Warum gibt es nicht mehr Frauen in der Technologiebranche?

Frauen in der Technologiebranche – We can do it!
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Frauen sind im Technologieksektor unterrepräsentiert. Aber damit nicht genug: Sie sind auch unterbezahlt, werden bei Beförderungen übergangen und sehen sich alltäglichem Sexismus ausgesetzt. Aus diesem Grund verwundert es nicht, dass Frauen öfter als Männer innerhalb eines Jahres ihren Job in diesem Bereich aufgeben. Aber warum ist das so und was muss getan werden, um das zu ändern?

Die IT-Industrie hängt hinterher, wenn es um Frauen in Technologieberufen geht: Frauen repräsentieren zwar die Hälfte der weltweiten Arbeitskraft, haben aber nur ein Viertel aller IT-Jobs inne. Gerade im STEM-Gebiet (Science, Technology, Engineering & Math) zeichnet sich ein deutliches Bild ab: Nur 15 Prozent aller Frauen fassen nach ihrem Abschluss in einem STEM-Beruf Fuß, während es 31 Prozent ihrer männlichen Kollegen gelingt. Diese Ungleichheit resultiert aber nicht aus mangelnder Qualifikation seitens der Frauen, sondern vielmehr aufgrund bestimmter Barrieren, die Frauen noch immer im Weg stehen.

Diversity in Unternehmen

Trotz Emanzipation und gesetzlicher Gleichstellung wird von Frauen immer noch verlangt, dass sie die Hausfrauen- und Mutterrolle übernehmen. Selbst für Frauen, die Single sind und keine Kinder haben, ist es kaum möglich, dasselbe Gehalt wie ein Mann zu erhalten. Der Durchschnittsverdienst eines Mannes im STEM-Bereich beträgt 91.000 Dollar, während eine Frau bei gleicher Qualifikation und Dienstalter nur rund 75.000 Dollar verdient.

Facebook hat im Juni einen Diversity Report veröffentlicht, der zeigt, dass in den letzten Jahren der Frauenanteil kaum angestiegen ist. Die Anzahl an Frauen, die im Unternehmen einen Technikberuf ausüben, ist innerhalb eines Jahres nur um ein Prozent gestiegen – von 15 Prozent auf 16 Prozent. Die allgemeine Frauenquote stieg ebenfalls um nur ein Prozent auf 32 Prozent. Auch Googles Diversity Report von Mai 2015 vermeldet Ähnliches: Nur 30 Prozent Frauen arbeiten für den Suchmaschinen-Giganten. In technisch ausgerichteten Jobs sinkt die Frauenquote sogar auf 18 Prozent, was eine Steigerung von lediglich einem Prozent im Vergleich zum Vorjahr ausmacht.

Wo liegt also das Problem? Warum scheitern Unternehmen kontinuierlich daran, mehr Frauen in Technologiejobs anzustellen? NextGeneration aus Dublin, ein Unternehmen, das sich auf Beratung in Recruit-Services spezialisiert hat, ist diesem Sachverhalt nachgegangen und hat vier Gründe herausgefunden: 1. geschlechtsspezifische Klischees, 2. Mangel an einem großen Talent-Pool, 3. Ingroup-Bevorzugung, 4. bestehende Arbeitskultur.

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Prägung bereits in der Kindheit

Fängt man ganz von vorne an und betrachtet sich die Schullaufbahn, so zeigt sich, dass Mädchen durchschnittlich bessere Noten als Jungen bekommen – auch in den Naturwissenschaften. Allerdings wird auch bereits in diesem Alter der Weg fort von Naturwissenschaft und Technik bereitet: Forscher sprechen von einer „Pinkification“. Spielzeug, Kleidung und Jobangebote werden noch immer spezifisch auf ein bestimmtes Geschlecht ausgerichtet. Entscheiden sich Frauen dann doch für ein Studium im IT-Bereich, werden sie zahlenmäßig von Männern extrem übertroffen: 82 Prozent Männer und 17 Prozent Frauen studieren ein STEM-Fach.

Der Mangel an Frauen, die sich für ein technisches Studium oder eine Ausbildung entscheiden, spiegelt sich dann auch unter den Erwerbstätigen wieder. Zwischen 1991 und 2004 ist die Anzahl von Frauen in Technologieberufen in den USA von 37 Prozent auf 26 Prozent gefallen. In den meisten Technikunternehmen stellen Männer die überwältigende Mehrheit an Arbeits- und Führungskräften: Weltweit befinden sich nur zwischen 11,2 und 18,1 Prozent aller Frauen in einer Führungsposition eines Technologieunternehmens. Das führt auch dazu, dass viele Frauen mit Sexismus konfrontiert sind und sich diesem Berufszweig nicht zugehörig fühlen. Laut einer Studie von The Guardian glauben 73 Prozent der in der Technologieindustrie Arbeitenden, dass diese sexistisch ist. Das zeigt auch, dass es ein Problem in der Arbeitskultur der sogenannten „Brogrammer“ (eine Kombination aus „Brother“ und „Programmer“) gibt. Ein erster Schritt in die richtige Richtung ist die Aktion rund um den Hashtag #ILookLikeAnEngineer, die Frauen in der IT-Branche dazu ermutigt, auf die vorherrschende Situation aufmerksam zu machen und für mehr Diversity zu werben.

Dass auch noch immer mehr Frauen die Branche innerhalb eines Jahres wieder verlassen, macht es schwer, Vorbilder an der Spitze zu etablieren. Das führt weiter zu dem Eindruck einer männerdominierten Technologiewelt und trägt zur weiblichen Entmutigung bei. Glaubt man einer Studie der American Sociological Review, tendieren Personaler dazu, Menschen mit einem ähnlichen kulturellen Hintergrund einzustellen. Sind also die bestimmenden Personaler weiße Männer, sind die Chancen groß, dass auch die Angestellten männliche Weiße sind.

Abgesehen von Sexismus, Vorbildern und Stereotypen ist es aber ganz einfach auch nicht leicht, Kind und (Technologie-)Karriere zu vereinbaren. So begründeten 85 Prozent der von Fortune zu ihrem Ausstieg aus der Technologiebranche befragten Frauen das mit der schlechten Mutterschutzpolitik. Arbeitgeber, die ihre weiblichen Angestellten nicht unterstützen, bringen Frauen davon ab, einen Job in der Technologiebranche zu ergreifen.

Licht am Ende des Tunnels

Dennoch ist die Lage nicht ganz hoffnungslos: Die kürzlich veröffentlichten Diversity Reports von Intel und Apple zeigen einen Fortschritt. Apple vermeldete, dass 2015 mehr als zweimal so viele Frauen wie im letzten Jahr eingestellt wurden; Intel verkündete, dass 43,3 Prozent der Neueinstellungen Frauen und andere „unterrepräsentierte Minderheiten“ ausmachen. Eine von NextGeneration publizierte Infografik zeigt deutlich die lange Periode der Ungleichheit, dennoch sieht man auch Licht am Horizont in Form von Frauen, die einen Meilenstein im STEM-Gebiet setzen: Ginni Rometty, CEO bei IBM, Elaine Coughlan, Mitbegründerin und Partner bei Atlantic Bridge Capital, Cher Wang, Mitbegründerin und Vorsitzende bei HTC – um nur einige zu nennen.

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© NextGeneration, Creative Commons Attribution-Share Alike 4.0 International License

Frauen – Die Zukunft der Technologiebranche?

Alle diese Ergebnisse wirken sich auch auf die Zukunft unserer Gesellschaft und Technologie aus. Denn wie können Devices und Programme für jeden entwickelt werden, wenn nicht jeder in diesen Prozess involviert ist? Frauen machen die Hälfte der Weltbevölkerung aus, also sollten sie auch die Hälfte der Arbeitskraft stellen. Es wird Zeit, sich auf die Gleichberechtigung der Geschlechter zu konzentrieren: Jeder sollte die Möglichkeit haben, auf flexible Arbeitsarrangements zurückzugreifen, mehr Frauen sollten an der Spitze von Technologiefirmen stehen und vor allem sollte mit der gezielten Förderung von Kindern im frühen Alter begonnen werden, um das zu unterstützen, wofür sie sich wirklich interessieren. Das können Naturwissenschaft und Technik für Mädchen sein, genauso wie Design und Sprachen bei Jungen. Warum wir mehr Frauen in Technologieberufen brauchen, zeigt folgendes Video:

Aufmacherbild: Feminist iconic woman rolling up her sleeves von Shutterstock / Urheberrecht: durantelallera

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