Hilfe für Notleidende durch digitale Technologien

Flüchtlingshilfe in der IT
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Zurzeit ist die Flüchtlingsfrage in der europäischen Union das vorherrschende Thema in den Medien. Jeden Tag erreichen uns erschreckende Meldungen über verbale Angriffe und gewaltsame Übergriffe auf Flüchtlinge. Auch die Bewilligung eines Asylantrags ist ein langer und schwieriger Prozess in der EU. Die Antragssteller dürfen zu Beginn zumeist nur unter eingeschränkten Bedingungen arbeiten und können sich deshalb nur schwer eine angemessene Unterkunft leisten oder ein normales Leben führen.

Während der Dauer des legalen Prozesses befinden sich die Flüchtlinge in einer prekären und emotional schwierigen Situation, die meist durch traumatische Erlebnisse und gewaltsame Verfolgungen in ihrem Herkunftsland begleitet wird. Jedoch gibt es Menschen, die den Notleidenden in dieser schwierigen Zeit beistehen und ihnen eine Perspektive verschaffen wollen. Auch im Umfeld der IT gibt es eine Vielzahl unterschiedlicher Initiativen, die durch den Einsatz digitaler Technologien aktiv Hilfe leisten – und das nicht nur in Europa.

Refugees on Rails

Anne Kjær Riechert ist der Meinung, dass es ein Fehler ist, Flüchtlinge nur als Problem innerhalb der Europäischen Union zu betrachten. Mit ihrem Projekt „Refugees on Rails“ will sie beweisen, dass sie eine Bereicherung für die europäische Kultur und Ökonomie darstellen. Ihr Ziel ist es, Flüchtlingen die handwerklichen Mittel der Software-Entwicklung nahe zu bringen und ihnen auf diese Weise die Möglichkeit zu bieten, mit Startups und Technik-Konzernen zusammenarbeiten zu können.

Our new neighbours are a tremendous resource. Their resilience, street-smarts and ability to network is exactly what is needed to succeed in the new economy

Hierfür sammelt sie alte Laptops und organisiert Coding-Schulen für Flüchtlinge. Wer sich an ihrer Arbeit beteiligen möchte, kann seinen alten Computer am 5. September von 17.00 Uhr – 24.00 Uhr während der Langen Nacht der Startups (Französsische Straße 33a-c, 10117 Berlin) spenden oder auch direkt von zu Hause abholen lassen.

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Refunite

Auch die Non-Profit Tech-Organisation „Refunite“ versucht weltweit durch den Einsatz von Handys und Computern vermisste Flüchtlinge wieder mit ihren Familien zusammen zu bringen. Die Organisation unterhält neun Projekte in unterschiedlichen Ländern und hat es sich zur Aufgabe gemacht, den Prozess der Lokalisierung von Familienangehörigen grundlegend zu verändern.

I found my brother on Refunite after 8 years of separation

Die globale Online-Datenbank von Refunite umfasst bereits über 405.000 Profile und macht es Angehörigen möglich, mit nur einem Klick nach ihren vermissten Familienmitgliedern zu suchen. Im Zeitraum von 2010 bis 2014 dokumentierte die Tech-Organisation den Versand von 5,5 Millionen SMS und verzeichnete über fünf Millionen Suchanfragen.

Hackathon

Zu diesem Zweck unterhält Refunite nicht nur langjährige Partnerschaften mit Ericsson, mobilen Netzwerkbetreibern und den Vereinten Nationen, sondern greift auch auf die Hilfe der Internet Community in Form von sogenannten „Hackathons“ zurück. Unter Hackathons versteht man kollaborative Software- und Hardwareentwicklungsveranstaltungen. Innerhalb des Zeitraums der Treffen versuchen die Teilnehmer Softwareprodukte gemeinsam zu entwickeln und herzustellen.

In einem Blogeintrag schildert Zac Halbert seine Erfahrungen, die er bei seiner ersten Teilnahme an einem von Refunite organisierten Hackathon gesammelt hat. Die Organisation hatte zu der Aktion eingeladen, um Lösungen für dringende Probleme zu finden, die aus Zeitmangel noch nicht behoben werden konnten.

Message-Wizard-System

Das Team um Zac Halbert befasste sich mit einem Problem bei der Übertragung von „User-To-User“ Nachrichten. Refunite hat herausgefunden, dass weltweit nahezu jede Person Zugang zu einem Telefon besitzt. Nicht alle Apparate sind in der Lage, sich ins Internet einzuwählen oder eine SMS zu verschicken. Allerdings haben alle Geräte Zugang zum USSD-Protokoll (mithilfe des Protokolls lädt man zum Beispiel sein Prepaid-Guthaben auf). Die Organisation nutzt das Protokoll und gibt Flüchtlingen auf diese Weise die Möglichkeit, sich in ihrer Datenbank zu registrieren, nach anderen Vermissten zu suchen und Mitteilungen zu verschicken.

Our team’s hypothesis is that by improving the user experience of the messaging system and standardizing the format, more refugee connections can be made (and fewer missed)

Das Problem von USSD besteht allerdings darin, dass es eine Zeitsperre von drei Minuten besitzt. Einigen fällt es aufgrund ihres niedrigen Bildungsstandes schwer, in dieser kurzen Zeit aussagekräftige Nachrichten an potenzielle Familienmitglieder zu schreiben. Die Gruppe rund um Zac Halbert entwickelte deshalb ein Message-Wizard-System, das die Anwender während der Eingabe unterstützt und gleichzeitig die Verbindung aufrechterhält.

Durch ihre Idee, die User Experience des Nachrichtensystems durch die Standardisierung des Ablaufprozesses zu verbessern, gewann die Gruppe (zusammen mit zwei anderen Teams) den Hackathon. Der Gewinn umfasste eine Reise nach Kenia, auf  der die Teilnehmer bei der Prototypen-Entwicklung halfen und die Applikation innerhalb eines Flüchtlingscamps testeten (hier findet man das Projekt auf GitHub).

Apps für Flüchtlinge

Auch andere gemeinnützige Organisationen greifen auf Hackathons zurück. Im Februar 2015 trafen sich eine Vielzahl von Webmastern, Designer und Computer-Programmierern in Paris, um gemeinsam Apps für die rund 170.000 Flüchtlinge in Frankreich zu entwickeln. Ziel war es, ihnen mithilfe von Online-Technologien den Zugang zu lokalen Informationen zu ermöglichen und einen wechselseitigen Austausch zu erleichtern. Die französische NGO „Singa“ organisierte das Treffen, das durch das Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen (UNHCR) unterstützt wurde.

Ein ähnliches Ziel verfolgte die UNHCR bereits 2014 mit der Organisation eines dreitätigen Hackathons in Jordanien. Um der syrischen Flüchtlingskrise zu begegnen, wurde gemeinsam eine „MyUNHCR“-App entwickelt. Sie war als freie Kommunikationsplattform auf Basis mobiler Technologien konzipiert und richtete sich insbesondere an den großen Teil junger Flüchtlinge. Die App bot die Möglichkeit, Informationen auszutauschen und aktiv an Inhalten mitarbeiten zu können. Ebenfalls konnte man auf einfache Art und Weise mit der UNHCR in Kontakt treten.

Refugees deserve the best ideas, the best design and the best interface for this App. To develop this App, we need to think beyond the traditional humanitarian box

Viele Syrier mussten aufgrund der Spannungen in ihrem Land in die Türkei fliehen. Mojahid Akil –  ebenfalls ein syrischer Flüchtling – programmierte die “Gherbtna”-App, um anderen Flüchtlingen dabei zu helfen, ihr Leben in der Türkei zu organisieren:

We created this application just over a year ago to help Syrians living in Turkey who don’t know how to communicate with people in Turkey, or face difficulties obtaining residency and opening bank accounts, people who suffer from a lack of information.

Unter syrischen Flüchtlingen ist die App extrem populär.

Wie die Beispiele zeigen, sind Internet- und Mobil-Applikationen nützliche Werkzeuge, um Flüchtlingen aktiv zu helfen und sie dabei zu unterstützen, sich in ihren neuen Lebenssituationen zurecht zu finden.

Aufmacherbild: refugee labeled passport via Shutterstock / Urheberrecht: Maren Winter

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