Zum perfekten Webentwickler in acht Schritten

Sind (Web-)Entwickler verkannte Genies?
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Entwickler müssen sich häufig mit Vorurteilen herumschlagen. Kaum eine andere Berufsgruppe im Bereicht der IT scheint davon mehr betroffen zu sein als sie. Besonders zwei Stereotypen prägen die Außenwahrnehmung von Developern entscheidend. Zum einen wird ihnen ein nahezu allumfassendes Fachwissen attestiert. Zum anderen wird Entwicklern jedes Gespür für zwischenmenschliche Interaktionen und Beziehungen abgesprochen.

Developern scheint daher ein ähnliches Schicksal zuteil zu werden wie verkannten Genies. Trotz hervorragender Leistungen auf ihrem Gebiet erhalten sie keine oder nur eine äußerst dürftige öffentliche Resonanz – und das in Zeiten globaler Vernetzung. Obwohl sich weltweit das Internet zum schnellsten und wichtigsten Kommunikationsmedium gemausert hat und das Surfen im Internet zur Selbstverständlichkeit geworden ist, erfahren insbesondere Webentwickler kaum soziale Anerkennung. Im Gegenteil: Mit dem Berufsbild des Entwicklers wird nach wie vor größtenteils soziale Inkompetenz und zwischenmenschliche Bindungsangst verbunden.

Beim Phänomen des verkannten Genies werden die sozialen und zwischenmenschlichen Defizite zurückgeführt auf die zeitliche Spanne, die zwischen persönlicher Leistung und gesellschaftlicher Anerkennung liegt. Können hier Gemeinsamkeiten zur Berufsgruppe der Entwickler ausgemacht werden? Stellt die fehlende öffentliche Resonanz den Grund dar, warum Developer als moderne Nomaden wahrgenommen werden, die einsam durch die Datenwürste ziehen? Und: Stimmt die soziale Außenwahrnehmung überhaupt mit der Alltagsrealität von Entwicklern überein?

Zum perfekten Webentwickler in acht Schritten

Die Frage, ob das Bild des verkannten Genies auf Entwickler zutrifft, soll hier beispielhaft anhand einer Liste mit den vermeintlich besten Tipps für Webentwickler beantwortet werden. Unter dem Titel „8 ways to be the perfect web developer” hat Emma Grant eine solche Auflistung veröffentlicht, mit der sie direkt an den Artikel „How to find the perfect web developer“ von Devon Campell anschließt.

Campell setzt sich in seinem Text mit der Frage auseinander, worauf potenzielle Arbeitgeber bei der Suche nach einem geeigneten Webentwickler-Freelancer achten sollten. Auf Grundlage der Vorschläge von Campell entwickelt Grant acht Tipps für Webdeveloper, die ihre Chancen bei potenziellen Arbeitgebern erhöhen sollen. Eine vermeintliche Win-Win-Situation, wenn sich beide Seiten an die Hinweise und Tipps halten.

Doch sollten sich freitätige Webentwickler wirklich an den Vorschlägen von Grant orientieren? Nimmt man die acht Tipps genauer unter Lupe, fällt folgendes auf: Die ersten drei Punkte ihrer Liste scheinen allein auf denjenigen Stereotypen zu basieren, die geläufig mit Entwicklern verbunden werden.

Webentwickler wissen alles

Die ersten zwei Tipps von Grant lassen sich folgendermaßen zusammenfassen: Webentwickler sollten es vermeiden, sich auf bestimmte Themengebiete zu spezialisieren. Trends im Web seien nur von kurzer Dauer und eine Spezialisierung daher wenig sinnvoll. Sie rät, die eigenen Fähigkeiten und Qualifikationen stest aktuell zu halten und monatlich Zeit in neues Wissen zu investieren.

Avoid becoming a “specialist”

Fort- und Weiterbildungen sind für Webentwickler unerlässlich – darin ist Grant zuzustimmen. Auch der Blick über den Tellerrand ist mehr als ratsam. Ihre Forderung, sich nicht spezialisieren zu sollen, geht aber an der Alltagsrealität von Webentwicklern vorbei. Die Annahme, dass sich deren Wissen von allen erdenklichen CMSs über sämtliche Plattformen und bis zu jeder Programmiersprache im Web erstrecken könnte, ist eine sowohl unmögliche auch schlicht falsche Annahme. Oder besser: ein Vorurteil.

Kein Webdeveloper ist in der Lage, sich alle Kenntnisse der Branche aneignen zu können. Dafür sind die Auswahl und das Angebot einfach zu groß. Es ist daher nicht nur wichtig, sondern fast schon notwendig, sich als Webentwickler in einigen Bereichen zu spezialisieren; anders wird man im Alltagsgeschäft kaum Überleben können. Generell gilt: Ohne einen gewissen Spezialisierungsgrad ist seriöses Arbeiten kaum vorstellbar.

Webentwickler sind unsozial

Der dritte Tipp, den Emma Grant Webdevelopern mit auf den Weg geben möchte, umfasst deren soziale Kompetenzen. Ihrer Meinung nach ist der typische „geek“ mehr schlecht als recht in der Lage, zwischenmenschliche Beziehungen aufbauen zu können. Um aus der Masse von Freelancern herausstechen zu können, seien gute Kommunikationsfähigkeiten deshalb von Vorteil. Eine präzise und einfach formulierte Sprache sowie pünktliches Erscheinen und ein höfliches Auftreten würden die eigene Attraktivität für potenzielle Arbeitgebern enorm steigern.

The stereotypical geek is lousy at human interactions, so if you are a good communicator you are bound to stand out favorably.

Auch hier basiert der Tipp auf einem weitverbreiteten Vorurteil: Webdeveloper sind unsozial. Das Bild des einsamen Entwicklers, der ausschließlich vor seinem Rechner sitzt, kein soziales Leben in der realen Welt führt und auch am Wochenende bis spät in die Nacht arbeitet, scheint Grant als Vorlage zu dienen.

Übersehen wird hierbei oftmals, dass speziell die Berufsgruppe der Webdeveloper eine der sozialsten Communities im Netz darstellt. Als Beispiele können etwa die Vielzahl unterschiedlichster Barcamps, Workshops und Events dienen; aber auch persönliche Treffen sind ein oft genutztes Mittel, um Kontakte zu knüpfen und Netzwerke aufzubauen.

Ebenfalls die Vorstellung, Webentwickler würden bis tief in die Nacht arbeiten, kann nicht generalisiert werden. Es mag zwar vorkommen, dass man – vor allem in der Anfangsphase – bis spätabends in ein Projekt vertieft ist; allerdings ist das kein ausschließliches Phänomen des Webdevelopments, sondern kann in jeder projektorientierten Branche angetroffen werden. Ein weiterer möglicher Grund für langes Arbeiten liegt in einer falschen Tagesplanung; aber auch hiermit stehen die Webdeveloper nicht allein.

Zudem ist durch Freunde und Familie ein Wirken bis spät in die Nacht auch kaum erstrebenswert; wirkt es sich doch allenfalls negativ auf die sozialen Beziehungen aus. Viele Freelancer versuchen deshalb, die normalen Bürozeiten einzuhalten. Es mag schon fast banal klingen, aber auch die Auftraggeber sind tagsüber besser zu erreichen als in der Nacht.

Soziale Inkompetenz und Nachtaktivität werden oftmals mit zwei weiteren Annahmen verbunden: Webdeveloper schlafen den ganzen Tag und sind unzuverlässig. Diese Vorurteile scheint Emma Grant im Blick zu haben, wenn sie Webentwicklern empfiehlt, sich präzise auszudrücken, pünktlich zu erscheinen und höflich aufzutreten. Denn: Wer möchte schon einen verschlafenen, wankelmütigen und pöbelnden Freelancer engagieren?

Aber auch hier stimmt die Außenwahrnehmung nicht mit der Alltagsrealität überein. Um als Freelancer Erfolg zu haben, ist Zuverlässigkeit das A und O. Um die Kunden zufrieden zu stellen, ist es wichtig, sich sowohl angemessen zu artikulieren als auch einen regulären Terminplan zu pflegen. Das trifft jedoch auf alle zu, die als Freiberufler aktiv sind und lässt sich wiederum nicht auf die Berufsgruppe der Webentwickler reduzieren.

Verkannte Genies?

Das Beispiel des Webentwicklers zeigt: Entwickler wissen nicht alles und sind auch nicht sozial isoliert. In dieser Hinsicht haben sie wenig mit verkannten Genies gemeinsam. Allerdings teilen Developer in einem entscheidenden Punkt dennoch das gleiche Schicksal: Es mangelt ihnen an gesellschaftlicher Anerkennung ihrer persönlichen Leistungen. Im Gegensatz zu verkannten Genies ist die fehlende öffentliche Resonanz nicht auf die Qualität ihres Wissens zurückzuführen. Der Grund besteht vielmehr darin, dass die gesellschaftliche Außenwahrnehmung der Berufsgruppe kaum etwas mit der Alltagsrealität von Entwicklern zu tun hat.

Das Beispiel macht zudem klar: Die Vorurteile gegenüber Entwicklern werden nicht bloß außerhalb, sondern oft auch innerhalb der Branche kritiklos übernommen und reproduziert. Das macht die Sache besonders problematisch. Aber was tun gegen diesen falschen Zauber? Fest steht: Die Außenwahrnehmung lässt sich nicht von jetzt auf gleich verändern, sondern nur in einem langwierigen und arbeitsintensiven Prozess umgestalten. Ein erster Schritt in diese Richtung ist allerdings relativ leicht zu machen: Tipplisten sollte nicht blind vertraut werden.

Aufmacherbild: Creative concept of the human brain via Shutterstock / Urheberrecht: Lisa Alisa

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