das den Zugriff auf offizielle Daten aus über 70 Jahren Marvel-Comics ermöglicht. Der Comic-Verlag hat ebenfalls extra ein offizielles Marvel-Developer-Portal aufgelegt, auf dem man neben How-Tos auch die Dokumentation und eine Hilfeseite findet. Beim Marvel Comics API handelt es sich um ein RESTful Service über den man Methoden für den Zugang zu spezifischen Ressourcen erhält und diese nach verschiedenen Kriterien durchsuchen kann. Alle Inhalte sind JSON-Objekte.

Und wie sieht es in Deutschland aus?

Das Angebot an APIs von Verlags- oder Medienhäusern ist hierzulande eher mickrig. An vorderster Front zu nennen wäre das Zeit Online Content API. Über die derzeit noch in Beta befindliche Schnittstelle kann auf Inhalte und Metadaten aus dem Archiv der Zeit seit 1946 und von Zeit.de zugegriffen werden. Der Zugriff auf die mehreren Hundertausend Artikel ist bei nicht-kommerzieller Nutzung kostenlos. Benötigt wird lediglich ein API-Key. Der API Explorer ermöglicht eine Abfrage des Content API über ein Webinterface.

Eine Übersicht von interessanten Projekten auf Basis des API bietet der Dev-Blog von Zeit.de. Auch eine ausführliche Beschreibung der Architektur hinter dem API, also des Wegs vom CMS zur API zur App, kann dort nachgelesen werden.

Quick Start Guide Zeit Online API

Ebenfalls erwähnenswert ist der Techblog golem.de. Er bietet seit 2009 ein JavaScript- und ein PHP-API an, mit denen man auf Artikel, Bilder und Videos zugreifen kann. Neben Artikel-bezogenen Klassen sind auch Kategorie-bezogene und Video-bezogene Klassen verfügbar. Im Fall des Golem JavaScript-API müssen für den Zugriff auf die Webservices von Golem.de die erforderlichen JavaScript-Dateien eingebunden werden.

Ferner führte der Springer Verlag in den Jahren 2011 und 2012 die API-Wettbewerbe 1.0 und 2.0 durch. Hier sollten Lösungen für oder Mashups der hauseigenen APIs, Springer Metadata API, SpringerImages API und SpringerOpen Access API, erdacht und konzipiert werden.

Die Süddeutsche Zeitung stellt keine eigenen Inhalte per API zur Verfügung, betrieb aber bis April 2013 den SZ-Zugmonitor, dessen Informationen per API ausgelesen werden konnten. Nach Änderung der zugrundeliegenden Datenstrukturen durch die Bahn ist der Zugmonitor außer Betrieb.

Ende 2013 veröffentlichte die Deutsche Digitale Bibliothek ein eigenes API, das denZugriff auf die Datenbank der DDB erlaubt und damit den „Weg zum digitalisierten Kulturerbe Deutschlands“ öffnen will. Das API ist ein RESTful Web Service, der öffentliche Teil umfasst Methoden, die die in der DDB verfügbaren Daten in unterschiedlicher Weise zur Verfügung stellen. Im Entwickler-Wiki der Deutschen Digitalen Bibliothek findet man eine umfassende Dokumentation mit Code-Beispielen, auch die Registrierung für Entwickler ist dort möglich.

Ansonsten sind es hierzulande im puncto APIs bei Medien- und Verlagshäusern recht düster aus. Die Strategie, mittels API-Angebot die Reichweite und den Wert der Inhalte zu erhöhen und den Erfahrungsschatz im Bereich der Inhalte-Distribution zu erhöhen hat bisher kaum Fuß gefasst. So findet sich beispielsweise unter den 53 „Book APIs“, die ProgrammableWeb listet, kein deutscher Anbieter. Sowieso sie ProgrammableWeb jedem ans Herz gelegt, der in puncto APIs und Mashups auf dem Laufenden bleiben will. Das Verzeichnis der Seite listet derzeit 10.982 APIs und 7312 Mashups.

Fazit

Über den Wert von APIs für Verlags- und Medienhäuser wird schon lange diskutiert, leider tut sich in jüngster Vergangenheit hierzulande wenig – sicher auch, weil die Diskussionen über das Leistungsschutzrecht dem Gedanken, per API eigene Inhalte öffentlich zugänglich zu machen, mehr als abträglich waren. Es ist klar, dass Entwickler ohne entsprechende Strategieentscheidungen in den Führungsebenen an diesem Zustand nichts ändern können. Deshalb ist es umso wichtiger, dass jede sich bietende Gelegenheit genutzt wird – gerade von Entwicklern.

Leider sind die Vorteile, die APIs Verlags- und Medienhäusern bieten können, nicht immer direkt ersichtlich. Zunächst können Schnittstellen dabei helfen, Inhalte leichter auffindbar zu machen. Denn was bringt einem Verlag der beste Content, wenn ihn keiner findet.

Dass sich mit dem Auflegen eines eigenen API-Programms von jetzt auf gleich neue Einnahmequellen erschließen lassen, ist jedoch meist ein Trugschluss. Viele Verlags- und Medienhäuser haben die Erfahrung gemacht, dass hier ein langer Atem gefragt ist. Denn es kommt vor allem darauf an, wie, in welchem Umfang und mit welchen Restriktionen APIs Zugriff auf Inhalte erlauben. So sind zwingend vorgeschriebene Anzeigen am Ende von Verlagsinhalten noch die Ausnahme. Und wenn sie vorgeschrieben sind, handelt es sich meist um Eigenanzeigen und nicht um bezahlte Werbung.

Doch abseits von direkter Monetarisierung kann ein anderer Aspekt viel entscheidender sein: die Förderung unternehmenseigener Innovation, beispielweise durch das Experimentieren mit verschiedenen Distributionsmodellen. Fast immer kann ein API-Programm/Angebot auf diese Weise dazu beitragen, dass die Distribution von Inhalten auf neue Kanäle oder Plattformen schneller vonstatten geht, als in der Vergangenheit. Statt Monate dauert ein Entwicklungsprozess unter Umständen nur Wochen. Der Grund: Die Entwicklungsabteilung hat wichtige Erfahrungen gesammelt und Wissen aufgebaut. Und das i-Tüpfelchen sind die Heerscharen von Entwicklern, die durch Implementierung des API in Apps oder Websites für eine kostenlose Verbreitung sorgen.

Auch die Bedeutung von Hackathons im Umfeld von API-Angeboten sollte nicht unterschätzt werden. Zum einen pflegt man so das Verhältnis zur Entwickler-Community, aber vor allem entsteht im Rahmen solcher Events ein riesiges Wissen, das Verlage für sich nutzen können.

Aufmacherbild: laptop and phone application programing interface Foto via Shutterstock / Urheberrecht: alexmillos

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